Investition trotz Ukraine-Krise Niedersachsen lobt Osnabrücker Delegationsreise nach Russland

Von Jean-Charles Fays | 10.07.2014, 17:57 Uhr

Die Leiterin der Repräsentanz des Landes Niedersachsen in Moskau, Anna Urumyan, hat den Besuch einer regionalen Osnabrücker Delegation aus Politikern und Unternehmern in Russland gelobt. „Aus meiner zehnjährigen Erfahrung bei der Repräsentanz des Landes Niedersachsen ist es das erste Mal, dass es eine regionale Delegation so etwas in der Form macht“, sagte Urumyan unserer Zeitung. Die Ukraine-Krise ändere nichts daran, dass deutsche Geschäftspartner weiterhin sehr respektiert werden. Urumyan nannte als Beispiel dafür die bevorstehende Investition des Osnabrücker Baustoffherstellers quick-mix, der ein zweites Werk in Russland aufbauen will. „Das gilt aber nicht nur für quick-mix, sondern auch für andere Unternehmen“, betonte Urumyan.

Welche konkreten Auswirkungen hat die Ukraine-Krise auf die Wirtschaft?

Anna Urumyan: „Die Frage ist schwer zu beantworten. Wir haben bei der Repräsentanz des Landes Niedersachsen in Moskau in erster Linie mit kleineren Mittelständlern zu tun. Für diese Zielgruppe sind vorwiegend die Kursschwankungen bei den Euro- und Rubel-Kursen entscheidend. Ob es direkte Auswirkungen der Ukraine-Krise sind, das lässt sich nicht sagen. Wir sind jetzt etwa bei 46 Rubel für ein Euro. Insgesamt haben sich die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung verlangsamt. Der Rubel wird langsam stabiler, weil der Erdölpreis anzieht. Viele Partner der Wirtschaft werden zurzeit aber inzwischen nicht mehr nur in Deutschland oder in der EU gesucht, sondern auch in Asien. Die deutschen Partner als Geschäftspartner werden nach wie vor sehr respektiert. Die deutschen Waren werden weiterhin gekauft.

Das Bruttoinlandsprodukt ist von 1,3 Prozent im Jahr 2013 auf 1,0 Prozent bis April 2014 gesunken. Ist das bedenklich?

Für das Jahr 2014 war im Idealfall eine Entwicklung von 2,5 Prozent prognostiziert. Eine pessimistische Schätzung geht aber von 0,6 Prozent aus.Realistisch betrachtet wird die Änderung des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr zwischen 1,0 und 1,3 Prozent liegen.

Die Investitionen sind von Januar bis April um 4,3 Prozent auf 2,6 Milliarden Rubel gefallen. Woran liegt das?

Ja, das stimmt. Viele Investitionen werden in diesem Jahr nicht mehr nach Russland gebracht. Das liegt auch an der Eintrübung des wirtschaftlichen Klimas. Das betrifft aber eher die Großunternehmen, nicht die Kunden, die wir bei der Repräsentanz betreuen. Wir haben eher mit Mittelständlern zu tun. Die investieren nicht sofort. Die verkaufen erst einmal ihre Waren. Die meisten Unternehmen, die wir betreuen, die bleiben hier. Natürlich gibt es Kapitalabfluss. Bei vielen Firmen wird der Gewinn, der hier eingefahren wurde, wieder zurück in die Mutterfirma gebracht. Das ist die klare Tendenz.

Gibt es konkrete Beispiele, wie die handelnden Personen in diesen schwierigen Zeiten bereits „Brücken bauen“?

Die deutsche Wirtschaft hier vor Ort hat sich darauf verständigt, dass sie ihre Geschäfte weiter führen und auf allen Ebenen kommunizieren wollen. Die Wirtschaft soll dafür sorgen, dass sich die Situation entspannt.

Welche Großunternehmen sind von den zurückgehenden Investitionen betroffen?

Wer das genau ist, weiß ich nicht, da sie nicht zu unseren Kunden gehören. Quick-mix aus Osnabrück ist ein schönes Beispiel dafür, dass hier weiter investiert wird. Das gilt aber nicht nur für quick-mix, sondern auch für andere Unternehmen.

Wie bewerten Sie den Brückenbau von Unternehmen der Osnabrücker Delegation ?

Die Kontaktbörse in Moskau war sehr erfolgreich. Es haben sich viele Kontakte entwickelt. Da wurden bestimmt Brücken gebaut. Ich würde mich über ein genaueres Feedback der Unternehmer freuen, welche Geschäfte sich angebahnt haben. Angemeldet haben sich mehr als 100 Unternehmer zur Börse, aber es waren mehr als 50 Unternehmer vor Ort.

Eine Delegation aus Politikern und Unternehmern hat vor einer Woche für 160 Kilometer vom Moskauer Flughafen nach Twer viereinhalb Stunden im Bus benötigt. Wenn man diese infrastrukturellen Probleme bedenkt, wie wichtig ist dann die Autobahn, die zur Fußball-WM 2018 von Moskau nach Twer und von Twer nach Sibirien gebaut werden soll?

Ehrlich gesagt fehlt es in Russland noch an Infrastruktur. Gute Ansätze wurden schon in der Vorbereitung der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi geschaffen. Das hat sich aber eher auf die Region am Schwarzen Meer konzentriert. Da die Fußball-WM aber in mehreren Städten Russlands stattfinden wird, werden besonders die Verbindungen zwischen diesen Städten modernisiert.

Die Moskauer Zeitung „Moskowski Komsomolez“ berichtet von Separatisten, die Grenzposten besetzen und in Russland wie auch in der Ukraine angeworben werden. Sie sollen auch im Grenzraum der Gebiete Lugansk und Donezk zu finden sein. Es ist auch die Rede von Kriminellen, die aus mafiösen Strukturen und der Organisierten Kriminalität stammen, weshalb die Regierungen von beiden Seiten die Grenze dichtmachen wollen. Wie belastend sind solche Informationen für Sie?

Natürlich stimmt das bedenklich. Wir können die Angaben nur lesen, bestätigen können wir sie nicht. Auch die russische Gesellschaft ist unzufrieden mit der aktuellen Situation. Unsere Völker waren immer eng miteinander verbunden. Dass es jetzt zu solchen Auswirkungen kommt, ist natürlich problematisch.

Wie würden Sie es als Leiterin der Repräsentanz in Moskau bewerten, dass die Osnabrücker Delegation mit Wirtschaft und Politik nach Twer und Moskau gekommen ist und versucht hat, diese Geschäfte anzubahnen?

Ich bin begeistert von der Delegation. Als ich sie zwei Tage in Moskau begleitet habe, hat sie einen sehr positiven Gesamtgeist gezeigt. Ich würde mich freuen, wenn Geschäftsbeziehungen entstehen, die wir begleiten und unterstützen können.

Wie viele Städte haben so eine Delegationsreise nach Russland überhaupt schon gemacht?

Aus meiner zehnjährigen Erfahrung bei der Repräsentanz des Landes Niedersachsen ist es das erste Mal, dass es eine regionale Delegation so etwas in der Form macht. Es gibt zwar Delegationen unter der Leitung des Wirtschaftsministers, des Landwirtschaftsministers, des Staatssekretärs oder Delegationen verschiedener Branchen, aber von so einer regionalen Delegation mit Politik und Wirtschaft erlebe ich das zum ersten Mal. Das ist erstaunlich.

Der Osnabrücker Oberbürgermeister Wolfgang Griesert hat Sie nach Osnabrück eingeladen. Wann besuchen Sie die Friedensstadt zum ersten Mal und beraten Unternehmer vor Ort?

In Niedersachsen bin ich das nächste Mal im September zu den Beratertagen. Wenn Osnabrück dann zu interessanten Veranstaltungen zum Thema Russland einen Sprecher braucht, dann komme ich gerne.