IHK-Konferenz Chancen im Onlinegeschäft: Händler im digitalen Aufbruch

Von Melanie Heike Schmidt | 03.06.2016, 22:18 Uhr

Können sich stationäre Händler gegen Online-Riesen wie Amazon und Co. behaupten? Ja, das können sie. Das jedenfalls war das Fazit der Regionalkonferenz der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bad Bentheim.

Volles Haus bei der 32. Regionalkonferenz der IHK Osnabrück-Emsland-Bad Bentheim. Kein Wunder, das Thema E-Commerce und dessen Auswirkungen auf Handel, Städte und Kommunen brennt vielen auf den Nägeln. Wie ernst die Lage ist, stellte Professor Gerrit Heinemann von der FH Niedersachsen gleich zu Beginn klar. „Das Smartphone hat alles verändert“, sagte der gebürtige Osnabrücker, der jahrelang selbst im Handel aktiv war und nun als ausgewiesener Kenner und Analyst insbesondere des digitalen Marktes gilt.

Amazon als Maßstab

Heinemann zeigte unmissverständlich auf: Befeuert durch Smartphones und Tablets verlagert sich das Einkaufsverhalten immer mehr ins Internet, was für stationäre Einzelhändler zur existenziellen Bedrohung wird. Rund 50000 von ihnen könnten Schätzungen zufolge in den nächsten Jahren vom Markt verdrängt werden. „Bereits im Jahr 2015 werden 60 Prozent aller Einzelhandelsumsätze webbasiert sein“, sagte Heinemann. Amazon, der uneinholbare Platzhirsch im Onlinehandel, funktioniere „reibungslos und schnell“, so der Marktexperte. Dies sei der Maßstab für alle anderen. „Amazon kopflos das Feld zu überlassen, treibt die Entwicklung“, warnte er.

Zwischen „Digitalallergie“ und hartnäckigen Mythen

Den allermeisten Einzelhändlern attestierte Heinemann eine Art „Digitalallergie“, die zur Entfremdung zwischen Kunden und Anbietern führe: Nur 30 Prozent der deutschen Händler seien überhaupt online – „eine Katastrophe“. Auch fänden sich in vielen Köpfen immer noch Mythen à la „Der Preis ist alles“. „Der Preis ist nicht alles“, stellte er klar.

Chancen im Internet

Dabei böte das Internet dem Einzelhandel viele Chancen, Kunden zu binden: Beliebt seien etwa Online-Produktbewertungen durch andere Kunden, auch die Möglichkeit, die Verfügbarkeit von bestimmten Produkten abzurufen, komme gut an, ebenso Reservierungsmöglichkeiten oder gar ein Lieferservice. „Die Mehrheit der Händler setzt das nicht um“, sagte Heinemann.

Besser machen als der Branchenriese

Nicht zu dieser Mehrheit gehört Viola Taube, Buchhändlerin aus Nordhorn. Beispielhaft beschrieb sie, wie sich ein kleiner Händler sowohl in der digitalen Welt als auch als ganz reales Ladengeschäft behaupten kann. Ende der Neunzigerjahre, als Amazon zu wachsen anfing, schaute die Buchhändlerin sich den Internetauftritt des Konkurrenten genau an – und beschloss, es besser zu machen. Weil sie „keine Ahnung vom Internet“ hatte, suchte sie sich die Hilfe kundiger Studenten. Mit Erfolg: Heute funktioniert ihre Buchhandlung real und digital. Die Kunden können online kaufen, kommen aber auch gern persönlich vorbei. „Mein Laden ist so schön, ich könnte fast Eintritt nehmen“, sagt sie und lacht.

Wo das Internet Grenzen hat, punktet der Einzelhändler

Manchmal hätten Kunden sogar Amazon-Ausdrucke dabei, zu denen sie Fragen hätten, die das Internet nicht beantworten könne. Auch das sagt Taube mit einem Schmunzeln. Weniger amüsiert ist die Buchhändlerin allerdings über aufwendige Bürokratie und komplizierte Steuersätze.

Rahmenbedingungen anpassen

Hier versprach Reinhold Hilbers, der für die CDU im niedersächsischen Landtag sitzt, Schützenhilfe seitens der Politik. Das Thema hätte man bereits im Landtag eingebracht, so Hilbers. Frank Henning von der SPD verwies überdies auf den Breitbandausbau, der dringend voranzutreiben sei. Und Volker Bajus (Grüne) ergänzte den Katalog um WLAN-Netze, die die Innenstädte aufwerten würden. Diese seien in vielen Ländern längst Standard. „WLAN ist in Deutschland eine absurd rückständige Sache“, so Bajus. Ins gleiche Horn blies auch Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. „Wo WLAN ist, sind junge Leute“, sagte er. Die dann wiederum ganz real zu Käufern werden können.

Mitmachen im Onlinegeschäft

Digital aktiv ist auch Mechthild Möllenkamp, neue Präsidentin des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen und Chefin der Supermärkte GmbH in Osnabrück und ebenfalls als „Beispiel aus der Praxis“ bei der Regionalkonferenz dabei. Möllenkamp probiert in ihren Edeka-Märkten derzeit einen Lieferhandel: Der Kunde bestellt online, dann holt er seine Ware ab oder bekommt sie geliefert. Noch rechne sich der Aufwand kaum. Man müsse im Online-Markt aber mitmachen, so Möllenkamp.

Problem Chancengleichheit

Wichtig sei jedoch Chancengleichheit, hier sei Amazon, der seine Mitarbeiter nach deutlich niedrigeren Tarifen entlohnt, im Vorteil, kritisierte sei – was einige der Anwesenden mit Kopfnicken unterstützten. Trotz der Schwierigkeiten: Als Bedrohung sieht die Kauffrau E-Commerce und Onlinehandel aber dennoch nicht. „Ich glaube, wir müssen davon wegkommen, online zu verteufeln“, sagte sie.

„Handel ist Wandel“

Die Conclusio der lebhaften Debatte: Der Markt verändert sich rasant, also müssen sich die Händler – ihrer „Digitalallergie“ zum Trotz – anpassen. Oder wie es IHK-Präsident und Hausherr Martin Schlichter am Ende passend formulierte: „Handel ist Wandel“.