„Geflügel-Charta“ veröffentlicht Geflügelbranche will weg vom Schmuddel-Image

10.09.2015, 17:49 Uhr

Nach mehreren Tierhaltungsskandalen gelobt die deutsche Geflügelfleischwirtschaft Besserung und hat eine „Geflügel-Charta“ aufgelegt. Wer dagegen verstößt, muss mit Sanktionen bis hin zum Ausschluss rechnen. „Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein“, heißt es in der am Donnerstag veröffentlichten mehrseitigen Papier.

Tierwohl und Tiergesundheit werden darin zur „zentralen Aufgabe“ erklärt. Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte das Dokument als „Werbeprospekt“ ohne konkrete Ziele. Ähnlich äußerte sich auch der Tierschutzbund auf Anfrage unserer Redaktion.

8000 angeschlossene Betriebe

 Hinter der Charta stehen die rund 8000 im Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) zusammengeschlossenen Betriebe und damit rund 95 Prozent der Hähnchen- und Putenfleischerzeugung. Auch der bekannte Geflügelproduzent Wiesenhof, der wegen Hygienemängeln und Tierquälerei-Vorwürfen mehrfach in der Kritik stand, ist dabei. (Weiterlesen: Interview mit Wiesenhof-Chef Peter Wesjohann) 

Die Halter hätten klar signalisiert, dass schwarze Schafe in der Branche nichts zu suchen hätten, sagte ZDG-Geschäftsführer Thomas Janning. „Wenn wir in der nächsten halben Stunde losfahren und ohne Vorankündigung einen Betrieb besuchen, dann möchte ich das ohne Zweifel tun, dass da vielleicht etwas nicht in Ordnung ist.“

„Verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika“

Die Geflügelproduzenten bekennen sich außerdem zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika, zu sozialen Standards und ehrlicher Verbraucherinformation. Was die umstrittene Praxis des Schnabelkürzens angeht, verweist die Charta auf eine freiwillige Vereinbarung mit dem Agrarministerium. Demnach wird bis Ende 2017 eine „Machbarkeitsprüfung“ zumindest für Putenhennen angestrebt. (Weiterlesen: Geflügelverband fordert bessere Fleischkennzeichnung) 

Lob und Tadel vom Minister

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) begrüßte auf Anfrage unserer Redaktion „das Bekenntnis zu mehr Tierschutz und Nachhaltigkeit“. Zugleich bemängelte der Politiker aber auch die in der Charta zum Ausdruck gebrachte Skepsis bezüglich Antibiotikaeinsatz im Stall und Keimerkrankungen beim Menschen. „Aber das Bewusstsein bei den Geflügelhaltern für diese Problematik ist gewachsen“, attestierte Meyer. Bereits jetzt lägen die Masthühner in Niedersachsen unter dem bundesweiten Behandlungsschnitt.

Foodwatch kritisiert seit Langem die Haltung in der Geflügelmast. Die extreme Gewichtszunahme führe bei den Puten häufig dazu, dass die Tiere sich nicht mehr auf den Beinen halten könnten und umkippten, schilderte Tierschutz-Expertin Luise Molling. Viele Masthühner hätten entzündete Fußballen. Dass die Tiere oft in nur gut 30 Tagen zum Schlachtgewicht gemästet würden, sei eine extreme Belastung für den kleinen Organismus. In vielen Ställen habe ein Huhn gerade einmal ein DIN-A5-Blatt Platz, prangerte Molling an.

Kritik vom Tierschutzbund

Lea Schmitz vom Tierschutzbund sagte, nach wie vor seien die Ställe bei Masthähnchen zu voll. Gegen Ende eines Mastdurchlaufs drängelten sich 17 bis 21 Hühner auf einem Quadratmeter. Schmitz kritisierte, es entstehe der Eindruck, „dass die Veröffentlichung der Charta vor allem das angeschlagene Image der Geflügelhaltung aufbessern soll“ oder aber gesetzlichen Vorgaben zuvorgekommen werden sollte.

Die bemängelten Punkte finden sich alle nicht explizit in der Charta. Die Züchter konzentrierten sich aber schon seit Jahren stark auf Tierwohl-Kriterien wie etwa Beinstabilität, sagte Janning.

Skandalvideos in der Vergangenheit

In den vergangenen Jahren hatten auch immer wieder Aufnahmen von Aktivisten für Aufsehen gesorgt, die Tierquälerei in Geflügelhöfen belegen sollen. Ende 2014 gelangte etwa ein Video aus einem Entenmastbetrieb in Brandenburg an die Öffentlichkeit, das zeigt, wie Enten mit einer Mistgabel erschlagen und aufgespießt werden.„Solche Dinge sind absolut inakzeptabel“, sagte Janning. Der Imageschaden belaste auch alle anderen Produzenten. Nun komme es darauf an, die Umsetzung der nun vorgestellten Charta zügig voranzutreiben. „Was da steht, ist geduldiger Text. Wir müssen das jetzt auch leben.“

 Im ZDG sind Hähnchen- und Putenhöfe, Zuchtunternehmen, Brütereien und Schlachtereien organisiert, außerdem noch Verarbeiter und Vermarkter. Der Spitzenverband vertritt auch Öko-Betriebe, bekennt sich aber in der Charta ausdrücklich dazu, dass Geflügelfleisch „für alle Bevölkerungsgruppen erschwinglich bleiben“ soll.

Die Charta zum Nachlesen auf der Internetseite des Zentralverbandes: www.zdg-online.de 

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