„Fachliche Mängel kommen dazu“ Unternehmen: Lehrlingen fehlt Disziplin

Von Beate Tenfelde | 14.06.2016, 15:06 Uhr

Der Deutsche Industrie-und Handelskammertag (DIHK) schlägt Alarm: Fast jeder dritte Betrieb (31 Prozent) kann Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen. Im Osten blieben sogar in nahezu der Hälfte der Unternehmen (45 Prozent) Lehrstellen frei. DIHK-Präsident Eric Schweitzer zeigte sich gestern besonders besorgt, dass in der Ausbildungsumfrage 2016 die Betriebe nicht nur fachliche Mängel der Jugendlichen, sondern vor allem Defizite bei Disziplin, Belastbarkeit und Leistungsbereitschaft beklagt hätten.

48 Prozent der vom DIHK befragten Unternehmen haben danach schlechte Disziplin, 58 Prozent den Mangel an Leistungsvermögen und 49 Prozent unzureichende Belastbarkeit der „Azubis“ beanstandet. Dieser Mangel an sozialen Kompetenzen sei in den Betrieben kaum auszugleichen, sagte Schweitzer. Lern-und Leistungsschwächen würden weitgehend von den Unternehmen aufgefangen. Rund 75 Prozent der Ausbilder hätten sich darauf eingestellt und hätten die Anforderungen an Lehrlinge gesenkt. 40 Prozent der Betriebe böten eigene Nachhilfe an. „Dabei gehört Bildung zu den Kernaufgaben des Staates“ betonte Schweitzer. Er erwarte mehr Investitionen und Einsatz des Staates. 54 Prozent der Firmen hätten bei den Jugendlichen schlechte Deutschkenntnisse kritisiert, in Mathematik falle das Urteil ähnlich vernichtend aus. 31 Prozent der Betriebe sähen hier Defizite in der gesamten Belegschaft, 77 Prozent beklagten negative Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe. „Noch nie war die Lage so kritisch“, mahnte der Wirtschaftsvertreter.

„Es läuft nicht rund“

Der DIHK-Präsident hob hervor, dass 90 Prozent der Unternehmen das Beherrschen der deutschen Sprache als „das A und O“ für den Einstieg in den Arbeitsmarkt erachten. 10 000 junge Flüchtlinge hätten es daher nur zu einer Lehrstelle gebracht. Vorausgegangen sei im Durchschnitt ein 22 -monatiger Aufenthalt in Deutschland. „Rechnen wir die Ausbildung hinzu, dauert es fünf bis sieben Jahre, bis ein Flüchtling reif für den Arbeitsmarkt ist“, sagte Schweitzer. Er hob hervor, dass auch die Wirtschaft Ausbildung und Arbeit für die entscheidende Voraussetzung zur Integration halte und zahlreiche Aktivitäten gestartet habe. Drei von vier Unternehmen seien zum Beispiel bereit, Praktika anzubieten und so die Chancen beruflicher Bildung aufzuzeigen. „Das alles braucht Zeit“, sagte Schweitzer. Noch laufe der Übergang in die Ausbildung von Flüchtlingen laufe „noch nicht rund“.

Laut DIHK-Umfrage schlägt die Überalterung Deutschlands immer stärker durch. 2016 verlassen danach rund 120 000 junge Menschen weniger die Schulen als noch vor zehn Jahren. Verschärft werde die Situation durch einen „Run“ auf Hochschulen. 2015 hätten eine halbe Million junger Menschen ein Hochschulstudium begonnen. „Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt spitzt sich dramatisch zu“ , sagte Schweitzer. 14 000 der online befragten 11 269 Unternehmen hätten angegeben, gar keine Bewerbungen mehr zu bekommen. Andere lockten junge Menschen mit „Geschenken“ wie einem Smartphone oder Tickets für das Fitness-Studio beziehungsweise Prämien.

DGB: Fata Morgana

Nach Ansicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ist der bundesweite Azubi-Mangel „eine Fata Morgana“. Den 41 000 offenen Ausbildungsplätzen stünden zurzeit mehr als 80 000 Jugendliche gegenüber, die noch einen Ausbildungsplatz suchten. Zudem befänden sich 270 000 junge Menschen in den Warteschleifen zwischen Schule und Ausbildung. Die Spitzenverbände der Wirtschaft hätten statt der bisher versprochenen 20.000 zusätzlichen Ausbildungsplätze nur 7 300 gemeldet, sagte Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende. „Da ist noch Luft nach oben“, betonte sie..

Die 41 000 offenen Plätze konzentrierten sich seit Jahren vor allem auf die Hotel- und Gastronomiebranche sowie auf das Lebensmittelhandwerk - und damit genau auf die Problembranchen in Sachen Ausbildungsqualität, meinte Hannack. Die jungen Menschen beklagten hier eine schlechte fachliche Ausbildung, einen rüden Umgangston und Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz. „Wer junge Menschen für eine Ausbildung in einem Betrieb gewinnen will, muss ihnen eine gute Ausbildung und vernünftige Entwicklungsperspektiven bieten“, sagte Hannack.