Deutsch-Indische Handelskammer: „Indien hat den größeren Nachholbedarf als China“

Von Christian Schaudwet | 25.07.2014, 08:30 Uhr

Indien gilt als riesiger Zukunftsmarkt mit ähnlichem Potenzial wie China. Aber die Konjunktur schwächelt, Bürokratie, Rivalitäten und verkrustete Strukturen bremsen die Wirtschaft. Kürzlich berichtete der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer, Bernhard Steinrücke, bei der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim über das Land. Im Interview sprach er über Indiens Perspektiven unter dessen neuer Regierung.

Herr Steinrücke, Sie arbeiten in der Wirtschaftsmetropole Mumbai und haben die indische Parlamentswahl verfolgt. Wie schätzen Sie die wirtschaftlichen Perspektiven Indiens unter seinem neuen Premier Narendra Modi ein? Kann er Indiens Probleme lösen?

Die wirtschaftlichen Perspektiven Indiens unter der neuen Regierung sind äußerst positiv. Das derzeitige Wirtschaftswachstum von weniger als fünf Prozent liegt weit unter den Möglichkeiten. Durch relativ wenige deutliche Schritte kann die lahmende Konjunktur in Indien angeschoben werden. Sicherlich kann Herr Modi nicht alle Probleme Indiens lösen, aber schon in den ersten Wochen seiner Amtszeit hat er deutlich gemacht, dass er entscheidende Probleme angehen wird, etwa in der Infrastruktur, der Bürokratie und der Korruptionsbekämpfung.

Die neue Regierungspartei BJP und ihr hindu-nationalistisches Umfeld gelten nicht gerade als Protagonisten des Ausgleichs zwischen Hindus und Muslimen. Modis persönliche Rolle bei Pogromen in Gujarat im Jahre 2002 ist nach wie vor ungeklärt. Müssen Unternehmen mit Geschäftsinteressen in Indien nun mit neuen Spannungen und neuer Gewalt rechnen?

Eine persönliche Verantwortung von Herrn Modi bei den Pogromen in Gujarat konnte ihm nie nachgewiesen werden, und tatsächlich hat es in seiner Amtszeit und bis heute keine Ausschreitungen dieser Art in Gujarat mehr gegeben. Deshalb müssen die Unternehmen meines Erachtens nicht mit besonderen Spannungen rechnen, wiewohl in einem Land der Größe und Komplexität Indiens mit seinen diversen Bevölkerungsgruppen Ausschreitungen nie auszuschließen sind.

Indien ist mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern und seiner wachsenden Mittelschicht ein potenziell riesiger, chancenreicher Markt für deutsche Exporteure und Investoren. Dennoch schreckt Indien viele ab. Warum?

Heute sind in Indien 1800 deutsche Firmen engagiert, und gerade in den letzten fünf Jahren kamen zahlreiche neue Firmen hinzu, oder bestehende haben investiert und expandiert. Sicherlich können Genehmigungsverfahren in Indien mühsam sein, aber im Umgang mit der Bürokratie sind deutsche Firmen ja gestählt.

Wenn deutsche Unternehmen an asiatische Wachstumsmärkte denken, denken die meisten vor allem an China. Wie beurteilen Sie langfristig den indischen Markt im Vergleich zum chinesischen?

Indien ist im Vergleich zu China der Markt mit dem größten Nachholbedarf. Zwölf Pkw pro tausend Einwohner sind nur ein Beispiel. Deshalb hat der indische Markt mittel- und langfristig größeres Potenzial als der zunehmend gesättigte chinesische Markt.

Indien hat hoch qualifizierte Software-Entwickler, Talente in anderen Disziplinen und international erfolgreiche Unternehmer. Sehen Sie Innovationen aus Indien, die auch das Leben der Menschen in Europa beeinflussen werden – oder es bereits tun?

Tatsächlich ist die Software-Industrie das indische Wirtschaftswunder. Viele der Innovationen, die es heute schon gibt, die wir im täglichen Leben aber gar nicht bemerken, resultieren aus der Software. Aber auch im Bereich des sogenannten frugal engineering – also beim Entwickeln von Technologien mit reduzierter Komplexität– sind internationale Firmen in Indien mit indischen Mitarbeitern weltweit führend. Für die Zukunft wird Indien im Bereich Industrie 4.0 mit seinen Softwarekapazitäten eine ganz entscheidende Rolle in der Verbindung von Internet und Fertigung spielen können. Auch deshalb verlagern mehr und mehr deutsche, aber auch internationale Firmen Teile ihrer Softwareentwicklung nach Indien.