Deformierte Knochen und Herzprobleme EU-Bericht zu Masthähnchen: Grüne sprechen von Qualzucht

Von Dirk Fisser | 09.06.2016, 20:53 Uhr

Der Mensch hat sich das Huhn in den vergangenen Jahrzehnten nach seinen Bedürfnissen geformt. Weniger als 30 Tage brauchen Masthähnchen mittlerweile, um ein Gewicht von 1,5 Kilogramm zu erreichen. In den 50er-Jahren dauerte das noch ganze 120 Tage. Die Zuchterfolge haben ihren Preis. Die Grünen im Bundestag sprechen von Qualzucht. Die Branche hält dagegen.

Auslöser der Debatte ist ein Bericht der EU-Kommission zu Auswirkungen der genetischen Selektion – sprich Zucht – auf das Wohlbefinden der Masthähnchen in Europa. Demnach „weisen rund 30 Prozent der Masthähnchen in Intensivhaltung Beinabnormalitäten auf.“ Die Kommission spricht von Knochendeformationen und Lahmheit vermutlich in Folge des Zuchtziels: schnelles Wachstum. (Weiterlesen: Weser-Ems: 90 Millionen Stallplätze für Geflügel)

Als weiteres Problem identifiziert die Kommission den plötzlichen Herztod bei Hähnchen. Dies sei häufigste Todesursache und betreffe vor allem schnellwachsende männliche Tiere.

Grüne: Schmerz und Leid zurückdrängen

Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, sieht sich bestätigt: „Es handelt sich um Qualzucht, wenn 30 Prozent der Tiere deformierte Knochen haben.“ Nach Paragraf 11 des Tierschutzgesetzes ist es verboten, Tiere zu züchten, die aufgrund der veränderten Körpereigenschaften Schmerzen erleiden. „Es muss unser Anspruch sein, Schmerz und Leid zurückzudrängen“, betont Ostendorff.

Was sagt dazu die deutsche Geflügelwirtschaft, die nach eigenem Bekunden, die beste der Welt sein will? Der Zentralverband ZDG weist darauf hin, dass Wachstum und schnelles Ansetzen von Brustfleisch längst nicht mehr die Hauptkriterien der Zucht seien. 30 Prozent der Zuchtkriterien seien mittlerweile Faktoren, die das Tierwohl positiv beeinflussen sollen. Zudem sei bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen der Tiere, die letztlich zum plötzlichen Herztod führen können, in den vergangenen Jahren ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen gewesen. (Weiterlesen: Geflügelbranche will weg vom Schmuddel-Image)

Zuchterfolge brauchen Zeit

Der ZDG weist allerdings auch auf etwas hin, was schon die Kommission betont: Bis sich durch Zucht etwas verbessert, kann es dauern. Mindestens vier Jahre vergehen, bis sich Verbesserungen zeigen. Der Zentralverband schlussfolgert: Künftig werden sich Fortschritte noch stärker bei den Tieren im Stall zeigen.

Der Bericht aus Brüssel lobt ebenfalls Besserungen, betont aber auch, dass auf dem europäischen Markt nach wie vor der Fokus auf einer hohen Futterverwertung liege, sprich: schnelle Gewichtszunahme. Aufgrund des Marktdrucks bestehe „derzeit kein ausreichender Anreiz für Zuchtbetriebe, Merkmalen des Wohlbefindens ein größeres Gewicht in ihren Zuchtprogrammen zu verleihen.“

Unternehmen nicht besonders auskunftsfreudig

Auf was die Kommission diese Erkenntnis stützt, bleibt offen. Denn an andere Stelle weist sie daraufhin, dass die wenigen marktbeherrschenden Zuchtfirmen für Masthähnchen Informationen mit Verweis auf Unternehmensgeheimnisse nicht preisgeben würden.

Ein Umstand, den Grünen-Politiker Ostendorff beklagt: „Wir wissen nicht, was die da machen“, sagt er. Daten müssten offengelegt werden. Hier sieht er die Bundesregierung in der Pflicht. Die betont auf Anfrage: „Der Bundesregierung ist der Tierschutz ein besonderes Anliegen.“ Das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium verweist auf unterschiedliche Aktivitäten in dem Bereich: Forschungsprojekte zu Tierschutzindikatoren würden gefördert, und Themennetzwerke geknüpft, die das Thema Tierwohl im Fokus hätten. (Weiterlesen: Für mehr Tierschutz: Land schaut Hühnern auf die Füße)

Und das Ministerium verweist auf insgesamt vier Erklärungen zur Verbesserung des Tierschutzes, die Deutschland, Dänemark, die Niederlande und Schweden gemeinsam unterzeichnet und an die EU-Kommission übermittelt hätten. In dem Bericht zum Wohlbefinden der Hähnchen in Europa stellt die Kommission allerdings fest, dass derzeit kein Bedarf für gesetzgeberische Maßnahmen bestünde.

Der Bericht der EU-Kommission kann im Internet als PDF-Dokument heruntergeladen werden. Beispielsweise auf der Seite des österreichischen Parlaments (hier klicken).