Blick in die Zukunft nach „Dieselgate“ Neue Strategie: VW setzt auf E-Autos und autonomes Fahren

16.06.2016, 07:18 Uhr

Die Probleme um die Manipulationen von Dieselmotoren haben Volkswagen in eine schwere Krise gestürzt. Die Perspektive für die Zukunft sieht der Konzern jetzt in einem grundlegenden Umbau. Dafür muss vor allem die Kernmarke profitabler werden.

Konzernchef Matthias Müller stellte am Donnerstag in Wolfsburg die neue Strategie des Konzerns vor, ihr Name: Together - Strategie 2025. Europas größter Autobauer will sich damit nach dem Abgas-Skandal grundlegend neu aufstellen und die Elektromobilität massiv ausbauen. (Lesen Sie dazu auch unseren Liveblog zur Pressekonferenz.)

Schwerpunkte

Weitere Schwerpunkte sind das autonome Fahren und neue Mobilitätsdienstleistungen. Sie sollen neben dem klassischen Kerngeschäft die zweite Säule des Konzerns werden. Volkswagen solle für das „neue Zeitalter der Mobilität“ umgebaut werden, sagte Müller bei der Vorstellung der neuen Unternehmensstrategie bis zum Jahr 2025. In den Umbau will VW in den nächsten neun Jahren einen zweistelligen Milliardenbetrag investieren.

Die strukturellen Veränderungen im Konzern hätten im vergangenen Jahr mit seinem Amtsantritt am 25. September begonnen, betonte Müller. Durch eine Effizienzsteigerung in allen Bereichen des Konzerns - auch Forschung und Entwicklung sowie Verwaltung - rechnet der Konzern mit Einsparungen von rund acht Milliarden Euro pro Jahr.

Große Veränderungen

Mit der neuen Strategie reagiert VW auch auf die fundamentalen Veränderungen in der Autobranche. Die beiden großen Zukunftsthemen sind alternative Antriebe wie Elektromotoren und die digitale Revolution mit mehr Internet im Auto. Müller sprach von einem „epochalen Wandel“. Der Wettbewerb werde schärfer. Neben den klassischen Autobauern drängen auch IT-Konzerne wie Google oder Apple ins Autogeschäft.

„Die technologischen Megatrends stellen traditionelle Geschäftsmodelle infrage, auch weil sich mit ihnen die Kundenbedürfnisse massiv verändern“, erläuterte Müller. Bei den Mobilitätsdienstleistungen geht es etwa um mehr miteinander vernetzte Fahrzeuge, mehr individuelle Mobilität und mehr Geschäfte mit IT und Software. Erst vor Kurzem war Volkswagen mit 267 Millionen Euro bei der Taxi-App Gett eingestiegen. Müller rechnet bei den Mobilitätsdienstleistungen mit einem hohen Umsatzanteil im Jahr 2025.

Initiativbewerbungen

Für diesen Bereich und das Feld autonomes Fahren ist die Einstellung von rund 1000 Software-Spezialisten geplant. Müller erwähnte die hohe Zahl von Initiativbewerbungen, die für diesen Bereich in den vergangenen Monaten eingegangen seien. Das zeige, dass man dem Konzern auch auf diesem Gebiet etwas zutraue.

Batterietechnologie

VW will außerdem die Batterietechnologie als „neues Kompetenzfeld“ erschließen, wie Müller ankündigte. Mit Hochdruck wird auch eine eigene Fabrik für Batteriezellen geprüft. Hier wie auch in anderen Bereichen stehe derzeit alles auf dem Prüfstand, auch eine Zusammenarbeit mit anderen Autokonzernen, stellte der Konzernchef auf entsprechende Fragen klar. Man werde sich intensiv alle damit in Zusammenhang stehenden Fragen anschauen - von der Rohstoffgewinnung bis zum fertigen Produkt.

Eigenes Batteriewerk?

Bisher sind deutsche Autobauer bei Batteriezellen abhängig von Zulieferern vor allem aus Asien. Batteriezellen sind wesentliche Bestandteile von E-Autos.

Mit Blick auf den Abgas-Skandal sagte Müller, die Bereitschaft für Veränderungen im Konzern sei deutlich gewachsen. VW hatte mit einer Software Abgastests bei Millionen von Dieselfahrzeugen manipuliert. Dies hat den Konzern in eine schwere Krise gestürzt. Der Skandal habe auch Schwachstellen aufgedeckt, sagte Müller: „Die Stichworte lauten hier vor allem: Struktur, Kultur und Effizienz.“

Aus Sicht Müllers könnte schon in etwa zehn Jahren auf dem Weltmarkt jeder vierte Neuwagen rein batteriebetrieben sein und so ohne herkömmliche Verbrennungsmotoren auskommen. Von der wachsenden Bedeutung der Elektromobilität wollen auch die Wolfsburger profitieren: Müller kündigte an, die rein batteriebetriebenen Fahrzeuge des Konzerns sollen im Jahr 2025 „rund 20 bis 25 Prozent“ vom dann erzielten Gesamtabsatz ausmachen. Wobei er sich auf das Jahr 2025 nicht exakt festlege.

Für einen Durchbruch der Elektromobilität müssten die Voraussetzungen stimmen: Infrastruktur, Reichweite und Preis des Angebots. Um die vorgeschriebenen Abgaswerte mit herkömmlicher Motorentechnik einzuhalten, müssten auch die Kunden erheblich mehr investieren als bisher. Schon allein deshalb glaubt Müller, dass der Elektroanteil in den Fahrzeugen in Zukunft steigen werde.

Auch die Entwicklung der Brennstoffzelle als Antrieb lasse man nicht aus dem Auge. Wenn es so weit sei, „werden wir bereit sein“, erklärte der Konzernchef.

Eigener Bereich für Teilewerke

Müller kündigte darüber hinaus eine Neuausrichtung für die Komponentenwerke an und will seine hausinternen Zulieferer in einem eigenständigen Unternehmen bündeln. Dazu prüft der Konzern, ob diese neue Einheit auch mit der Konkurrenz Geschäfte machen könnte. Der Konzernchef nannte aber keinen Zeitplan. Er sprach nur davon, dass die neu aufgestellten Komponentenwerke „zu gegebener Zeit auch im externen Wettbewerb“ arbeiten könnten. „Die Neuausrichtung der Komponente ist für unser Unternehmen ein großer Schritt.“

Der Geschäftsbereich zähle 67000 Mitarbeiter an 26 Standorten verschiedener Marken auf fünf Kontinenten. Damit wäre der hauseigene Zulieferer, der etwa Motoren, Getriebe, Chassis-Elemente oder Kunststoffteile produziert, bei einem externen Auftritt auf dem Markt auf einen Schlag einer der größten Zulieferer zumindest in Europa.

Ein Großteil der Komponentenwerke im Konzern fällt derzeit unter den VW-Haustarif. Ob das so bleibt oder ob etwa Neueinstellungen in dem künftig gebündelten Unternehmen anders behandelt werden, ist unklar. Für derartige Detailfragen sei es noch zu früh, es stehe schließlich erst die Grundsatzentscheidung für eine Neuaufstellung, sagte Müller.

Der Sitz der neuen Gesellschaft solle in Wolfsburg oder in der näheren Umgebung angemeldet werden. Salzgitter und Braunschweig sind niedersächsische Komponentenwerke. Auch in Kassel gibt es eine Teilefabrik, wo keine fertigen Autos vom Band laufen.

VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh begrüßte die Reform für die Teilewerke ausdrücklich. Für die Kollegen bleibe alles beim Alten. Es gehe nur um eine Neuordnung im „Überbau“, um besser zu steuern und zu planen. „Die VW-Kollegen bleiben VW-Kollegen, so wie die Audi-Kollegen Audi-Kollegen bleiben. Und das gilt dann auch für die jeweiligen Tarifverträge.“ So bleibe auch ein Audi-Werk ein Audi-Werk und ein VW-Werk ein VW-Werk. „Wir wollen aber eine gemeinsame Steuerung - unter Einbindung der Marken und der Betriebsräte, die unsere Komponentenwerke der Marken noch wettbewerbsfähiger macht“, sagte er am Rande der Strategievorstellung.

Problem Effizienz

Müller erklärte, um dem Umbau des Konzerns zu finanzieren, müsse Volkswagen profitabler werden. „Wir müssen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette, in allen Marken und Bereichen effizienter werden.“ VW liege derzeit bei wesentlichen Kennzahlen zum Teil deutlich hinter den Besten der Branche. „Das kann und das wird so nicht bleiben.“ Dazu beitragen solle auch ein „Zukunftspakt“, über den derzeit zwischen Management und Betriebsrat verhandelt wird. Vor allem die Konzern-Kernmarke VW mit Modellen wie dem Golf und dem Passat ist ertragsschwach.

VW bricht außerdem mit dem bisherigen Ausbau seiner großen Palette an Fahrzeugvariationen. „Die Gesamtzahl unserer heute rund 340 Modellvarianten werden wir reduzieren.“ Er räumte Wildwuchs bei der Gleichteilestrategie ein, mit der der Konzern versucht, möglichst viele identische Bauteile in unterschiedlichen Modellen einzusetzen. „Die Baukästen sind der richtige Weg. Aber wir waren dabei, uns zu verzetteln“, sagte Müller. Künftig werde VW statt wie bisher mit zwölf Varianten nur mit vier großen Baukästen, je einem für Economy-Fahrzeuge, für Volumenmodelle, für Premiumfahrzeuge und für Sportwagen, arbeiten.