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Studie Ausländer und Hauptschüler finden schwerer Ausbildungsplätze

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Der „Ländermonitor berufliche Bildung 2017“ betrachtet die Ausbildungssituation in Deutschland zwischen 2007 und 2015. Foto: Julian StratenschulteDer „Ländermonitor berufliche Bildung 2017“ betrachtet die Ausbildungssituation in Deutschland zwischen 2007 und 2015. Foto: Julian Stratenschulte

nika/dpa Düsseldorf. Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind für viele junge Menschen ohne Abitur in Deutschland deutlich schlechter. Besonders schwer haben es laut einer Bertelsmann-Studie aber ausländische Jugendliche ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Der DIHK sieht eine Trendwende jedoch bereits geschafft.

Ausländische Jugendliche sowie Hauptschüler haben in Deutschland nur trübe Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. Laut einer am Montag veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt bundesweit gut die Hälfte aller „Jugendlichen ohne deutschen Pass“ nicht an eine Ausbildungsstelle im dualen System oder Schulberufssystem. Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss haben es genauso schwer. In der Untersuchung werden allerdings die seit 2015 nach Deutschland zugezogenen Schutz- und Asylsuchenden noch nicht berücksichtigt.

Zahlen zwischen 2007 und 2015/16 einbezogen

Der „Ländermonitor berufliche Bildung 2017“ - die zweite Ausgabe dieser Bertelsmann-Studie - betrachtet die Ausbildungssituation in Deutschland sowie in jedem einzelnen Bundesland zwischen 2007 und 2015/2016.

Mit Blick auf die Gruppe der Jugendlichen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, die Flüchtlinge einschließt, betonte Jörg Dräger als Vorstand der Bertelsmann-Stiftung die Wichtigkeit der Integration. Hier leisteten die Bundesländer mit Sonderprogrammen wie Sprachkursen einen wichtigen Beitrag. „Die beruflichen Schulen übernehmen zunehmend integrations- und sozialpolitische Aufgaben - dafür müssen sie finanziell, technisch und personell ausgerüstet werden“, sagte Dräger.

Schülern Chancen geben

Eine „Frage der Gerechtigkeit“ sei es zudem, Hauptschülern den Zugang zu Ausbildungsplätzen zu erleichtern. „Denn wer Abitur macht, hat einen Ausbildungsplatz praktisch sicher. Wer einen Haupt- oder mittleren Schulabschluss hat, geht dagegen auf dem Arbeitsmarkt häufig leer aus“, erklärte Dräger. Insgesamt wurden 2016 laut der Studie bundesweit von den Betrieben 80 000 duale Ausbildungsplätze weniger angeboten als noch 2007. Und die Zahl der Bewerber ging in diesem Zeitraum um 155 000 zurück. Als „besonders dramatisch“ wird der Rückgang der dualen Ausbildung in den östlichen Bundesländern bewertet, in denen zwischen 2007 und 2016 die Zahl der Ausbildungsplätze um 40 Prozent und der Bewerber um 46 Prozent gefallen sei.

Bildungsministerin betont gute Chancen auf Ausbildungsplatz

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hatte am vergangenen Mittwoch zur Vorstellung der neuesten Zahlen vom Ausbildungsmarkt die guten Chancen junger Menschen auf einen Ausbildungsplatz betont. Laut ihrem Haus ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in diesem Jahr leicht auf 523 300 gestiegen. Es sind damit 3000 mehr als im Vorjahr. Die Zahlen des Bundesbildungsministerium zur Entwicklung im Teilbereich duale Ausbildung sind laut Bertelsmann-Stiftung nicht im „Ländermonitor“ 2017 berücksichtigt.

DGB fordert Engagement der Firmen

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) rief die Betriebe auf, mehr Hauptschülern eine Chance zu geben. „Es birgt sozialen Sprengstoff, wenn Unternehmen lauthals über einen vermeintlichen Azubi-Mangel klagen, sich aber von Hauptschülern abwenden“, meinte Vizechefin Elke Hannack. „Nicht einmal jeder zweite Jugendliche mit Hauptschulabschluss schafft den direkten Sprung in Ausbildung. Die Betriebe müssen sich diesen Jugendlichen wieder öffnen.“

DIHK sieht Trendwende geschafft

Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer, sieht den „Turnaround“ geschafft. „Bewerber um einen Ausbildungsplatz haben heute bessere Chancen als noch vor wenigen Jahren – das gilt auch für Hauptschüler wie für Jugendliche mit Migrationshintergrund.“ Etwa 75 Prozent der Hauptschüler würden letztlich den Einstieg in die berufliche Bildung finden. Obwohl viele Berufe komplexer geworden seien, hätten sich seit 2007 die Chancen von Hauptschülern auf einen Ausbildungsplatz im dualen System deutlich verbessert.

Außerdem, so Derks, erfasse die Bertelsmann-Studie nur den Zeitraum bis 2015/16 und bilde so nicht das erfolgreiche Engagement der Beteiligten zur Integration von Flüchtlingen ab. „Und das Engagement der Unternehmen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ist weiterhin hoch. Das berichten uns die IHKs nach zwei Jahren unseres gemeinsamen Aktionsprogramms zur Integration von Geflüchteten.“ Neben mehr Rechts- und Planungssicherheit für die Unternehmen seien gute Sprachkenntnisse der Geflüchteten besonders wichtig. Fast drei Viertel der IHKs würden allerdings das Angebot an berufsbezogenen Sprachkursen noch nicht für ausreichend halten.

23 Milliarden für die Ausbildung künftiger Fachkräfte

Laut Dercks investiert die deutsche Wirtschaft in die Ausbildung ihrer künftigen Fachkräfte jedes Jahr rund 23 Milliarden Euro und sucht händeringend nach Nachwuchs. „Unternehmen bieten leistungsstarken Jugendlichen attraktive Zusatzangebote, wie Auslandsaufenthalte oder Zusatzqualifikationen und stemmen sich so gegen den Trend zum Studium. Darüber hinaus fördern und begleiten sie vielfach leistungsschwächere Azubis in der Ausbildung.“ Jugendliche müssten mehr über die Ausbildungsinhalte erfahren sowie die damit verbunden guten Zukunftschancen. „Wir dürfen nicht nachlassen, mit Vorurteilen in den Köpfen vieler Schüler und Eltern aufzuräumen, und müssen die berufliche Bildung noch viel stärker als lohnende Alternative zum Studium zu bewerben.“ Das gilt für Dercks insbesondere für die Abschlüsse Meister oder Fachwirte, die zudem gute Verdienstmöglichkeiten böten und noch besser vor Arbeitslosigkeit schützten als ein Studium. „An dieser Chancengleichheit müssen aber alle mitarbeiten. Es gilt: Wer für berufliche Bildung einsteht, sollte sie nicht kleinreden, sondern mit den anderen Beteiligten an gemeinsamen Lösungen arbeiten.“ In diesem Jahr hätten über 33000 Schüler weniger die allgemeinbildenden Schulen verlassen als im Vorjahr – dennoch gebe es ein Plus von rund 3000 Ausbildungsverträgen. „Die Unternehmen konnten also wieder mehr junge Menschen für die berufliche Bildung begeistern. Zu Ausbildungsbeginn 2017 kamen auf 23700 Jugendliche, die einen Arbeitsplatz suchten 48900 unbesetzte Ausbildungsplätze.“


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