Studie deckt Missstände auf Vergessene Schweine: Wie Tierschutzverstöße verschwinden

Von Dirk Fisser

In der Schweinehaltung gibt es laut Studie Probleme mit kranken Tieren. Diesen Schweinen geht es gut. Foto: Jörn MartensIn der Schweinehaltung gibt es laut Studie Probleme mit kranken Tieren. Diesen Schweinen geht es gut. Foto: Jörn Martens 

Osnabrück. Eine wissenschaftliche Untersuchung beleuchtet das verborgene Schicksal der Schweine, die es nicht bis zum Schlachthof schaffen. Die Ergebnisse legen Missstände in der Tierhaltung offen. Der Verband der Schweinehalter will nun handeln.

Mit etwa 50 Metern pro Sekunde schnellt der Bolzen auf den Schweineschädel nieder. Tock. Das Tier verliert das Bewusstsein. Ein Stich durchtrennt die Hauptschlagader, Blut fließt aus dem Körper. Viel Blut. Das Herz bleibt stehen. Das Schwein ist tot.

In der Theorie ist das alles ganz einfach. Und nur die lernen angehende Landwirte in Deutschland in aller Regel. Mit Abschluss der Berufsausbildung erhalten sie automatisch die Berechtigung, ein Tier zu töten. Ausreichend praktisch darauf vorbereitet sind viele nicht. Dabei müssen sie kranke oder verletzte Tiere töten, um länger anhaltende Schmerzen oder Leiden zu unterbinden. So will es das Tierschutzgesetz. Wer sich nicht daran hält, dem drohen bis zu drei Jahre Gefängnis.

Theorie und Praxis

Aber auch das ist nur Theorie. Praktisch fallen Verstöße kaum auf. Und das, obwohl sie in einer Häufigkeit auftreten, die über das Ausmaß des Einzelfalls hinausgeht. Zu diesem Schluss kommt zumindest die Untersuchung einer Professorin der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Elisabeth große Beilage hat sich Hunderte Schweinekadaver angeschaut, die an vier Tierkörperbeseitigungsanstalten angeliefert worden sind. Aus großen Mastbetrieben, von kleinen Bauernhöfen, aus sechs Bundesländern insgesamt. Es ist die erste wissenschaftliche Untersuchung dieser Art in Deutschland. Sie legt schonungslos Tierschutzprobleme offen.

Viel wird dieser Tage vom sogenannten Tierwohl geredet. Das kurze Schweineleben soll möglichst glücklich verlaufen, bevor es im Schlachthof endet. Es wird sogar nach Indikatoren geforscht, die dieses Glück am Schlachtband nachträglich messbar machen. Tierwohl ist Verkaufsargument. Bei der Fokussierung sind aber offenbar die Tiere aus dem Blick geraten, die gar nicht erst geschlachtet werden, weil sie noch im Stall verenden oder getötet werden. Laut der Hannoveraner Studie sind das allein in Deutschland 13,6 Millionen Schweine pro Jahr – vom Ferkel bis zum ausgewachsenen 120-Kilo-Mastschwein. 21 Prozent der lebend geborenen Tiere, heißt es in der Untersuchung.

Tiermehl. Foto: dpa

Die Kadaver enden in sogenannten Verarbeitungsbetrieben von tierischen Nebenprodukten, besser bekannt als Tierkörperbeseitigungsanstalten. Hier werden sie so lange bearbeitet, bis nur noch Mehl und Fett übrig bleiben. Das eine geht beispielsweise in die Zementindustrie. Das andere landet im Biodiesel. Am Ende ist jedenfalls nichts übrig, was Hinweise auf mögliche Verstöße gegen den Tierschutz zulässt.

Auf genau diese ist große Beilage bei ihren Untersuchungen aber gestoßen. 13,2 Prozent der Mastschweine und 11,6 Prozent der Zuchtschweine wiesen Anzeichen dafür auf, dass sie länger anhaltende erhebliche Schmerzen erlitten haben – also das, was das Gesetz eigentlich verbietet.

Abgemagerte Kadaver

Bilder dokumentieren das Leid: viele stark abgemagerte Kadaver, großflächige Geschwüre durch Wundliegen, von Artgenossen angefressene Körperteile wie Ohren. Täglich sollen es laut Hochrechnung in der Studie bis zu 1200 Schweine und Sauen sein, die mit diesen mutmaßlich gesetzeswidrigen Befunden an den Entsorgungsbetrieben in Deutschland angeliefert werden und darin verschwinden.

Warum die untersuchten Tiere so offensichtlich leiden mussten und viel zu spät oder möglicherweise gar nicht notgetötet wurden, lässt die Studie offen. Sie stellt nur fest, was zu sehen war, nicht, warum es so weit gekommen ist. War es den Landwirten schlichtweg egal? Waren sie mit ihrer Tierhaltung insgesamt überfordert? Machten sie sich die falsche Hoffnung, es werde schon noch etwas mit dem kranken Schwein? Oder waren sie einfach nicht in der Lage, das Tier zu töten?

Die Ergebnisse einer zweiten parallelen Untersuchung zeigen, dass Tiere nicht nur zu spät, sondern häufig auch falsch getötet werden. 165 Kadaver, die offensichtlich notgetötet worden waren, untersuchte die Professorin näher. Bei 61,8 Prozent fand sie Hinweise auf Fehler. Häufig waren die Tiere zwar betäubt. Die Hauptschlagader war aber nicht durchtrennt worden – es kam zu keinem Herzstillstand durch Blutverlust. Die Konsequenz in einem besonders krassen Fall: Stunden nach Bolzenschuss und Transport erreichte ein Schwein den Entsorgungsbetrieb lebend.

Keine Rückverfolgung möglich

Die Professorin lässt in ihrem Studienfazit keine Zweifel am Handlungsbedarf und unterbreitet gleich Vorschläge: Etwa eine Herkunftskennzeichnung der Schweine. So könnte bei einem Verdacht auf Tierschutzverstöße der betroffene Betrieb rückverfolgt werden. Rinder tragen Ohrmarken, die das möglich machen. Schweine nicht.

In Österreich haben Wissenschaftler der Veterinärmedizinischen Universität Wien nicht nur ähnliche Missstände entdeckt wie große Beilage. Sie haben auch eine Checkliste für Fahrer der Tierkörperbeseitigungsanstalten erstellt, anhand derer diese Hinweise auf Tierschutzverstöße dokumentieren können. Ein Vorbild für Deutschland? Der Leiter einer Entsorgungseinrichtung in Niedersachsen sagt: „Wir sind nicht für die Aufdeckung von Tierschutzverstößen zuständig, sondern für die Entsorgung der Kadaver.“

Die Bundesregierung könnte die Anstalten in die Tierschutzüberwachung aufnehmen. Dann dürften Amtstierärzte routinemäßig Kadaver genauer unter die Lupe nehmen. Bislang gibt es dafür keine gesetzliche Grundlage. Und das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium sieht derzeit wohl auch keine Notwendigkeit, das zu ändern.

„Patron der Tierquäler“

Das erzürnt den Noch-Agrarminister in Niedersachsen. Christian Meyer (Grüne) spricht von „unhaltbaren Zuständen“. Der Schutz der Tiere habe Verfassungsrang, Schlupflöcher müssten geschlossen werden. In Richtung des CSU-geführten Bundesministeriums schimpft der Grünen-Politiker: „Bundesagrarminister Christian Schmidt ist der Tierquälerei-Skandal längst bekannt, aber er schaut wie immer weg. Er ist eher der Schutzpatron der Tierquäler als Minister für Tierschutz.“

Tatsächlich hatte Meyer in der Vergangenheit immer wieder gefordert, die Tierschutzüberwachung auch auf tote Tiere und damit auf die Entsorgungsbetriebe auszuweiten – bislang erfolglos. Die Grünen und damit Meyer sind in Niedersachsen abgewählt. Derzeit verhandeln SPD und CDU über eine neue Regierung. Ob sich des Themas künftig jemand annehmen wird, ist unklar.

Immerhin: Die Branche reagiert. Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, kündigt „breit angelegte und vor allem praxistaugliche Schulungen sowohl für Landwirte als auch für Tierärzte“ an.

Er verweist zudem auf weitere Maßnahmen, die angelaufen seien: So werde in Niedersachsen ein Leitfaden für Nottötungen vorbereitet. In Schleswig-Holstein seien entsprechende Seminare in Vorbereitung. Fünf Bundesländer zählt Staack auf, in denen die Branche reagiere – aufgeschreckt von den Ergebnissen der Untersuchung.