Tierschutzverstöße bleiben unentdeckt Untersuchung dokumentiert Leiden kranker Schweine

Von Dirk Fisser

Blick in den Schweinestall: Diesen Schweinen geht es gut. Foto: David EbenerBlick in den Schweinestall: Diesen Schweinen geht es gut. Foto: David Ebener 

Osnabrück. Laut einer Studie könnten jeden Tag rund 1200 tote Sauen- und Schweine in Tierkörperbeseitigungsanstalten entsorgt werden, die zu Lebzeiten erheblich gelitten haben. Die Untersuchung ist unserer Redaktion zugespielt worden.

In Tierkörperbeseitigungsanstalten verschwinden jedes Jahr die Kadaver von unzähligen Schweinen, die es nicht bis zum Schlachthof geschafft haben. Mit den tierischen Überresten werden auch Hinweise auf Gesetzesverstöße in Ställen vernichtet. Eine Studie zeigt jetzt erstmals, in welchem Ausmaß es Probleme im Umgang mit kranken oder verletzten Schweinen in deutschen Ställen gibt:

Hunderte Kadaver in vier Entsorgungseinrichtungen hat die Veterinärwissenschaftlerin Elisabeth große Beilage im Frühjahr auf eigene Faust hin untersucht. Das Ergebnis fällt deutlich aus. In ihrer Untersuchung schreibt die Professorin der Tierärztlichen Hochschule Hannover: Die angemessene Versorgung schwer kranker oder verletzter Tiere werde in deutschen Schweinehaltungen in einem Umfang unterlassen, „der sehr deutlich über das Maß gelegentlicher Einzelfälle („schwarze Schafe“) hinausgeht.“

1200 Schweine pro Tag?

Auf Basis ihrer Ergebnisse hat sie hochgerechnet: Jeden Werktag erreichen bundesweit vermutlich rund 1200 tote Sauen und Mastschweine die Entsorgungseinrichtungen, die zu Lebzeiten „länger anhaltende erhebliche Schmerzen und Leiden“ erlitten hätten. So steht es in der Studie. Bei der Untersuchung der Tierkadaver aus insgesamt sechs Bundesländern hat sie bei 13,2 Prozent der begutachteten Mast- und 11,6 Prozent der Zuchtschweine Hinweise entdeckt, die auf einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz hindeuten. „Häufig und in erheblichem Umfang“ heißt es zum Ausmaß. (Weiterlesen: Hinweise auf massive Tierschutzverstöße bleiben unentdeckt)

Großflächig wund gelegen

Eigentlich ist es Aufgabe des Tierhalters, kranke oder verletzte Schweine zu töten oder von einem Tierarzt einschläfern zu lassen. Immer dann, wenn keine andere Möglichkeit besteht, die Leiden des Tieres zu lindern. Das schreibt das Tierschutzgesetz vor. Die Studie aus Hannover zeigt aber das, was zuvor bereits eine vergleichbare Untersuchung in Österreich festgestellt hatte: Tiere werden vielfach zu spät notgetötet oder einfach sich selbst überlassen. Die Wissenschaftlerin fand in den deutschen Entsorgungseinrichtungen immer wieder deutlich sichtbar abgemagerte Kadaver oder Tierkörper, die großflächig wund gelegen waren. In der Studie ist von Hinweisen die Rede, die auch vom Tierhalter selbst hätten erkannt werden können.

Tiere falsch getötet

In einer gesonderten Untersuchung von 165 getöteten Schweinen stellte große Beilage zudem in mehr als 60 Prozent der Fälle „erhebliche Mängel“ bei Betäubung oder anschließender Tötung der Schweine fest. In den meisten Fällen waren die Schweine per Bolzenschuss oder Schlag auf den Kopf zwar betäubt worden. Der vorgeschriebene Entblutungsstich aber fehlte, bei dem die Hauptschlagader durchtrennt wird und das betäubte Tier dadurch verblutet. Ein Schwein lebte bei der Anlieferung in der Entsorgungseinrichtung noch. Es wurden zudem Tiere angeliefert, die per Kopfschlag betäubt worden waren. Erlaubt ist das bei Ferkeln bis 5 Kilogramm Körpergewicht. Die begutachteten Schweine wogen aber bis zu 30 Kilogramm. (Weiterlesen: Ein Schweineleben: In 180 Tagen auf 120 Kilogramm)

Nachschulungen in Sachen Nottötung

Im Fazit der Studie heißt es: „Dem verborgenen Schicksal der gefallenen Tiere muss deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als es bisher der Fall ist.“ Tierhalter sollten besser darin geschult werden, wie sie hoffnungslose Patienten im Stall erkennen und diese dann tierschutzgerecht töten. Ein Problem bei der Überwachung der Entsorgungseinrichtungen: Schweine tragen zwar eine Ohrmarke. Diese weist aber nur den Betrieb aus, in dem sie geboren wurden, nicht aber den Betrieb in dem sie zuletzt gelebt haben. Werden also Tierschutzverstöße entdeckt, kann der Verursacher nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit ermittelt werden. In der Studie wird eine entsprechende Kennzeichnung der Schweine empfohlen.

Die gesetzliche Grundlage dafür fehlt bislang. Die Bundesregierung müsste sie schaffen. Das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium teilt auf Anfrage mit: Sollten sich Hinweise darauf ergeben, dass bisherige Regelungen nicht ausreichten, werde die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage geprüft. Niedersachsens Agrarministerminister Christian Meyer (Grüne) sprach von einem „unhaltbaren Zustand“. Der Schutz der Tiere habe Verfassungsrang, Schlupflöcher müssten geschlossen werden. In Richtung des CSU-geführten Bundesministeriums sagte Meyer: „Bundesagrarminister Christian Schmidt ist der Tierquälerei-Skandal längst bekannt, aber er schaut wie immer weg. Er ist eher der Schutzpatron der Tierquäler als Minister für Tierschutz.“ (Weiterlesen: In Deutschland wird immer weniger Schweinefleisch gegessen)

Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessensgemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, findet klare Worte: „Ohne Wenn und Aber – an dem Ergebnis der Studie gibt es nichts zu beschönigen.“ Die Defizite der Landwirte bei der Nottötung von Tieren müssten behoben werden. Er kündigte kurzfristige Schulungen für Bauern und Tierärzte an. Er verweist zudem auf weitere Maßnahmen, die angelaufen seien: So werde in Niedersachsen ein Leitfaden für Nottötungen vorbereitet. In Schleswig-Holstein seien entsprechende Seminare in Vorbereitung.

Tiermehl am Ende des Verarbeitungsprozesses. Foto: dpa