Salat aus dem Einbauküchenschrank Kommt das Fleisch der Zukunft aus der Petrischale?

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Fleisch aus der Petrischale: Ist das die Zukunft? Foto: dpaFleisch aus der Petrischale: Ist das die Zukunft? Foto: dpa

Osnabrück. Der Salat der Zukunft wächst in der eigenen Wohnung im Einbauschrank neben der Spülmaschine. Und das Fleisch für den Hamburger kommt aus der Petrischale. Technisch ist all das möglich. Der radikale Wandel in der Lebensmittelproduktion hat begonnen. Es ist auch eine Wette auf die Zukunft. Viele Hundert Millionen Euro und Dollar fließen in Forschungsprojekte und Startups.

Microsoft-Gründer und Multimilliardär Bill Gates schrieb bereits 2013 in seinem Blog, es sei unmöglich, genug Fleisch für neun Milliarden Menschen zu produzieren. Und man könne auch nicht jeden bitten, Vegetarier zu werden. Also müssten neue Wege gefunden werden, ohne die Erde auszubeuten. Der britische Milliardär Richard Branson teilt diese Auffassung. Er sei überzeugt, ließ er „Bloomberg News“ wissen, dass wir in vielleicht 30 Jahren keine Tiere mehr töten müssten, um Fleisch zu essen.

Fleisch der Zukunft

Die Superreichen zählen zu den Investoren, die Millionenbeträge in das Unternehmen „Memphis Meat“ gesteckt haben – eine der Firmen, die am Fleisch der Zukunft arbeitet. Aus Stammzellen will das junge Unternehmen Fleisch herstellen, das nur ein Prozent der Landfläche und nur zehn Prozent der Wassermenge verbraucht, wie die konventionelle Tierhaltung. Kein Schwein, kein Rind müsste mehr für Fleischgenuss sterben. So die Utopie.

In der Heimatregion von „Memphis Meat“ – dem sogenannten Silicon Valley in Kalifornien, von dem auch schon die Internetrevolution ausging – erzählt man sich, Suchmaschinen-Gigant Google habe das Unternehmen kaufen wollen. Von einem Preis von bis zu 300 Millionen US-Dollar war die Rede. Die Gründer aber lehnten ab. Angeblich war ihnen das Angebot zu gering. Ein Ausdruck des Selbstbewusstseins der Lebensmittelrevolutionäre.

Testessen in New York

Die Konkurrenz auf dem Markt wächst – und die Preise für das Endprodukt sinken. Der Hersteller „Impossible Foods“ (zu Deutsch in etwa „unmögliche Lebensmittel“) lud kürzlich zum Testessen in ein trendiges New Yorker Hamburger-Restaurant. Eine Journalistin des „Guardian“ war begeistert vom „Fake-Fleisch“, räumte aber auch ein, dass die Geschmacksexplosion psychosomatischer Natur gewesen sein könnte. Jedenfalls kostete der Burger mit dem Bratling aus dem Labor zwölf US-Dollar.

Bislang erhältlich in New York, demnächst auch in San Francisco. „Mein Burger ist besser als deiner“, schrieb ein Instagramnutzer und Testesser zu seinem Burger-Foto. Moralisch ist das das Fleisch aus der Petri-Schale der konventionellen Produktion überlegen. Doch die Skepsis der Europäer und besonders der Deutschen hinsichtlich künstlich veränderter oder erzeugter Lebensmittel ist hinlänglich bekannt. „Clean-Meat“ dürfte es schwerer haben hier Fuß zu fassen als in den USA.


Vertikaler Gemüseanbau

Weiter noch als beim Fleisch ist die Neuerfindung der Produktion beim Grünzeug gediehen. Vertical Farming lautet die neue Anbauweise. Gemüse wird in Glaskästen direkt dort angebaut, wo es benötigt wird. Im Restaurant beispielsweise oder im Supermarkt. An vielen Orten der Welt gibt es das schon. Besonders in Großstädten wird das Konzept vorangetrieben. Die Gemüseproduktion wird Stück für Stück dezentralisiert.

Einzelne Startups gehen noch einen Schritt weiter. Der Salat oder Kohl der Zukunft muss nicht einmal mehr aus dem Supermarkt kommen. In der Zukunft kann jeder sein Gemüse selbst in der Küche anbauen. So zumindest der Plan des Münchner Unternehmens „Agrilution“. 17 Menschen vom Maschinenbauer über Elektrotechniker bis hin zu Biologen arbeiten an einer Art Mini-Gewächshaus, das in jede Küchen implementiert werden kann. Der Name ist – natürlich – englisch: Plantcube. Und dieser Pflanzwürfel kann per Smartphone gesteuert und kontrolliert werden. Das Handy sagt, wann es Zeit zur Ernte oder zum Gießen ist.

Kommt der Salat der Zukunft aus einem Einbauschrank in der Küche? Foto: Agrilution

Testgeräte seien bereits im Umlauf, erzählt Firmengründer Max Lössl. „Über die genaue Anzahl reden wir aber nicht. Auch nicht, wer sie hat.“ Ab Herbst erhalten Kunden die Gemüseschränke, die sich vorab registriert haben. Mehrere Tausend sollen es sein, die pro Plantcube 2000 Euro zahlen. 2018 soll dann der große Durchbruch auf den freien Markt erfolgen. Zunächst mit Augenmerk auf das Premiumsegment, aber: „Das soll eine Massentechnologie werden“, gibt Lössl die Marschrichtung vor.

Auch im Bereich des „Vertical Farming“ geht es längst um Millionen-Beträge. Agrilution konnte zuletzt siebenstellige Beträge vom Glühbirnenhersteller Osram und Tengelmann Ventures einsammeln. Hinter letzterem steckt der ehemalige Besitzer der an Edeka und Rewe verkauften Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann. Das Geschäftsmodell der Münchener beschränkt sich dabei nicht nur auf den weißen Kasten. Agrilution bietet Nährboden, Dünger und Samen für den Würfel an. Nach jeder Ernte kann der Kunde also gleich Nachschub bestellen. „Wir bieten auch alte, ausgefallene Sorten an, die es so im Supermarkt gar nicht gibt“, sagt Lössl. Nächstes Ziel seien Erdbeeren.

Ohne Pestizide

Auch das junge Startup aus Bayern nimmt für sein Produkt in Anspruch, dass es besser sei als die herkömmliche Produktion auf dem Feld oder im Gewächshaus. Gerade gegenüber aus dem Ausland importierter Ware sei die Ökobilanz besser, wenn der Salat in der eigenen Küche wächst betont Gründer Lössl. Zudem sei die Produktion in den eigenen Wänden komplett Pestizid-frei.

Den moralischen Imperativ nehmen alle jungen Unternehmer für sich in Anspruch, die an der Zukunft der Lebensmittelproduktion arbeiten. Besser soll es sein als das Alte. Ganz ohne Gewissensbisse kaufen können.

Volker Heinz vom Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) beobachtet die Entwicklungen sehr genau. Er kennt die hohen Hürden und wirtschaftlichen Nachteile, die sowohl dem sauberen Fleisch als auch dem Vertical Farming noch im Wege stehen. Der Fachmann geht nicht von einem schnellen Umbruch der Produktion aus. Beim Fleisch aus der Petri-Schale sagt er, dass es „möglicherweise zunächst als Nischenprodukt mit relativ geringem Marktanteil seinen Platz im Handel finden und mit bestehenden traditionellen Fleischwaren koexistieren“ werde. Die Zukunft hat also begonnen. Bis sie zum Standard wird, dauert es allerdings noch einige Jahrzehnte.


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