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Wegen Filmaufnahmen von Kunden Verein Digitalcourage stellt Strafanzeige gegen Real und die Deutsche Post

Von Corinna Berghahn

In 40 deutschen Real-Supermärkten analysieren Kameras die Gesichter von Kunden. Foto: dpaIn 40 deutschen Real-Supermärkten analysieren Kameras die Gesichter von Kunden. Foto: dpa

Osnabrück. In einigen deutschen Real-Supermärkten sowie in einzelnen Filialen der Deutschen Post zeichnen Kameras die Gesichter von Kunden auf, um so Alter, Geschlecht und Interessen zu analysieren. Der Verein Digitalcourage aus Bielefeld hat jetzt Strafanzeige wegen Datenmissbrauchs gestellt.

Die Klage richtet sich gegen beide Unternehmen. Wie es in einer Mitteilung auf der Homepage von Digitalcourage heißt, werden in 40 Real-Supermärkten sowie in 100 Filialen der Deutschen Post Kunden ausgespäht. „Menschen müssen die Möglichkeit haben, an Lebensmittel zu gelangen, ohne, dass dabei Ihre Gesichter biometrisch gescannt und analysiert werden. Einmal erfasst, verlieren Kunden die Kontrolle über die Daten“, heißt es in der Mitteilung weiter. Es dürfe nicht normal werden, dass Menschen bei jedem ihrer Schritte beobachtet und durchanalysiert werden. Die Strafanzeige sei gestellt worden, um die Überwachung und Analyse von Kunden zu stoppen.

Kunden werden seit 2016 analysiert

„Dieser Markt wird videoüberwacht“: Solche Sätze stehen in vielen Supermarktfilialen. Doch ob Kunden der Real-Märkte auch wissen, dass diese Überwachung in 40 Märkten in Deutschland auch für Marketing-Zwecke genutzt wird?

Seit Herbst 2016 werden in den betroffenen Märkten in einem Pilotprojekt per Gesichtserkennung die Kunden analysiert.

Dafür wurden bei den in der Nähe der Kasse befindlichen Werbebildschirmen Kameras installiert: „Die Kamera erfasst alle ,Blickkontakte‘ des Bildschirms. Die Bilder werden direkt von der Steuerung der Kamera analysiert nach Geschlechter und Alter. Außerdem wird die Dauer der Betrachtung gespeichert“, heißt es auf Nachfrage unserer Redaktion aus der Presseabteilung bei Real. Zuerst berichtete die brancheninterne „Lebensmittelzeitung“ über das Pilotprojekt.

Was wird analysiert?

Doch was bedeutet das genau? Analysiert werden Anzahl der Betrachter, geschätztes Alter, Geschlecht, Zeitpunkt der Betrachtung und die Betrachtungsdauer. Ausgewertet werden die Daten von der Echion AG aus Augsburg. Diese ist darauf spezialisiert, Handelsunternehmen in Sachen erfolgreiche Kundenansprache zu beraten – beispielsweise bei der Musikauswahl an der Frischtheke oder dem Einsatz bestimmter kaufanregender Düfte.

Neben derlei Tricks braucht Real aktuell anscheinend noch mehr Hilfe: Wie am Donnerstag vom Düsseldorfer Handelskonzern Metro, zudem Real noch gehört, bekannt gegeben, leidet die Supermarktkette weiter unter Umsatzschwund. (Weiterlesen: Was bedeutet die Aufspaltung von Metro für Verbraucher?)

Anders als im Online-Handel, wo Käufer beim Surfen überall ihre Spuren hinterlassen, gestaltet sich die Analyse analoger Kunden schwieriger. Also versucht es Real daher wohl mit diesem Pilotprojekt zur Gesichtserkennung: Mit den Aufnahmen der Kameras und ihrer Analyse durch Echion soll unter anderem „die Qualität der ausgestrahlten Werbefilme zielgruppenorientiert“ angepasst werden.

Kritik von Datenschützern

Real gibt zwar an, dass die Bilder weder übertragen noch gespeichert werden. „Es werden lediglich Metadaten zum eigentlichen Bild übertragen. Das Recht am eigenen Bild wird daher nicht berührt. Die Erkennung der Personen erfolgt komplett anonym.“ Das bedeute, dass das System beispielsweise einen Mann von etwa 45 Jahren erkenne, aber nicht, wer diese Person ist.

Doch darf man seine Kunden einfach so analysieren? Real findet schon, denn diese wüssten ja darüber Bescheid: „Eine Information für unsere Kunden erfolgt über eine gut sichtbare Hinweisbeschilderung ,Dieser Markt wird videoüberwacht‘“.

Der Verein Digitalcourage aus Bielefeld, der jährlich den Negativpreis Big-Bother-Award verleiht, hält diese Begründung für „klar gelogen: Die Kunden erwarten von diesem Satz, dass wegen möglicher Diebstähle gefilmt wird. Aber nicht, dass sie für Marketingzwecke aufgenommen werden“, sagt Digitalcourage-Sprecher Padeluun im Gespräch mit unserer Redaktion.

150 Millisekunden werden aufgezeichnet

Auch die Dauer der Aufzeichnung verdient nähere Betrachtung: Die Bilder sind nur für jeweils circa 150 Millisekunden im Speicher, sagt Ilka-Nadine Mielke aus der Real-Pressestelle.

Das klingt kurz, aber: 150 Millisekunden sind laut dem Max-Planck-Institut genau die Zeitspanne, die ein Mensch braucht, um sich den entscheidenden „ersten Eindruck“ von etwas zu verschaffen.

Laut Mielke findet das Pilotprojekt jedoch überwiegend im Süden Deutschlands statt. Im Raum Osnabrück und Emsland wird die Gesichtserkennung aktuell hingegen nicht getestet.

Ob sich durch derlei Analysen die Umsatzzahlen steigern lassen, bezweifelt Datenschützer Padeluun jedoch: „Besser wäre es, sich als Handel auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren, als den Kunden das Gefühl zu geben, sich manipulieren zu wollen.“