Serie „Zukunft Agrar“ Solidarische Landwirtschaft: Regionaler geht es nicht

Von Maike Plaggenborg

Kristian Lampen und Katharina Heimrath vor ihrem Betrieb in Rhede, Landkreis Emsland. Foto: Maike PlaggenborgKristian Lampen und Katharina Heimrath vor ihrem Betrieb in Rhede, Landkreis Emsland. Foto: Maike Plaggenborg

Rhede/Bramsche. Regionalität bei Lebensmitteln ist derzeit schwer beliebt beim Verbraucher. Wenn er diese Monat für Monat ab Hof bezieht und dafür einen fixen Betrag zahlt, nennt sich das solidarische Landwirtschaft. Sie produziert für ihre Mitglieder. Rund 140 Betriebe mit diesem Modell gibt es laut dem gleichnamigen Netzwerk aktuell in Deutschland.

Der Landwirt produziert, der Verbraucher holt ab: Die solidarische Landwirtschaft – kurz Solawi – lässt die Großen raus aus dem Spiel und nimmt keinen Umweg über Vertriebsfirmen. Gegessen wird, was vom Feld kommt oder sich von Tieren produzieren lässt. Wer mitmacht, finanziert die gesamte Landwirtschaft und nicht das einzelne Lebensmittel. So beschreibt es das Netzwerk „Solidarische Landwirtschaft“ auf seiner Webseite. Damit tragen die Mitglieder einer Solawi gemeinsam das Risiko und auch die Früchte. Ein Modell, das Klarheit schafft: Der Verbraucher weiß, wo die Ware herkommt. Der Produzent weiß, wo sie hingeht.

Monatliche Kosten

Frisch an den Start gegangen mit diesem Modell ist der Hof Emsauen in Rhede im nördlichen Emsland. Der Familienbetrieb ist 2005 in Sachen Fleisch und Milch auf Bioqualität umgestiegen. „Betriebe, die biologisch arbeiten, denken in anderen Wirtschaftsideen“, sagt Katharina Heimrath, die den Hof gemeinsam mit ihrem Mann Kristian Lampen führt. Die Gründung einer Solawi ist damit eine Fortsetzung dieser Denke. Die erste Lieferung ist Anfang Mai an die Nutzer gegangen: 500 Gramm Joghurt, 250 Gramm Quark und Frischkäse, ein Liter Milch und fünf Würstchen. Das ist die Wochenration für ein Mitglied. Frischfleisch gibt es in größeren Mengen immer dann, wenn gerade ein Tier geschlachtet worden ist, erklärt Lampen. Nutzer müssen die Möglichkeit zum Einfrieren haben. Was die aktuell 44 Mitglieder freitags abholen, kostet sie 60 Euro im Monat, die vegetarische Variante 40.

14 Produkte im Angebot

Heimrath kümmert sich, seit der Hof eine Solawi ist, zusätzlich um den Gemüseanbau. Salat, Kohlrabi, Zucchini, Spinat, Kartoffeln – um die 14 Produkte hat sie auf der Liste. „Da können wir nicht sagen, was da kommt.“ Für sie ist es ein Versuch, wie sie sagt. Und der bedeutet jetzt Mehrarbeit, ebenso wie die Milchverarbeitung, für die nun eine zusätzliche Arbeitskraft eingestellt wurde. Auch die Verteilung der Ware und das Kontakthalten zu den Mitgliedern ist ein extra Aufwand, der sich allerdings lohnt. „Es ist ein anders Gefühl, mit der Gemeinschaft in Kontakt zu sein“, sagt Kristian. Die Emotion stimmt, die Erfahrung fehlt noch. „Wir müssen gemeinsam lernen dieses Jahr.“ So geht der größte Teil der Milch wie gehabt an eine Bio-Molkerei. Noch.

Begegnungsraum Bauernhof

Dass das Modell funktionieren kann und vor allem zukunftsfähig ist, zeigt das Beispiel des Hofs Pente in Bramsche im Osnabrücker Land. Wäre er keine Solawi geworden, würde es ihn schon nicht mehr geben, sagt Betriebsleiter Tobias Hartkemeyer. Bei der Gründung sei der Hof der zwölfte in Deutschland gewesen. Gerade ist die Solawi ins siebte Jahr gestartet. 280 Mitglieder unterstützen die Landwirtschaft mit ihren Beiträgen und demnächst wohl auch mit Eigentum. Kürzlich hat der Hof eine Stiftung gegründet, die auch eigenes Land anschaffen will. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut läuft“, so Hartkemeyer, zu dessen Hof Freitag für Freitag viele unterschiedliche Menschen kommen, um ihre Ware abzuholen. „Es ist hier ein Begegnungsraum“, sagt er über seinen Hof, auf dem 15 Menschen arbeiten, auch im hofeigenen Kindergarten und der Krippe.

Einkauf auf dem Hof Pente. Foto: Jörn Martens

Sog der Supermärkte

Trotzdem: Der Sog der Supermärkte bleibt. „Die Masse geht in den Einzelhandel“, sagt Sabine Hoppe, die bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen am Hauptsitz in Oldenburg für Direktvermarktung und Bauernhofgastronomie zuständig ist. Die Versorgung sei einfacher, die Wege kürzer. Dabei gebe es einen Trend zum regionalen und auch saisonalen Konsum. Die Bereitschaft, dafür auch mehr zu zahlen, und gleichzeitig beispielsweise auf Erdbeeren an Weihnachten zu verzichten, sei nicht allzu groß – „nicht ganz sauber im Denken“, meint Hoppe. Wegen kleinerer Chargen, höherer Produktionskosten und, weil die Betriebe häufig eher klein sind und mitunter handwerklich arbeiten, bewegen sich Lebensmittel aus der Region und der Saison in einer anderen Preisliga, erklärt sie.

1700 Direktvermarkter im Land

Beim Trend mitmischen will insbesondere Edeka, aber auch Rewe beispielsweise, um sich von Discountern wie Lidl oder Aldi absetzen zu können, sagt Hoppe. Demnach beliefern Direktvermarkter, also Betriebe, die ihre Ware unmittelbar an den Kunden abgeben, zunehmend Supermärkte in einem Umkreis von 100 Kilometern. Hoppe: „Je weiter ich vom Markt entfernt bin, desto mehr muss ich mir überlegen, wie ich zum Verbraucher komme.“ Landwirte fahren daher oft mehrgleisig und betreiben neben der herkömmlichen Landwirtschaft etwa eine Milchtankstelle, einen Hofladen , Selbstpflücke, Bauernmärkte oder Warenautomaten, die – wie auch die Milchtanke - reizvolle Öffnungszeiten haben, immerwährende nämlich. Rund 1700 Direktvermarkter gebe es in Niedersachsen, gibt Hoppe an.

Ähnlich verhält es sich mit dem Konzept „Marktschwärmer“, von dem Hoppe berichtet. „Die Idee kommt aus Frankreich“ und ist international unter dem Namen „Food assembly“ bekannt. In einer sogenannten Schwärmerei werden Produkte von Landwirten aus der Region gesammelt und an einem bestimmten Termin in der Woche verkauft. Dort treffen sich Produzenten und Konsumenten. Eine feste Abnahmemenge gibt es nicht. Man bekommt, was man bestellt. 79 Schwärmereien mit mehr als 20.000 Nutzern gibt es in Deutschland. Die Zahlen beruhen auf Angaben der Webseite www.marktschwaermer.de, hinter der die Equanum GmbH, eine Tochter der französischen Equanum SAS steckt. Teils sind sie die Schwärmereien noch im Aufbau, teils bereits aktiv wie etwa in Osnabrück, München oder Berlin. 840 dagegen sind es in Frankreich. Und 1440 in Europa, denen es um nicht weniger als einen Umbruch geht: „Unterstütze die Agrarwende hin zu mehr Regionalität und Fairness in der Landwirtschaft“, heißt es.


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