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Angst geht auf Bauernhöfen um Niedersächsische Bauern fürchten Aktionen von Tierrechtsaktivisten

Von Dirk Fisser


Osnabrück. Die Angst geht um auf den Bauernhöfen im Land. Die Angst vor Tierrechtsaktivisten, die in Ställe eindringen und heimlich Aufnahmen der Nutztiere machen. Latent war die Sorge eigentlich schon immer da, aber jetzt liegt sie wie eine Glocke über den Höfen. Landwirte schotten sich ab. Eine Untersuchung aber zeigt: Verbraucher halten die Aufnahmen für legitim.

  • Bauern sind verunsichert, weil zuletzt vermeintliche Skandalbilder aus Vorzeigeställen veröffentlicht worden sind
  • Niedersachsen Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) kritisiert die Veröffentlichung der Bilder. Kontrolle sei nicht Sache von jedermann, sagt er.
  • Der Göttinger Agrarprofessor Achim Spiller hat festgestellt, dass Verbraucher die heimlichen Aufnahmen für ein legitimes Mittel halten.

„Bitte lassen Sie meinen Namen aus dem Spiel“, heißt es auf Anfrage. Nicht nur bei einem Bauern, sondern gleich bei mehreren. Betriebe, die gestern noch Besuchergruppen und Journalisten in ihre Ställe ließen, scheuen jetzt die Öffentlichkeit. Jüngste Veröffentlichungen von Peta und anderen Tierrechtsaktivisten haben die Branche tief verunsichert. Denn unter den betroffenen Betrieben waren auch solche, die ins Tierwohl investieren und sich den Debatten um bessere Haltungsbedingungen stellen. Plötzlich sahen die Bauern Bilder aus ihren Ställen in Zeitschriften oder im Fernsehen. Als Beispiel für Tierqual.

Die Sache mit dem Ringelschwanz

„Das will ich mir und meiner Familie nicht antun“, wiegelt einer dieser Vorzeige-Landwirte, der an fast allen Tierwohlkampagnen teilnimmt, ein Gespräch ab. Er hat Sorge, dass Tierrechtsaktivisten auf ihn aufmerksam werden und nachts in seinem Stall drehen. Der Bauer weiß, dass er seine Tiere so gut hält, wie es eben geht. Aber er weiß auch, dass die Öffentlichkeit nicht einordnen kann, was in seinem Stall passiert. Angeknabberte Ringelschwänze beispielsweise – auch wenn das Hinschauen allein schon wehtut: Solche Bilder gehören auf dem Weg zu einer Tierhaltung ohne Eingriffe am Tier dazu. (Weiterlesen: Die Schockbilder aus Ställen und das Leid)

Kritik sind solche Landwirte gewohnt. Mehr von innen als von außen allerdings. Denn wer vorangeht, der setzt seine Berufskollegen unter Druck. Die Beharrungskräfte in der Branche sind groß. Hinzu kommen die Generationenkonflikte. Hat der Junior eine Idee, wie es besser geht, muss er den Senior erst überzeugen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten auch besser gegangen wäre. Fortschritt erzeugt eben auch immer Widerstand.

„Tiere einpferchen geht gar nicht“

Dass dieser jetzt ausgerechnet von außen kommt, irritiert die Landwirte. Und lässt sie einsilbig werden, weil sie nicht mehr verstehen, wie sie es der Gesellschaft noch recht machen sollen. Den Tierrechtsaktivisten können sie es jedenfalls nicht.

„Als Zivilgesellschaft Tiere einpferchen – das geht einfach nicht“, sagt Edmund Haferbeck, Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung bei Peta. Die Tierrechtsorganisation definiert sich selbst als vegan, Produktion von Lebensmitteln tierischen Ursprungs lehnt sie ab. Haferbeck beklagt das „unsägliche Haltungssystem“ in der modernen Landwirtschaft. Es sei auch den Bildern von Peta und anderen Tierrechtsaktivisten zu verdanken, dass sich in den vergangenen Jahren überhaupt etwas verbessert habe, ist Haferbeck sicher.

Dass die jüngsten Veröffentlichungen aus Ställen ausgerechnet Betriebe trafen, die es besser machen wollen, stört Haferbeck dem Grunde nach nicht, auch wenn er die Irritation der Bauern nachvollziehen kann. Beim Beispiel der Ringelschwänze etwa verweist er darauf, dass jahrzehntelang nichts unternommen worden sei. (Weiterlesen: Interview mit einem Tierrechtsaktivisten)

Ein Bild aus einer Peta-Veröffentlichung. Foto: Peta

Agrarminister: Bärendienst für den Tierschutz

Einer, der unter Landwirten in Niedersachsen nur marginal beliebter sein dürfte als Peta, schlägt sich in der Debatte auf die Seite der Bauern: Agrarminister Christian Meyer. Der Grünen-Politiker sagt: „Die Kontrolle von tierhaltenden Betrieben ist Sache des Staates und nicht von jedermann.“ Er nehme die Sorge von Bauern „sehr ernst“, von „manipulierten und einseitigen Filmaufnahmen“ betroffen zu sein, so Meyer. Es sei ein Bärendienst für den Tierschutz, Betriebe öffentlich in Misskredit zu bringen, die sich für mehr Tierwohl einsetzten und transparent arbeiteten, so der Minister.

Er erinnert daran, dass es manchen Organisationen gar nicht um die Verbesserung der Tierhaltung gehe, sondern um deren Abschaffung. Meyer: „Da sollen Skandalbilder also gar nicht dem Stopp einzelner Missstände dienen, sondern vielmehr zur Diffamierung eines ganzes Berufsstandes und vieler Anstrengungen für mehr Tierwohl missbraucht werden.“

Und doch, die Verbraucher halten die Stallbilder und ihr Zustandekommen für legitim. Das hat das Team von Agrarprofessor Achim Spiller an der Universität Göttingen herausgefunden. Knapp 300 Befragte seien mehrheitlich der Meinung gewesen, es sei okay, in Ställe einzudringen, um schwarze Schafe unter den Landwirten aufzuspüren.

Sprachlosigkeit zwischen Bauern und Verbrauchern

„Dass die Argumente der Bauern nicht überzeugen, ist auch Ausdruck der Sprachlosigkeit zwischen Verbrauchern und der Landwirtschaft“, sagt Spiller. Die Branche müsse besser kommunizieren, was sie warum mache. „Sie muss aber auch zeigen, wie wichtig ihr die Tiere sind. Das kommt in den Preisdiskussionen manchmal zu kurz und führt bei Verbrauchern zum falschen Eindruck, dass es den Landwirten nur ums Geld geht.“

Das Thema ist laut Spiller auch deswegen so ambivalent, weil durch Aufnahmen auch wichtige Diskussionen angestoßen worden sind wie etwa die ums Töten von Ferkeln vor einigen Jahren. Vor dem Hintergrund der jüngsten Veröffentlichungen aus fortschrittlicheren Stallanlagen sagt der Wissenschaftler aber: „Es sind auch Anzeichen dafür zu erkennen, dass die zunehmend zugespitzten Kampagnen einen vernünftigen Diskurs über eine zukunftsfähige Tierhaltung kaputtmachen können.“

„Zeigen, wie es wirklich ist“

So bewertet das auch Jörn Ehlers, Schweinehalter und Vizepräsident beim Landvolk Niedersachsen. „Da haben sich Betriebe auf den Weg gemacht, und das soll jetzt zerstört werden.“ An Journalisten appelliert er, das Entstehen der vermeintlichen Skandalbilder kritischer zu hinterfragen. Aber auch seiner eigenen Branche gibt er einen Rat: „Wir müssen der Gesellschaft zeigen, dass Krankheit und Tod Teil der Tierhaltung sind.“ Es habe sich ein falsches, ein idealisiertes Bild in den Köpfen der Menschen festgesetzt. „Wir müssen zeigen, wie es wirklich ist“, so Ehlers. (Weiterlesen: Agrarprofessorin: Missstände in Ställen nie ganz zu vermeiden)

Der Ruf nach härteren Strafen für Stalleinbrüche bringt laut Professor Spiller jedenfalls nichts. Untersuchungen aus anderen Ländern zeigten, dass dies beim Verbraucher nur zum Eindruck führe, die Bauern hätten etwas zu verbergen.

Tage nach dem Gespräch meldet sich noch einmal einer der Landwirte: „Bitte nennen Sie meinen Namen nicht“, sagt er. Die Angst bleibt.


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