„Brauchen flexible Mitarbeiter“ Industrieverbände wollen Arbeitszeiten aufweichen

Podium der Jahreshauptversammlung der regionalen Industriearbeitgeberverbände: Alexander Busch (l.), Olaf Piepenbrock (M.), Moritz Böcking. Foto: Michael GründelPodium der Jahreshauptversammlung der regionalen Industriearbeitgeberverbände: Alexander Busch (l.), Olaf Piepenbrock (M.), Moritz Böcking. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die Industrie-Arbeitgeberverbände der Region Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim wollen in kommenden Tarifverhandlungen flexiblere Arbeitszeiten erreichen. Bisherige, streng an Schichten gebundene Arbeitszeitmodelle reichten nicht mehr aus, sagen sie. Grund sei die Industrie 4.0.

Wenn ein Industriezulieferer ein Bauteil in Windeseile liefert, das verarbeitende Unternehmen wegen starrer Arbeitszeiten aber auf die Schnelle niemanden aufbieten kann, der es installiert, riskiert das Unternehmen den Verlust von Marktanteilen. So zumindest sieht es Olaf Piepenbrock, der Vorstandschef des Industriellen Arbeitgeberverbands (IAV) in der Region. Piepenbrock und Michael Grunwald, Vorstandsvorsitender der regionalen Bezirksgruppe von Niedersachenmetall, machten sich anlässlich der Jahreshauptversammlung der beiden Verbände am Dienstag in Osnabrück für eine Aufweichung bisher streng geregelter Arbeitszeiten stark. Mit diesem Ziel wollen sie in die diesjährigen Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften gehen.

Hoher Automatisierungsgrad

Industrieproduktion finde künftig immer stärker automatisiert und vernetzt statt (Industrie 4.0). Das erfordere Einsätze manchmal auch außerhalb fester Arbeitszeiten, argumentieren die beiden Manager – etwa dann, wenn in einer vollständig automatisierten Produktion plötzlich ein Problem entstehe und ein Fachmann kurzfristig helfen müsse – auch, wenn er gerade frei habe. „Wir brauchen flexibel einsetzbare Mitarbeiter, das ist wettbewerbsrelevant“, sagte Grunwald. Er ist hauptamtlich Geschäftsführer des Verladetechnikherstellers Stemmann in der Grafschaft Bentheim. Piepenbrock ist Co-Geschäftsführer und -Eigentümer des Osnabrücker Gebäudedienstleisters Piepenbrock.

Beide rechnen mit immer genauer abgestimmten, über Hersteller, Zulieferer und verschiedene Standorte verteilten und vernetzten Industrieprozessen. Damit diese sicher und effizient laufen könnten, müssten Menschen zu jeder Zeit bereit sein einzugreifen.

Sorge um Exportstärke Deutschlands

Flexibilisierung sei aber auch das Ziel vieler Mitarbeiter, fügte der regionale IAV- und Niedersachsenmetall-Geschäftsführer Axel Busch unter Verweis auf Gewerkschaftsangaben hinzu. Viele Beschäftigte wünschten sich individueller gestaltbare Arbeitszeiten und mehr Raum für private Vorhaben.

Die beiden Regionalverbände fordern zudem ein Bündel von Maßnahmen zur Sicherung der Exportstärke der regionalen Wirtschaft. Die Unternehmen seien zwar „vorsichtig optimistisch“, zugleich aber verunsichert durch den Brexit, durch protektionistische Tendenzen in den USA und wegen ungewisser Wahlausgänge in diesem Jahr in Europa, sagte Piepenbrock. Deshalb gelte es, vor allem die Export-Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken – unter anderem durch mehr Ausbildung junger Menschen in mathematisch-technischen Berufen.

Kritik von US-Regierung und IWF

Die beiden Industrie-Interessenvertreter nahmen Deutschland gegen Kritik des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der US-Regierung an Deutschlands hohem Handelsüberschuss in Schutz: Als rohstoffarmes Land sei Deutschland auf starken Export angewiesen, um ein Gegengewicht zu seiner Importabhängigkeit bei Rohstoffen zu haben, sagte Piepenbrock. Grunwald führte an, dass Deutschland als Nettozahler in der EU sehr viel zu Investitionen in anderen EU-Ländern beigetragen habe.

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