Faraday-Future-Produktionschef Dag Reckhorn Wie ein Ex-Karmann-Manager Tesla herausfordert


Los Angeles. Ein Stück Osnabrück hat Dag Reckhorn mitgenommen in seine neue Heimat Kalifornien – ein VW Golf Cabrio, Baujahr 1992. Der frühere Karmann-Manager ist Produktionschef des schillernden amerikanischen E-Auto-Start-ups Faraday Future.

In zehn Jahren, davon ist Dag Reckhorn fest überzeugt, wird der Weltmarkt für Elektroautos so riesig sein wie heute der für Benziner. Warum? Für ihn beantwortet ein Blick aus dem 17. Stock in Peking diese Frage: „Da sehen Sie vor lauter Smog die Stadt unter Ihren Füßen nicht mehr“, sagt der 53-Jährige, der 2014 als Mitarbeiter Nr. 18 bei Faraday Future anheuerte.

Da hatte der gebürtige Wolfsburger gerade den chinesischen Internet-Unternehmer Jia Yueting von sich überzeugt, der mit seinem neuen Projekt Faraday Future in die Autobranche expandieren und dem E-Mobilitätspionier Tesla Konkurrenz machen will. Reckhorns Expertise und Werdegang können sich in der Tat sehen lassen: 15 Jahre bei Karmann in Osnabrück, Südkorea, Brasilien und in den USA, dann Stationen bei den Zulieferern Läpple und Webasto. Drei Jahre bei Tesla in unmittelbarer Zusammenarbeit mit E-Auto-Visionär Elon Musk, den er in Ehren hält: „Hätte Elon nicht ein wesentlich schnelleres Auto mit größerer Reichweite auf die Bühne gestellt als die gängigen City-Stromer, wäre das E-Auto nicht da, wo es heute ist.“ Reckhorn baute die Produktion für den Viertürer „Model S“ auf, den Tesla 2012 auf den Markt brachte. (Lesen Sie auch den Kommtar zu Tesla: Spiegelbild des Potenzials)

Vom Golf Cabrio bis zum Ford Mustang

Wer hätte damals bei Karmann Reckhorns Karriereweg an die Spitze der globalen E-Mobilitätsbewegung vorhersehen können? 1993 fing er bei dem Osnabrücker Autobauer an. Schon als 16-Jähriger hatte er Karmann kennengelernt. Reckhorns Vater, Leiter des Bereichs Aufbauversuch bei Volkswagen, nahm ihn mit zu dem Partnerunternehmen in Osnabrück. Später, in Karmanns Dienste eingetreten, arbeitete Reckhorn an vielen Automodellen mit: am Golf 3 Cabrio, am Kia Sportage, am Mercedes SLK, am Landrover Defender. 2001 übernahm er die Projektleitung für den Chrysler-Roadster Crossfire, bei Karmann USA dann widmete er sich den Modellen Ford Mustang Cabrio und Chrysler Sebring Cabrio.

„Ich habe Karmann geliebt“

Heute denkt Reckhorn mit Wehmut an diese Zeit zurück: „Als ich Karmann verließ, war bereits absehbar, was mit dem Unternehmen passieren würde.“ Und er erinnert sich an den Moment, in dem er von der Insolvenz seines früheren Arbeitgebers erfuhr. Es war während einer Wohnmobilreise mit der Familie durch die USA: „Diese Nachricht hat mich damals sehr getroffen. Ich habe Karmann geliebt.“

Doch das ist Vergangenheit. Dag Reckhorns Gegenwart spielt in Los Angeles, wo er mit seiner Familie lebt und wo Faraday Future ansässig ist. Oft auch in der Nähe von Las Vegas, wo die erste Produktionsstätte entstehen soll.

Beschleunigungsstärker als Teslas Model S

Das futuristische Modell FF 91, dessen Fertigung Reckhorn in dem neuen Werk leiten soll, sorgte bei seiner Vorstellung auf der Elektronik-Messe CES in Las Vegas für Furore. Die bullige Mischung aus Luxuslimousine und SUV beschleunigt angeblich schneller als Teslas Model S und soll sich durch nahezu autonomes Fahren, extreme digitale Vernetzung und Details wie Fahrer-Gesichtserkennung per Kamera von Platzhirsch Tesla absetzen. „Wir konzentrieren uns sehr auf die zweite Reihe, auf die Passagiere“, sagt Reckhorn über den FF 91. „Unser Ziel ist, dass man entspannter aussteigt, als man eingestiegen ist.“

Zweifel an der Finanzkraft

Allerdings machten in der Branche zuletzt Zweifel an der Finanzkraft des Unternehmens die Runde. Ende März legte Faraday Future seine Pläne für eine weitere Fabrik bei San Francisco ad acta. Und der Baubeginn für das Werk in Las Vegas wurde verschoben. Im Februar berichtete die Nachrichtenagentur Reuters zudem, die Fabrik werde deutlich kleiner ausfallen, und es würden weit weniger unterschiedliche Fahrzeugmodelle entwickelt als zunächst vorgesehen. Faraday Future entgegnete, man plane weiterhin mit der ursprünglichen Größe. Das Start-up hat inzwischen einen weiteren deutschen Auto-Veteranen eingestellt: Der frühere BMW-Finanzchef und ehemalige Deutsche-Bank-Vorstand Stefan Krause leitet seit Anfang April das Finanzressort und soll neue Geldquellen erschließen.

Bisher nur eine planierte Fläche

Bis auf eine planierte Fläche in der Landschaft ist von dem Werk bei Las Vegas noch nichts zu sehen. Aber Reckhorn ist zuversichtlich. Mittelfristig sei auch eine Produktionsstätte in China und später eine weitere in Europa vorgesehen, sagt er.

Wenn Weltenbummler Reckhorn dort hinreist, besucht er seine Mutter in Wolfsburg und regelmäßig auch seine alte Wirkungsstätte Osnabrück. In der einstigen Karmann-Stadt wurden zwei seiner Kinder geboren. „Mein Ältester war schon zehn, als wir wegzogen, er hat noch Freunde dort.“ Auch Reckhorns Bruder Björn lebt in Osnabrück, er ist Ko-Geschäftsführer des Fleischereibedarfhändlers und Kältetechnikausrüsters Heifo.


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