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Lies sieht sich düpiert Homann-Verlagerung: Eklat zwischen Konzern und Ministerium

Von Jean-Charles Fays, Christian Schaudwet und Klaus Wieschemeyer

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies. Foto: dpaNiedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies. Foto: dpa

Hannover. Im Zuge der geplanten Verlegung von Homann Feinkost nach Sachsen ist es zum Eklat zwischen der Unternehmensgruppe Theo Müller und dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium gekommen. Minister Olaf Lies sieht sich von Müller-Manager Heiner Kamps düpiert.

Dem Ministerium zufolge hat Kamps einen für heute verabredeten Gesprächstermin mit Lies und dem Landrat des Kreises Osnabrück, Michael Lübbersmann, in Düsseldorf platzen lassen. Das Gesprächsangebot sei von der Müller-Gruppe zwei Tage zuvor über eine Berliner Kommunikationsagentur zurückgezogen worden, teilte ein Ministeriumssprecher mit. Kamps seinerseits habe dann ein Terminangebot gemacht, allerdings erst für die zweite Maiwoche. Eine darauf folgende schriftliche Bitte um ein Gespräch von Lies an Theo Müller persönlich habe dieser mit Verweis auf Kamps abgelehnt.

Ein Sprecher der Müller-Gruppe verneinte bei Anfrage unserer Redaktion, dass es eine Terminzusage für heute gegeben habe. Dagegen berichtete auch der Landkreis Osnabrück von einer entsprechenden Terminvereinbarung und von der Absage durch die Kommunikationsagentur zwei Tage zuvor.

„Weiter keine Transparenz“

Lies zeigte sich verärgert über Kamps‘ und Müller: „Es gibt also weiter keine Transparenz und keine Klarheit über die Gründe der angekündigten Standortschließung in Niedersachsen“, sagte er. „Offenbar ist es im Moment weiter das Ziel des Müller-Konzerns, die politisch Verantwortlichen, die Öffentlichkeit und vor allem die betroffenen 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen in Ungewissheit zu lassen.“

Auch Lübbersmann äußerte Kritik: „Ich hätte mir gewünscht, hier auf mehr Offenheit zu treffen: Schließlich geht es um die Zukunft von rund 1200 Beschäftigten im Osnabrücker Land“, sagte er.

Standortwettbewerb mit Polen?

Schon zuvor hat es Müller nach Lies‘ Auffassung an Transparenz fehlen lassen. Der Müller-Gruppe gehe es um einen Standortwettbewerb zwischen Niedersachsen, Sachsen und auch Polen – darüber habe Kamps die Belegschaft, den Landkreis und die Landesregierung im Unklaren gelassen. Zugleich, so Lies, habe Homann-Aufsichtsratschef Kamps über das Management des Feinkostherstellers in Dissen den Eindruck aufrecht gehalten, der Konzern suche einen neuen Standort im Raum Osnabrück.

Lübbersmann bestätigte diesen Eindruck: Der Landkreis habe Homann seit 2015 bei der Suche nach einem neuen Standort unterstützt und sei dabei allen Anforderungen nachgekommen, sagte der Landrat. Mit der Stadt Dissen habe man einen „exzellenten Neustandort“ angeboten. Vor diesem Hintergrund sei von der Müller-Gruppe eigentlich „Fairness, Transparenz und klare Kommunikation“ zu erwarten gewesen.

Sächsische Gemeinde von Müller überrascht

Unklar ist unterdessen auch weiterhin, wo ein neues Homann-Werk im vom Müller-Management bevorzugten Wachau bei Dresden entstehen könnte. Die Gemeindeverwaltung von Wachau war nach Informationen unserer Redaktion vollkommen überrascht von der Nachricht, dass ein Lebensmittelwerk, das die bisher von 1500 Beschäftigten an vier Standorten geleistete Produktion übernehmen soll, in ihrem Ortsteil Leppersdorf errichtet werden soll.

„Dann kommt hier keiner mehr über die Straße“

Die Müller-Gruppe betreibt in Leppersdorf bereits ein großes Milchverarbeitungswerk ihrer Tochtergesellschaft Sachsenmilch. Der Ortsvorsteher von Leppersdorf, Volkmar Lehmann sagte: „So viel Platz ist hier gar nicht.“ Das bestehende Gewerbegebiet mit dem Sachsenmilch-Werk sei fast ausgereizt. Dort eine Produktion in der Größenordnung Homanns anzusiedeln, sei gegenwärtig kaum vorstellbar.In Dissen hatte Homann für ein neues Werk 20 Hektar verlangt. Lehmann bezweifelte, dass eine Fläche dieser Größenordnung im Gewerbegebiet von Leppersdorf noch verfügbar sei. „Auch verkehrstechnisch ist nicht absehbar, wie das gehen soll“, sagte Lehmann. Der Lokalpolitiker hieß zwar den Zuwachs an Arbeitsplätzen gut, den ein Homann-Umzug nach Leppersdorf der Region bringen würde, warnte aber vor einer zusätzlichen Belastung für den Ort durch den Lieferverkehr und mit Autos anreisende Beschäftigte: „Dann kommt hier keiner mehr über die Straße.“

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