Partnerland der Hannover-Messe Polen zeigt sich als moderne Industrienation

Innovativ und ökologisch gibt sich das Partnerland Polen auf der Hannover-Messe. Das zeigte sich bereits im Vorfeld auf diesem Werbebanner. Foto: dpaInnovativ und ökologisch gibt sich das Partnerland Polen auf der Hannover-Messe. Das zeigte sich bereits im Vorfeld auf diesem Werbebanner. Foto: dpa

Osnabrück. Polen zählt zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaften Europas. In diesem Jahr ist Deutschlands östlicher Nachbar Partnerland der Hannover-Messe (24. bis 28. April) und präsentiert sich dort innovativ-ökologisch. Smart means Poland - Smart bedeutet Polen, heißt das Motto. Dennoch weiß die nationalkonservative Regierung, dass das Land wirtschaftlich noch aufholen muss.

Drei von vier Polen sind unzufrieden. Nicht mit ihrer Regierung, die mit ihren EU-Partnern und der Brüsseler Kommission im Clinch liegt. Sondern mit ihrem Einkommen. Das liegt im Schnitt bei umgerechnet knapp 1000 Euro im Monat – und steigt seit Jahren. Aber den meisten Polen ist es zu niedrig, weil sie den Eindruck haben, dass die Preise davonziehen und Millionäre die Einkommensstatistik schönen. Ganz falsch kann dieser Eindruck nicht sein, denn es sind auch Akademiker unter den Polen, die mangels besserer Verdienstmöglichkeiten in ihrer Heimat auf deutschen Feldern Spargel stechen. Und ausgebildete Pflegekräfte verlassen ihre Familie in der Heimat, um in Deutschland bei der Rund-um-Betreuung von Senioren gerade einmal auf den polnischen Durchschnittslohn zu kommen.

Zu einem guten Teil ist es die Unzufriedenheit mit den wirtschaftlichen Verhältnissen, die der national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen ihre Alleinherrschaft beschert hat. Die PiS hat ihren Wählern Besserung versprochen – und will diese auch erreichen. Wenn am Sonntag die Warschauer Regierungschefin Beata Szydlo mit ihrer Berliner Kollegin Angela Merkel die Hannover-Messe eröffnet, wird sie von ihrem Stellvertreter Mateusz Morawiecki begleitet. Der aus Breslau stammende frühere Chef der Großbank Zachodni WBK hat einen Zehn-Punkte-Plan entworfen, mit dessen Hilfe der Wohlstand in Polen deutlich gesteigert werden soll. Re-Industrialisierung heißt dabei das Schlüsselwort.

Schock nach der Wende

Wie Ostdeutschland hat auch Polen nach dem Fall des Kommunismus einen industriellen Niedergang erlebt. Zu besichtigen ist das zum Beispiel auf der Danziger Werft, die 1978 fast 16 000 und heute nur noch etwa 700 Mitarbeiter beschäftigt. Oder im westlichen Warschauer Stadtteil Ursus, wo das gleichnamige frühere Traktorenwerk in den 1980ern pro Jahr 50 000 Zugmaschinen produzieren konnte und heute nicht mehr existiert. Nach der Insolvenz ist die Marke Ursus mit jetzigem Sitz in Lublin heute wieder ein Aushängeschild der polnischen Wirtschaft – auch auf der Hannover-Messe. Dort wird es unter anderem seine Pläne für die Serienfertigung eines elektrisch angetriebenen Nutzfahrzeugs präsentieren, wie es auch die Deutsche Post schon entwickelt hat.

Führender Hersteller von Elektrofahrzeugen in Polen ist das Posener Unternehmen Solaris – entsprechend prominent ist es in Hannover vertreten. Das Marktpotenzial für E-Busse in Deutschland ist groß. Kurz vor Ostern hat das Land Niedersachsen der Stadt Osnabrück Fördergelder in Höhe von 3,2 Millionen Euro für die Anschaffung von Elektrobussen bewilligt. 20 davon sollen bis Ende 2020 auf Osnabrücker Straßen fahren. In Braunschweig verkehren bereits auf dem Innenstadtring vier Elektro-Gelenkbusse von Solaris, die sich innerhalb kurzer Zeit berührungsfrei aufladen lassen. Doch vor allem setzt Niedersachsens zweitgrößte Kommune auf die elektrische Stadtbahn mit niedriger Einstiegshöhe – auch die liefert Solaris. Doch auch Pkw mit Elektroantrieb für den Stadtverkehr sollen bald aus Polen anrollen. Die Regierung hat zahlreiche Förderinstrumente dafür geschaffen und will Unternehmen und Forschungsinstitute an dem Projekt beteiligen.

Roboter lehrt das Programmieren

Neben Ursus ist das Maschinenbauunternehmen H. Cegielski in Hannover ein polnischer Aussteller mit einer Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. 25 000 Mitarbeiter zählte es zu kommunistischen Zeiten, als in Posen außer Loks und Waggons auch Schiffsmotoren produziert wurden. Heute liefert Cegielski Stahlkonstuktionen und Anlagen für die Branchen Energie, Transport, Gas und Petrochemie sowie Umwelttechnik. Der Anteil erneuerbarer Energien von derzeit sieben Prozent in Polen soll weiter ausgebaut werden. Daher ist der Bereich Energie ein thematischer Schwerpunkt des Partnerlandes bei der Hannover-Messe. Das 2014 gegründete Unternehmen Saule Technologies mit seinen flexiblen Sonnenkollektoren in Folienform passt als Aussteller perfekt in diesen Rahmen.

Aber auch in der Informationstechnologie und beim Thema „Industrie 4.0“ profiliert sich Polen in Hannover. Aus Allenstein/Olsztyn ist der 3-D-Druckerhersteller Zortrax auf der Industriemesse vertreten, aus Gdingen/Gdynia der Roboterhersteller TMA Automation, aus Warschau der Softwarekonzern Transition Technologies und aus Grünberg/Zielona Gora der Softwareentwickler DT Poland. Alle genannten Unternehmen präsentieren ihre Produkte auf dem polnischen Gemeinschaftsstand in Halle 3 des Messegeländes. Darüber hinaus gibt es eine Start-up-Zone, in der sich 18 Jungunternehmen vorstellen und einen Stand, auf dem polnische Studenten ihre preisgekrönten Erfindungen präsentieren – etwa einen Roboter, der Kindern das Programmieren beibringt.

Etwa polnische 170 Unternehmen vertreten nach Angaben von Botschafter Andrzej Przylebsk i ihr Heimatland auf der Hannover-Messe. Sie verkörpern in den Augen des Diplomaten die Hoffnungen auf eine baldige deutliche Erhöhung des Lebensstandards in Polen. „Beschäftigte in Polen arbeiten im Schnitt mehr als 2000 Stunden im Jahr und sind immer besser ausgebildet, Deutsche arbeiten 500 Stunden weniger“, sagte Przylebski kürzlich unserer Redaktion und fügte hinzu, seine Landsleute hätten Besseres verdient, „als nur als kleiner Mitspieler behandelt zu werden“. Wenn die Feststellung des deutschen Maschinenbauerverbandes VDMA zutrifft, wonach von deutscher Seite „die große Einsatzbereitschaft und Flexibilität polnischer Zulieferer“ besonders geschätzt werde, spricht wenig gegen eine Angleichung der Lebensverhältnisse dies- und jenseits der Oder.


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