Disko und Fehlfarben im Hühnerstall Forscher: Geflügelställe werden falsch ausgeleuchtet

Von Dirk Fisser


Osnabrück. Der Mensch macht seine eigene Wahrnehmung zum Maßstab. Auch in der Landwirtschaft. Dabei sehen Tiere ganz anders als wir, Hühner beispielsweise. Forscher der Hochschule Osnabrück sind sicher, dass Geflügelställe europaweit falsch ausgeleuchtet werden und dies schwerwiegende Probleme zur Folge haben könnte. Jetzt suchen sie eine Lösung. Aus der Sicht des Huhns.

Lange bevor Hühner zu Tausenden in Ställen gehalten wurden, streiften die Vorfahren des heutigen Haushuhns auf Nahrungssuche durch Urwälder. Durch das dichte Blätterdach drang ein schummriges Licht auf den Dschungelboden, an das die Augen der Tiere perfekt angepasst waren. Im Laufe der Evolution entwickelten sich die Sehorgane der Hühner nämlich ganz anders als die der Menschen.

Wenn der Rabe bunt ist

Vereinfacht gesagt: Heutige Hühner sehen besser als wir. Sie nehmen etwa ein breiteres Farbspektrum wahr. Die Umwelt der Menschen setzt sich aus Blau, Grün und Rot zusammen. Bei den Hühnern kommt Violett hinzu, ihr Auge ist auch für den ultravioletten Bereich des Lichts ausgelegt, den wir nicht registrieren können. „Für uns ist ein Rabe pechschwarz, aus den Augen eines Huhns aber möglicherweise ein schillernder Vogel“, sagt der Osnabrücker Professor Robby Andersson. Mit seinem Forscherteam arbeitet er daran, zu verstehen, wie das Huhn seine Welt sieht und was das für Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere hat.

Kannibalismus unter Hühnern

„Vieles, was im Stall passiert und was wir nicht nachvollziehen können, hängt vermutlich mit dem Licht zusammen“, sagt Andersson. So hat die Forschung noch keine Antwort darauf gefunden, warum es zum sogenannten Federpicken unter Legehennen kommt. Eine Verhaltensstörung, bei der Tiere ihren Artgenossen Federn ausreißen und jene blutig hacken. Schreitet der Mensch nicht ein, stirbt das gefiederte Opfer. Um den Kannibalismus zu unterbinden, wurde jahrzehntelang jeder Legehenne der Schnabel gekürzt, die Waffe des Huhns quasi entschärft. (Weiterlesen: Tierschutz: In Niedersachsen gehen Enten bald wieder baden)

Seit dem 1. August 2016 ist damit in Deutschland Schluss. Anderes Futter und Beschäftigungsmaterial wie Picksteine sollen die Tiere ablenken, damit sie nicht zu Kannibalen werden. Die Symptome sollen unterbunden werden, die Ursache der Verhaltensstörung aber bleibt unklar. Andersson vermutet sie im Stalllicht: Weil die künstlichen Lichtquellen kein UV-Licht abgeben und vielleicht sogar viel heller sind, als es für das Auge des Huhns notwendig wäre, wird die Realität im Stall für die Tiere verzerrt: Sie werden möglicherweise geblendet und sehen Fehlfarben.

Disko im Hühnerstall

„Für uns sehen die Hühner im Schein der künstlichen Lichtquellen alle gleich aus. Aber für die Tiere selbst ergeben sich vermutlich erhebliche Unterschiede, die auch noch dadurch verfälscht werden, dass violettes Licht im Stall fehlt.“ Werden also einzelne Tiere zum Opfer, weil sie aus dem Auge des Huhns anders aussehen als der Rest? Vielleicht ist nämlich das braune Federkleid aus nicht nur braun, sondern deutlich bunter. „Das ist eine denkbare Erklärung“, sagt Andersson.

Hinzu kommt, dass das Kunstlicht für das menschliche Auge zwar konstant leuchtet. Hühner aber sind in Sachen Flimmern viel empfindlicher. Sie nehmen wahr, was uns verborgen ab einer gewissen Frequenz verborgen bleibt: dass viele Leuchtmittel nicht leuchten, sondern flackern. „Das ist ungefähr so, als würden wir in einem Büro mit Disko-Beleuchtung arbeiten“, beschreibt es Andersson.

„Lichtquellen müssen ausgetauscht werden“

Für den Wissenschaftler steht fest: „Die Lichtquellen in Ställen müssen ausgetauscht werden.“ Das ist nicht nur deswegen ein Problem, weil er sich wegen der kostspieligen Forderung wenig Freunde machen wird. „Dessen sind wir uns sehr wohl bewusst.“ Es wird auch deshalb schwierig, weil die Beleuchtung in Ställen gesetzlich geregelt ist – nur eben aus den Augen des Menschen. 20 Lux schreibt der Europarat vor. Lux ist aber ein menschlicher Maßstab und sagt nichts darüber aus, wie Hühner ihre Umwelt sehen. So viel wissen die Forscher: Die Vögel können Helligkeit sechs bis zehn Mal so gut verarbeiten wie der Mensch. Vielleicht werden sie also permanent geblendet durch die gesetzlichen Vorgaben. Zumindest aber ist für Hühner längst nicht das dunkel, was wir als dunkel bezeichnen.

Forscher basteln an Prototyp

Selbst wenn die Osnabrücker Forschungsergebnisse beim Gesetzgeber zu einem Umdenken führen, bleibt ein weiteres ganz praktisches Problem: Es gibt auf dem Markt bislang keine Lampen, die dem Lichtempfinden von Hühnern gerecht werden. Das haben die Osnabrücker nach umfangreichen Tests festgestellt.

Der Prototyp einer Lampe, die den Bedürfnissen der Hühneraugen gerecht werden soll. Foto: Dirk Fisser

Mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union sind die Wissenschaftler um Andersson daher daran beteiligt, passende Lichtquellen zu bauen, die den Dschungelboden imitieren, auf dem die Urhühner einst nach Futter suchten. „Wir sind noch ganz am Anfang“, sagt Ingenieur José Daniel Kämmerling. Prototypen gibt es bereits. Sie hängen in einem Teststall in Wallenhorst. „Bis zur Marktreife ist es aber noch ein weiter Weg.“ Auch weil es vermutlich mit einer Lampe nicht getan ist. Wie in der freien Natur auch, erscheint es Kämmerling sinnvoll, einzelne Bereiche des Stalls unterschiedlich auszuleuchten. (Weiterlesen: Weser-Ems: 90 Millionen Stallplätze für Geflügel)

Was ist mit anderen Nutztieren?

Es schließen sich weitere Fragen an – wie die nach der Freilandhaltung der Tiere. Laien wie Forscher wundern sich, dass viele Legehennen die eingeschränkte Freiheit nicht nutzen und statt im Auslaufbereich lieber im Stall bleiben. Auch das könnte mit dem Licht zusammenhängen. Denn anders als im Urwald sind die Freiflächen um Ställe meist unbewachsen. „Ein Dschungel-Bewohner hält sich nicht gerne in der prallen Sonne am Strand auf“, sagt Kämmerling.

Lassen sich die Fehler des Menschen vom Huhn auf andere Tiere übertragen? Auch Schweine- und Kuhställe sind aus der Sichtweise des Menschen heraus gebaut. Nehmen aber auch die Vierbeiner ihre Umwelt ganz anders war, als wir es uns denken? Und sorgt das für Probleme, die wir uns bislang nicht erklären können? „Darauf gibt es noch keine gesicherten Antworten“, sagt Andersson. Er will nun erst einmal dafür sorgen, dass Hühner wieder klar sehen.


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