Dreh in den eigenen vier Wänden Porno wird zum Sexgeschäft für Amateure

Von Roland Mischke

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Die Sex-Branche war fest in der Hand etablierter Firmen, durch das Internet hat sich das geändert. Immer mehr Heimwerker-Pornografen machen Sex vor der Kamera. In „Drei Zimmer, Küche, Porno“ erzählt Philip Siegel vom Amateur-Sexgeschäft. Foto: imago/Jochen TackDie Sex-Branche war fest in der Hand etablierter Firmen, durch das Internet hat sich das geändert. Immer mehr Heimwerker-Pornografen machen Sex vor der Kamera. In „Drei Zimmer, Küche, Porno“ erzählt Philip Siegel vom Amateur-Sexgeschäft. Foto: imago/Jochen Tack

Berlin. Die Sex-Branche war fest in der Hand etablierter Firmen, durch das Internet hat sich das geändert. Immer mehr Heimwerker-Pornografen machen Sex vor der Kamera. In „Drei Zimmer, Küche, Porno“ erzählt Philip Siegel vom Amateur-Sexgeschäft.

Als Philip Siegel, 51, Redakteur beim Fernsehen, das erste Mal eine Erotikmesse besuchte, glaubte er, er werde auf lauter Profis treffen. Jedoch dominierten Amateure das Geschehen. Solche wie die „hochgewachsene Frau mit großen Brüsten“, die sich Dacada nannte, Anfang vierzig war und erst seit Kurzem dabei. „Mit der materiellen Sicherheit einer bürgerlichen Existenz im Rücken hat sie eine Möglichkeit entdeckt, ihrem Leben noch mal einen Kick zu geben“, hält der Autor fest. Dacada, wohl verheiratet, Kinder, nette Nachbarin, betätigt sich in ihrer Freizeit als Sexdarstellerin in Amateurpornos.

Fast wie Lindenstraße

Die Sex-Branche war über Jahrzehnte fest in der Hand von etablierten Firmen, durch das Internet hat sich das geändert. Auf einmal tauchten Amateur-Pornofilmchen auf, vor etwa 20 Jahren noch simpel gedreht. Heute sind die Pornoclips anspruchsvoller, werden verkauft und haben das Profigeschäft fast schon verdrängt. „Über 50.000 Frauen und Männer betätigen sich in Deutschland mittlerweile als Mini-Pornoproduzenten“, hat Siegel ermittelt. „Weil sie eine Kamera bedienen können und sich trauen, vor der Kamera Sex zu haben.“ Dazu Zehntausende, die mal mitmachen wollen. Ihr Wunsch: „Sexualität ausleben“, indem andere dabei zuschauen.

Beamte, Lehrer, Mütter, Großmütter, Studenten, „respektierte Arbeitskollegen und Vorgesetzte oder hilfsbereite Nachbarn“, so Siegel. „Gerade das fasziniert immer mehr Menschen in Deutschland – und führt dazu, dass Männer und Frauen aus allen Berufen und sozialen Schichten Pornografie als eine neue Variante sehen, sich sexuell zu erleben. Hausgemachte Breitenpornografie ist der große Aufreger für Beteiligte und Zuschauer. „Das ist ja wie Lindenstraße“, so Siegel.

Kaum ein Akteur zeigt dabei sein Gesicht, Phantasienamen sind üblich. Gedreht wird meist in eigenen vier Wänden, improvisiert oder nach Absprache diverser Einfälle. „Amateur-Plattformen gerieren sich gerne als engagierte Anbieter ehrlicher, authentischer Pornografie“, erklärt Siegel. Tatsächlich wollten sie jedoch „schlicht Gewinne machen. Es ist ein Geschäft, das geführt wird wie viele andere auch.“

Orgie statt Mittagessen

Zwölf Uhr mittags findet in einer „bescheidenen Drei-Zimmer-Wohnung in einem eher biederen Stadtteil von Essen“ eine Orgie statt. Eine Bäckereifachverkäuferin zieht eine blonde Perücke übers Haar, um von ihrer Identität abzulenken. Die Männer sind Lastwagenfahrer, Fleischfachverkäufer, Postbote oder Bankkaufmann mit goldener Maske überm Gesicht. Man isst Schnittchen mit Wurst, Käse und Gürkchen. Dann das Kommando aus Frauenmund: „Auf zum erotischen Buffet.“ Alle werfen ihre Sachen ab, nehmen unterschiedliche Positionen ein, die Kamera läuft. Philip Siegel durfte dabei sein und erlebte etwas, das „Teil einer Entwicklung ist, die mehr über die Gesellschaft in Deutschland aussagt als in Feuilletons und Sozialreportagen“.

Alles soll anonym bleiben

Freiheit durch Freizügigkeit. Zwischendurch futtert der Fertigungstechniker seine Stullen. Beim „Ficken, Blasen und das ganze Spiel“ werden keine Kondome benutzt, danach dürfen keine Telefonnummern ausgetauscht werden, alles soll anonym bleiben. Die Frau aus der Bäckerei sagt, es gehe um Lust. Über Geld wird in diesen Kreisen nicht gern gesprochen, die Exhibitionisten „bessern mit Porno ihre Urlaubskasse auf oder bestreiten damit sogar ihren Lebensunterhalt“, fand Siegel heraus. Aber wichtiger noch ist der Körperkontakt. Wie Susi sagt: „Ich liebe Sex.“ Das Geld sei nur „ein willkommener Nebeneffekt“. Erst Sex, dann Geld – aber am besten beides.


Philip Siegel: „Drei Zimmer, Küche, Porno. Warum immer mehr Menschen in die Sex-Branche einsteigen.“ Campus, Frankfurt, 275 S., 19,95 €

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