Sauen steht mehr Platz zu Urteil sorgt für Existenzangst unter Sauenhaltern

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Osnabrück. Gehen Deutschland bald die Ferkel aus? Ein höchstrichterliches Urteil treibt viele Sauenhalter in Deutschland um. Sie wissen nicht, wie es für sie weiter geht. Besuch bei einem, der aufgibt.

Kalt ist es im Stall von Manfred Tannen. Und leer. Der Landwirt aus Ostfriesland steht zwischen den Stahlkonstruktionen, die bis vor Kurzem noch die Bewegungsfreiheit seiner Sauen einschränkten. Mindestens 100 Jahre lang sei die Sauenhaltung Teil des Tannen-Hofes gewesen, sagt der Bauer. Er wird die Familientradition beenden.

Die Entscheidung sei schwer gefallen, sagt der 50-Jährige. Die „emotional schwierige Situation“ von der er hier im leeren Stall spricht, ist ihm anzusehen. Lange habe die Familie diskutiert. Am Ende stand der Entschluss aber fest: Die 250 Sauen müssen weg. So hart der Bruch mit der Familientradition auch ist, so alltäglich sind solche Entscheidungen in Deutschland: Im November 2016 zählte das Bundesamt für Statistik noch 8.800 Sauenhalter – 800 weniger noch als ein Jahr zuvor. Das heißt: Rechnerisch haben jeden Tag zwei Betriebe die Sauenhaltung aufgegeben.

85 Prozent weniger Sauenhalter

Was noch harmlos und überschaubar klingt, wird auf lange Sicht zu einem gewaltigen Strukturbruch. Seit 1999 haben 85 Prozent der Sauenhalter allein im Agrarland Niedersachsen die Produktion eingestellt. Nach Angaben des Bauernverbandes Landvolk kommt hier mittlerweile jedes zweite Mastschwein in den Ställen gebürtig aus dem Ausland. Und die Sorge ist da, dass Deutschland die Ferkel ganz ausgehen.

So hat sich die Zahl der Sauenhalter in Niedersachsen entwickelt. Grafik: Langer

Denn was Manfred Tannen zur Aufgabe bewogen hat, treibt auch viele seiner Berufskollegen um: das sogenannte Magdeburger Kastenstandsurteil. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als die höchstrichterliche Feststellung, dass der überwiegende Teil der Sauenhalter in Deutschland gegen Tierschutzvorgaben verstößt. Denn nach Entscheidung der Richter muss jede Sau im Kastenstand – hier wird sie künstlich befruchtet - so viel Platz haben, dass sie ihre Beine in Seitenlage komplett ausstrecken kann, ohne dabei an Hindernisse zu stoßen.

Was selbstverständlich klingt, ist in Deutschland die Ausnahme. Aus gutem Grund, wie Landwirte betonen. In der Zeit der Brunft sind Sauen besonders umtriebig. Die liebestollen Tiere imitieren Paarungsverhalten, bespringen sich auch gegenseitig. Bei einem Kampfgewicht von mehr als 200 Kilogramm kann das zu schweren Verletzungen führen. Auch um das zu verhindern, wird der Bewegungsradius der Sauen für mehrere Monate im Jahr auf ein Minimum reduziert.

70 Zentimeter sind nicht genug

Im Stall von Manfred Tannen heißt das: die Kastenstände sind 70 Zentimeter breit – und damit nach der Entscheidung der Richter in Magdeburg zu schmal. Wie weiter? Tannen weiß es nicht. Niemand kann ihm sagen, wie er seinen Stall umbauen müsste, damit er mit dem Tierschutz in Einklang steht. Die meisten Bundesländer hüllen sich dazu noch in Schweigen. Dass da aber etwas auf sie zukommen wird, das wissen die Landwirte.

„Auf unseren Versammlungen schaut man derzeit ausschließlich in betrübte Gesichter“, fasst Rudolf Festag von der „Erzeugergemeinschaft für Qualitätsferkel im Raum Osnabrück“ die Stimmung zusammen. „Von 110 sauenhaltenden Betrieben in unserer Erzeugergemeinschaft hat genau einer keinen Kastenstand im Stall. Alle anderen könnten zu Anpassungen gezwungen sein.“ Die aber kosten Geld. Das ist bei vielen Landwirten knapp. Viele haben ihre Sauenställe gerade erst umgebaut, die Kredite sind noch nicht abbezahlt. Und niemand weiß, wie lange die jetzt erforderliche Änderung dann Bestand haben.

30 Jahre Übergangsfrist?

Einige Agrarfunktionäre fordern von der Politik eine Übergangsfrist von 10, die meisten von 20 und einige wenige von 30 Jahren. So lange sollen die Bauern Zeit bekommen, um ihre Ställe gesetzeskonform umzubauen. Und sie warnen: „Ohne politische Rückendeckung gleicht das Kastenstandsurteil für viele kleinere und mittlere Familienbetriebe einem verordneten Berufsverbot“, sagt Torsten Staack von der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands. Wie viele werden es Landwirt Tannen gleich tun? Er beendet seine Ferkelproduktion direkt hinterm Nordseedeich. Künftig konzentriert er sich auf seine 180 Milchkühe und will diesen Betriebszweig weiter ausbauen.

Die Verbände jedenfalls befürchten, dass die Zahl der deutschen Sauenhalter noch einmal rapide abnehmen wird. Und damit zwangsläufig auch die Zahl der deutschen Ferkel. Genau das könnte in der deutschen Tierwohldebatte zum Problem werden. Rudolf Festag nennt die Sauenhaltung systemrelevant. „Verlieren wir die Sauen, verlieren wir weitgehend den Einfluss auf Fragen wie Ferkelkastration, die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes oder die Frage, ob und wie ein Kupierverzicht der Ringelschwänze umzusetzen ist.“ Alles Themen, die in Deutschland hitzig debattiert werden.

11 Millionen Importferkel

Kann man die ausländischen Sauenhalter zwingen, nach deutschen Tierschutzstandards zu produzieren? Zumindest die Interessenvertreter hierzulande bezweifeln das. Staack sagt, die niederländischen und belgischen Sauenhalter seien die Gewinner des deutschen Kastenstandurteils. Laut ISN kamen allein aus diesen beiden Ländern im vergangenen Jahr bereits annähernd elf Millionen Ferkel.

Hunderte Ferkel hat Manfred Tannen  bislang pro Jahr an Mäster verkauft. Im hinteren Teil des Stalls quiekt und grunzt es noch. Die kleinen Ferkel hängen an den Zitzen der Sauen. Kommende Woche werden die kleinen Schweine auf einen Aufzuchtbetrieb gebracht. Das Leben der Sauen endet in einem Schlachthof. Das war’s dann nach 100 Jahren Sauenhaltung auf dem Tannen-Hof.


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