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Weniger als 70.000 Milchviehhaltungen Agrarkrise: 4081 Milchbauern haben in einem Jahr aufgegeben

Die Zahl der Milchviehbetriebe in Deutschland ist auf unter 70.000 gefallen. Foto: dpaDie Zahl der Milchviehbetriebe in Deutschland ist auf unter 70.000 gefallen. Foto: dpa

Osnabrück. Die Zahl der Milchbauern in Deutschland ist auf den niedrigsten Stand aller Zeiten gefallen. Laut Statistischem Bundesamt gab es zum Stichtag 3. November nur noch 69.174 Milchbetriebe in Deutschland. Das bedeutet ein Minus von 5,6 Prozent oder 4081 Haltungen binnen eines Jahres.

Damit haben noch einmal deutlich mehr Betriebe aufgegeben wie bei der vorhergegangenen Viehzählung. Von November 2014 bis November 2015 hatten 3214 Milchbauern die Produktion eingestellt. Damit scheinen sich die Befürchtungen von Branchenvertretern und Agrarpolitikern zu bewahrheiten: Die Milchpreiskrise der vergangenen Monate hat das Höfesterben noch einmal angeheizt. (Weiterlesen: Bauernverband: Die schlimmste Milchkrise aller Zeiten)

Milchbauernpräsident Karsten Schmal vom Deutschen Bauernverband sagt unserer Redaktion: „Es ist nicht akzeptabel, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen globaler Krisen auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen werden.“ Die deutschen Betriebe hätten letztlich unter dem russischen Importembargo auf europäische Lebensmittel sowie einer erheblich niedrigeren Nachfrage nach Milchprodukten aus Nordafrika oder dem Nahen Osten zu leiden. Die daraus resultierende Preiskrise habe den sogenannten Strukturwandel beschleunigt.

Forderung an Politik

Nach Angaben des Bauernverbandes hätten in den vergangenen Jahren im Schnitt 4,5 Prozent der Betriebe die Milcherzeugung eingestellt. Schmal sagt, auch in preislich besseren Zeiten nehme die Zahl der Milchbauern ab, weil die Produktion nicht an die nachfolgende Generation übergeben werde. Der Milchbauernpräsident schlussfolgert: „Langfristig muss für die Politik also gelten, einen verlässlichen Rechtsrahmen zu setzen, mit dem die Landwirte sowohl auf heimischen als auch internationalen Märkten wettbewerbsfähig sein können.“

Vor zehn Jahren noch 105.800 Betriebe

Wie stark der sogenannte Strukturwandel die Branche prägt, wird beim Blick in die weiter zurückliegende Vergangenheit deutlich: 2006 zählte das Statistikamt noch 105.800 Betriebe mit Milchvieh, 1976 noch fast 550.000. (Weiterlesen: Was der niedrige Milchpreis mit den Bauern macht)

Lage in Niedersachsen

Etwas schwächer fiel der Rückgang der Betriebe binnen eines Jahres übrigens im Agrarland Niedersachsen aus. Nach den Ergebnissen der Viehzählung nahm die Zahl der Betriebe mit Milchkühe um 4,66 Prozent ab. Die Statistiker zählen insgesamt noch 10.068 Milchviehhaltungen in Niedersachsen.

Während die Zahl der Betriebe also weiter rückläufig ist, nimmt die Zahl der gehaltenen Kühe pro Betrieb zu. Nach den aktuellen Erhebungen stehen im Schnitt mehr als 60 Kühe aus einem Milch-Bauernhof. Vor 20 Jahren war es noch etwa die Hälfte. Zum November-Stichtag 2016 gab es in Deutschland 4,2 Millionen Milchkühe.

Kritik der Opposition

Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sagt: „Vor diesem Strukturwandel haben wir Grüne immer gewarnt und wurden dafür als Nestbeschmutzer bezeichnet.“ Dass 5,6 Prozent der Milchvieh-Betriebe weggebrochen seien, ist für ihn „Ergebnis der katastrophalen Politik von Union und Bauernverband.“ Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) wirft Ostendorff vor, der CSU-Politiker habe die Krise aussitzen wollen. „Jetzt stehen wir vor dem Scherbenhaufen dieser Politik.“

Martin Schulz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), kommentierte: „Der Verlust an wirtschaftenden Betrieben mit Milch- oder Schweinehaltung bei uns ist dramatisch. Dieser Strukturbruch war absehbar, weil die Erzeugerpreise für Milch, Schweinefleisch und Ferkel stark gesenkt worden sind und die Bundesregierung wie auch die Milch- und Schlachtindustrie nichts unternommen haben, um das Preistief möglichst schnell und dauerhaft zu beenden.“

Meyer fordert Instrumente zur Mengenreduzierung

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) erklärt: „Die Krise am Milchmarkt ist noch lange nicht vorbei. Von Preisen um die 30 Cent pro Liter kann kein Bauer leben. Es müssen mindestens 40 bis 45 Cent sein.“ Er forderte erneut eine verpflichtende Mengenreduzierung auf EU-Ebene in Krisenzeiten. „Indem der EU-Agrarkommissar und der Bundesminister sich den von den Milchbauern vorgeschlagenen Marktinstrumenten verweigern, sind sie mitverantwortlich für das große Höfesterben im Milchviehbereich, vor dem wir immer gewarnt haben“, so Meyer.

Demgegenüber gibt es 27,3 Millionen Schweine im Land. Seit Mai stieg der Gesamtbestand leicht um 0,5 Prozent. Besonders zurückzuführen ist das auf ein Plus von 3,7 Prozent bei den Mastschweinen, deren Zahl auf 12,2 Millionen gestiegen ist. Die Gesamtzahl der schweinehaltenden Betriebe gibt das Statistikamt mit 24.400 an. (Weiterlesen: Mega-Mastanlage mit Platz für 15.000 Schweine im Emsland)


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