Interview zu Skandalbildern aus Ställen Agrarprofessorin: Missstände in Ställen nie ganz zu vermeiden

Von Dirk Fisser


Osnabrück. Heimlich aufgezeichnete Bilder aus deutschen Ställen von kranken oder verletzten Tieren erschüttern regelmäßig die Öffentlichkeit. Nach Ansicht der Osnabrücker Agrarprofessorin Karin Schnitker werden sich solche Zustände nie ganz vermeiden lassen. Im Interview sagt Schnitker: „Die fehlerfreie Organisation ist eine Illusion.“

Frau Schnitker, wieder sind Bilder aus diversen Stallanlagen aufgetaucht, die vermeintliches oder tatsächliches Tierleid zeigen. Dieses Mal sollen die Aufnahmen aus den Ställen von Funktionären und Politikern stammen. Mich interessiert: Wundert es Sie, dass immer wieder solche Aufnahmen gelingen und veröffentlicht werden?

Aus der Organisationspsychologie wissen wir, dass in großen und komplexen Systemen nicht immer alles nach Plan läuft. Eine hundertprozentige Übereinstimmung mit den Vorgaben eines Systems ist fast nicht zu erreichen. Somit wundert es mich nicht, dass derartige Aufnahmen entstehen und auch veröffentlicht werden. Die fehlerfreie Organisation ist eine Illusion. Selbst in großen Unternehmen, in denen die Führungskräfte innerhalb des Systems starke Einfluss- und Kontrollmacht auf die agierenden Menschen haben, kommt es zu Regelverstößen, wie sich bei VW oder der Deutschen Bank gezeigt hat.

Nun ist ein Bauernhof kein Weltkonzern…

Die Agrarbranche und insbesondere der Teil der Landwirtschaft sind sehr kleinteilig strukturiert. Die verantwortlichen Menschen handeln in der Regel innerhalb ihrer selbstständig geführten Betriebe unabhängig und nach selbstgesteckten Zielen. Selbst wenn ein sehr hoher Organisationsgrad und hohe Loyalität zu den Bauern- und anderen Berufsverbänden bestehen, gibt es natürlich bei so vielen Playern Zielkonflikte. Seit einiger Zeit gibt es diese Zielkonflikte insbesondere zu der Auffassung größerer Teile der Gesellschaft sowie bestimmter Anspruchsgruppen im Bereich Verbraucher-, Tier-, Umweltschutz.

Der größere Teil der Betroffenen weist die Vorwürfe zurück. Was sagen Sie zur Abwehrstrategie der Branche auf solche Bilder?

Man muss bei den Vorwürfen und dem Umgang der Betroffenen unterscheiden zwischen rechtlichen und moralischen Fragen: Wir bekamen Bilder gezeigt, auf denen systematische Gesetzesverstöße der Tierhalter nicht ausgeschlossen werden können. Sollten sich diese bestätigen, hat das für die Betroffenen erhebliche Konsequenzen, bis zum Entzug der Betriebsgenehmigung. Anhand von Bildern, Videos und kontextfreien Momentaufnahmen allein ist es jedoch kaum möglich, den tatsächlichen Tierschutzrechtsverstoß eindeutig zu ermitteln. Manche Sequenzen wirkten auch zweifelhaft. (Weiterlesen: Illegale Videos aus Kuhstall in Ringe)

Sie deuten es an. Nicht alle Bilder zeigen Rechtsverstöße, empören aber trotzdem.

Ja, auf anderen Bildern sind keine tierschutzrechtlichen Probleme zu sehen. Dennoch werden auch diese zurecht kritisch gesehen, da sie nicht damit überein gehen, was das Volksempfinden zu einer anständigen Tierhaltung ist. Hier wäre meiner Ansicht nach ein höheres Maß an Sensibilität der Branche hilfreich. Die Bilder berühren viele Menschen stark. An dieser Stelle befinden wir uns im Bereich der Ethik und Moral, wozu viele unterschiedliche und uneindeutige Auffassungen bestehen. Die Mehrdeutigkeit ist stets das Abwehrargument, bestimmte Selbstverpflichtungen aufzustellen und auch einzuhalten, die vielleicht sogar über Gesetzvorgaben hinausgehen.

Was empfehlen Sie dem Tierhalter?

Aus meiner Sicht gibt es zum Abgleich der individuellen Gesinnungsethik mit der gesellschaftlichen Auffassung eine erste leichte Prüfoption. Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, die Gegebenheit sollte nicht an die Öffentlichkeit geraten, ist zu überprüfen, ob ich das, was ich tue, richtig tue, und vielleicht sogar, ob ich überhaupt noch das Richtige tue. Mein Ethikgefühl ist jedoch auch dadurch berührt, wenn die Bilder durch Einbruch entstehen. Das Ziel „mehr Tierschutz“ ist gut, aber nicht jeder Zweck heiligt die Mittel.

Welche Probleme sehen Sie aufseiten der Kritiker?

Ich beobachte oft, dass man versucht, einfache Antworten auf komplexe Probleme zu geben, auch bei den Umwelt- und Tierschutzverbänden. Das ist nicht hilfreich. So wird mal die sogenannte Massentierhaltung verantwortlich gemacht, mal die Haltungssysteme oder der ökonomische Druck des Marktes usw. Von allem ein bisschen, sicher. Große Betriebe sind jedenfalls per se nicht das Problem. Die Anlagen sind meist auf modernerem Stand und werden professioneller geführt. Und gar kein Fleisch und tierische Produkte mehr zu produzieren, wie manche Organisationen fordern, ist auch an der Wirklichkeit vorbei und führt dazu, nicht ernst genommen zu werden. (Weiterlesen: Peta zu Billigangeboten: „Fleisch kann nicht teuer genug sein“)

Und die Branche selbst?

Meines Erachtens liegt ein großes Ursachenfeld für die Probleme im Bereich der Fähigkeit des Managements und der Zeit, die ein Landwirt in der Lage ist, in den Betriebszweig zu investieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die innere Haltung der Führungsverantwortlichen zum Tierschutz und der Selbstverpflichtung ordnungsgemäßer Führung und das Gesamtsystem der Branche. Die überwiegende Zahl der Betriebe handelt vorbildlich, manch andere vorübergehend oder längerfristig weniger oder gar nicht vorbildlich. Mit Letzteren muss die Branche selbst viel kritischer umgehen.

Wie kann der Landwirtschaft ein Ausbruch aus der ewig gleichen Diskussion gelingen?

Unternehmerisch handeln heißt, sich zu verändern und zu entwickeln. Wenn ein Landwirt dies zu lange negiert, gefährdet er die Existenz des Betriebes. Natürlich versucht man, kurzfristige Modeerscheinungen in einer langfristig orientierten Branche abzuwehren. Wenn aber ein fundamentaler Wandel erfolgt, muss umgedacht werden. Der Lebenszyklus gesellschaftlicher Ansprüche zeigt, dass es einen sogenannten Tipping point gibt. Das ist der Punkt, in dem die Branche nicht mehr selbst handeln kann, sondern Gesetzgeber bestimmen, was zu machen ist, um gesellschaftliche Ansprüche und Wählerwillen mit den Handlungsoptionen der Unternehmen in Einklang zu bringen. Erste Anzeichen sind die geplante Veränderung im Baurecht und das Umdenken beim Erteilen von Baugenehmigungen. Man sollte jetzt alle Kraft auf Innovation und Lösung setzen und weniger auf Verteidigung.

Haben Sie Beispiele, wie dies umgesetzt werden könnte?

Möglichkeiten könnten sein, mittels Drohnen, 360-Grad-Kameras etc. die Bestände besser und häufiger zu beobachten und mittels gewisser Tierwohl-Indikatoren die Landwirte automatisiert zu warnen. Diese Bilder könnten auch gespeichert werden und der Dokumentation dienen sowie dem Tierarzt ein erweitertes Diagnosespektrum geben. Man sollte vorwärtsgewandter mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen. Die Niederländer und Schweizer sind hier bereits weiter. Auf den globalen Märkten werden wir nicht in der Kostenführerschaft den Wettbewerb gewinnen. Die Deutschen sind für hohe Sicherheits- und Umweltstandards bekannt. Das sollten wir selbstbewusster nach vorne bringen, anstatt es abzuwehren.