Dienstleister für Flüchtlingsversorgung Weniger Flüchtlinge in Niedersachsen, aber das Geschäft läuft



Osnabrück. Die ersten der insgesamt 17 Notunterkünfte in Niedersachsen sind zu. Bis Jahresende sollen alle geschlossen sein, lediglich sechs Einrichtungen bleiben laut Innenministerium als Reserve, die im Bedarfsfall schnell aktiviert werden können. Doch was bedeuten die sinkenden Flüchtlingszahlen für die Auftragsbücher von Caterern, Reinigungsfirmen oder Sicherheitsdiensten?

Eine Frage, die Unternehmensvertreter quer durch alle Branchen sehr zurückhaltend oder überhaupt nicht beantworten. Viele erörtern ungern, ob die Versorgung von Flüchtlingen eine Art Konjunkturprogramm für ihre Firmen gewesen ist, viele blocken Anfragen unserer Redaktion ab. Welche Summen an die einzelnen Unternehmen fließen, ist oft unklar. Denn meist schweigen städtische Behörden und Bezirksregierungen darüber, wen sie beauftragen.

On-top-Aufgabe

Von der Schließung der Notunterkunft im emsländischen Aschendorf betroffen ist der Sicherheitsdienst Securitas. „Völlig überraschend kommen die Schließungen jetzt nicht“, sagt Unternehmenssprecher Bernd Weiler. Das Unternehmen habe sich darauf eingestellt. „Zudem zählen diese Dienstleistungen auch nicht zu unserem Kerngeschäft, sondern waren eher eine On-top-Aufgabe.“

Deutschlandweit sind Securitas-Mitarbeiter noch in etwa 100 Flüchtlingsunterkünften im Einsatz, überwiegend im Süden der Republik. „Die Flüchtlingswelle erforderte Ad-hoc-Maßnahmen, die von vornherein zeitlich begrenzt waren und nicht zu unserem Kerngeschäft zählen“, so Weiler. Um im Herbst letzten Jahres auf den Nachfrage-Boom reagieren zu können, habe man Dienste von Subunternehmen in Anspruch genommen.

Boomendes Sicherheitsgewerbe

Durch den Flüchtlingsandrang sind im privaten Sicherheitsgewerbe Tausende neue Stellen entstanden. „Der Schutz von Flüchtlingsunterkünften hat zu dieser absoluten Sonderkonjunktur geführt“, sagt Harald Olschok, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft (BDSW). Insgesamt seien 33000 neue Stellen entstanden. Mit der Rekordzahl von 247000 Beschäftigten zum Jahresende 2015 liege die Branche mit der Polizei gleichauf, erläutert der Verband anhand von Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Die stärkere Nachfrage im Zuge der Terrorangst und Flüchtlingsproblematik hat dazu geführt, dass laut BDSW aktuell bundesweit 13000 Stellen in der Branche unbesetzt sind.

Einzelfälle ohne Auswirkungen auf das Gesamtergebnis

Rainer Balke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Niedersachsen, sieht keine starken Negativeffekte für die Wirtschaft dadurch, dass weniger Flüchtlinge kommen: „Wir wissen zwar, dass Gastronomiebetriebe durch Cateringservice oder das Bereitstellen von Unterkünften von der Flüchtlingsproblematik profitiert haben. Dies waren allerdings Einzelfälle, die umsatzstatistisch nicht nennenswert für das gesamte niedersächsische Gastgewerbe ins Gewicht fielen.“

Keine Aussage zu Auswirkungen der sinkenden Flüchtlingszahlen macht die Landesinnung der Gebäudedienstleister für Bremen und Nord-West-Niedersachsen. Eine Befragung der Mitgliedsbetriebe habe kein verwertbares Ergebnis gebracht, heißt es von der Innung. Der ein oder andere Betrieb habe für kurze Zeit eine Sporthalle gereinigt. Diese Objekte gehörten nach Innungsangaben aber auch schon vorher zum Auftragsbestand.

13 Blockhäuser errichtet

Eine Reaktion auf die sprunghaft angestiegenen Flüchtlingszahlen war auch die Errichtung von 13 Blockhäusern in der ostfriesischen Gemeinde Westoverledingen direkt an der Grenze zu Papenburg. Jeweils fünf bis sechs Asylbewerber können hier untergebracht werden. 70 000 Euro hat die Gemeinde je Haus gezahlt. Die ersten Häuser sind jetzt bezugsfertig. „Die ersten Familien aus der Gemeinschaftsunterkunft stehen auch für den Umzug bereit“, sagt der erste Gemeinderat von Westoverledingen, Rolf Hüser. Bedenken, dass die Blockhäuser aufgrund des geringeren Flüchtlingszuzugs nicht mehr benötigt werden, hat er nicht. Die derzeitige Situation der sinkenden Verteilungszahlen mache sich in Westoverledingen vor allem bei Neuanmietungen bemerkbar, weil kein zusätzlicher Bedarf bestehe. „Die Zahl der Zuweisungen hat sich aber nicht geändert, nur der Aufnahmezeitraum wurde verlängert. Somit sind die geschaffenen und vorgesehenen Einrichtungen weiterhin erforderlich.“

Betreuung dauert noch an

Da die meisten Asylverfahren mehrere Monate andauerten, gebe es immer noch genug mit der Betreuung der Asylbewerber und der Verwaltung der Immobilien zu tun. Aufgrund der Verfahrensdauer und der mittlerweile vorhandenen Deutschkenntnisse rücken laut Hüser auch Themen wie dezentrale und eigenständige Unterbringungen, Ausbildung und Arbeit bei den Bewerbern stärker in den Vordergrund.

Online-Protal gibt Auskunft über das Millionengeschäft

Das Onlineportal TED der Europäischen Union gibt Aufschluss über das Millionengeschäft Asyl. In der frei zugänglichen Datenbank sind öffentliche Ausschreibungen und Aufträge aufgelistet. Eine Suche mit Stichwörtern wie „Asylbewerber“ und „Flüchtlinge“ macht die Nachfrage der Kommunen und den Auftragswert für die Firmen greifbar.

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