Deutschland-Chef im Interview Sport, Technik, Lebensmittel: Amazon expandiert rasant

Amazon.de-Geschäftsführer Ralf Kleber in seinem Büro in München-Schwabing. Foto: Hans-Rudolf SchulzAmazon.de-Geschäftsführer Ralf Kleber in seinem Büro in München-Schwabing. Foto: Hans-Rudolf Schulz

Osnabrück. Bundesliga-Übertragungen in Echtzeit und frische Lebensmittel, stationäre Ladengeschäfte und IT-Dienstleistungen für Unternehmen: Amazon expandiert und experimentiert massiv in neuen Geschäftsfeldern. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Deutschland-Chef Ralf Kleber über Details und kündigt an, in diesem Jahr 1500 neue Stellen zu schaffen.

Herr Kleber, Amazon und Google, Apple und Facebook werden zuweilen als die vier Reiter der Apokalypse beschrieben. Wie sehen Sie sich selbst, bringen sie nur Segen oder auch Unglück?

Die apokalyptischen Reiter bringen Hunger oder Krankheit – Amazon hingegen Pakete und Services, die das Leben der Kunden täglich vereinfachen sollen. Deshalb hoffen wir, dass uns Kunden als ein Unternehmen wahrnehmen, das ihnen in vielerlei Hinsicht sehr viel Fortschritt bringt. Für Kunden im Handel heißt das zum Beispiel eine breite Auswahl von Produkten, Preistransparenz, Komfort bei Bestellung und Zustellung. Unsere Handelspartner wiederum waren zuvor nie in der Lage, einen Artikel mit wenigen Klicks an so viele Kunden zu verkaufen – angesichts von nahezu 300 Millionen aktiven Amazon-Konten weltweit. Unsere Partner im Bereich Publishing erschließen sich eine millionenfache Leserklientel, was früher schlicht unvorstellbar war. Und wenn sie mit den Unternehmen reden, die unsere technologischen Dienstleistungen nutzen, werden Ihnen die meisten unterschreiben, dass sie kaum effizienter Innovation vorantreiben können als mit uns. Insofern glaube ich: Wir bringen ein gehöriges Stück Fortschritt. Dass nicht jeder im Einklang mit den Veränderungen ist, die uns die Zukunft bringt, darüber sind wir uns aber auch im Klaren.

Wenn also Läden schließen müssen, weil es Amazon gibt, haben Sie kein schlechtes Gewissen...

Nein, weil ich das so nicht sehe! Ich könnte Ihnen genauso gut von tausenden Händlern berichten, die es vor zehn Jahren gar nicht gab, die aber heute über Amazon ein florierendes Geschäft betreiben – weltweit sind es zwei Millionen. Es gibt Studien die sagen: Durch unseren Service Amazon Marketplace, der jedem Anbieter zugänglich ist, sind alleine in Deutschland 90000 Jobs entstanden. Deutsche Händler auf Amazon Marketplace nutzen diese Chancen: Im Jahr 2015 exportierten sie Waren im Wert von mehr als 1,5 Milliarden Euro an Kunden weltweit.

Wenn der stationäre Handel in dem Sinne keine Konkurrenz mehr ist – wer ist es unter den globalen Digitalkonzernen? Nähern sich deren Geschäftsfelder wie Inhalt, Technologie und Interaktion nicht immer mehr an, jeder bietet alles an?

Da habe ich eine recht einfache Sicht: Ich gucke mir die Mitbewerber nicht an und denke, wer ist mein größter Konkurrent? Sondern ich gucke mir an: Wer ist mein Kunde? Mein Konkurrent wird nicht mehr von mir kaufen, so gut ich meine Leistungen auch auf ihn abstimme – wohl aber mein Kunde. Insofern gehen wir unseren eigenen Weg und fokussieren uns auf den Kunden. Richtig ist aber, dass wir uns in Geschäftsfeldern bewegen, die es vorher schon gab. Umso mehr muss einem klar sein, wie wichtig die Maxime ist, auf den Kunden zu schauen. Man muss wissen, wie man in seiner Welt Bedeutung erlangen kann.

Das erste Quartal brachte Ihnen einen Rekordgewinn – wie lief das zweite?

Kurzfristige Ziele haben bei uns wenig Relevanz – uns geht es um nachhaltiges Wachstum. Deshalb gilt auch: Quartalsoptimierung betreiben wir nicht. Jeden Euro, den wir einnehmen, investieren wir wieder. Jeder Cent fließt in Innovationen und Experimente. Seit 2010 hat Amazon mehr als 5,8 Milliarden Euro in hiesige Infrastrukturen und Anlagen investiert. Uns ist bewusst, dass wir auch immer wieder Geld verlieren, wenn etwas scheitert. Wir wissen aber auch: Wenn wir nicht experimentieren, werden wir auf Dauer keinen Erfolg haben. Die Aktionäre, die langfristig bei uns geblieben sind, haben bei einer Börsenkapitalisierung von gegenwärtig 330 Milliarden US-Dollar jedenfalls nicht wenig Freude mit uns gehabt.

Mit welcher weiteren Kursentwicklung rechnen Sie?

Das können Ihnen Analysten besser beantworten…

Was sagen Sie denen, wenn die Sie fragen?

Ende des Monats veröffentlichen wir die Geschäftszahlen für das zweite Quartal. Sagen kann ich aber schon jetzt, dass wir weiter wachsen und investieren. Alleine in diesem Jahr werden wir in Deutschland 1500 neue unbefristete Vollzeitarbeitsplätze schaffen. 2016 wächst auch das europäische Logistik-Netzwerk weiter, etwa mit einem neuen Zentrum in Werne. Geplant ist auch der Ausbau der europäischen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sowie weiterer Infrastrukturen, unter anderem für das Cloud-Computing.

Am schnellsten wachsen die Amazon Web Services, richtig?

Das trifft zu. Amazon Web Services gewinnt fortlaufend Kunden, von traditionellen Unternehmen wie Kärcher über Startups wie My-Taxi bis zu großen Online-Händlern wie Zalando. Und da Amazon eine kritische Größe erreicht hat, entstehen Skaleneffekte, auf die keiner je kommt, der seine IT selbst betreibt. Die Ersparnisse gibt Amazon 1:1 weiter und wir haben bis heute bereits 51-mal die Preise gesenkt.

Welche Zukunft geben Sie dem Offline-Handel?

Ich sehe sehr viele erfolgreiche Händler und Handelsmodelle, auch solche, die beides gut bedienen: Einen Laden in der Stadt und den Verkauf auf einem Online-Marktplatz. Wir glauben an eine Welt der Vielfalt. Deshalb experimentieren wir ja selbst im Offline-Handel...

... ohne dass sie zu konkreten Plänen für den deutschen Markt etwas sagen wollen, vermute ich ...

Richtig: Wir sprechen in der Tat immer erst über unsere Innovationen, wenn sie der Kunde auch nutzen kann.

Wie bewerten Sie die Experimente im Handel, Produkte zum Beispiel in Filialen bestellen und nach Hause liefern zu lassen, oder zu Hause zu bestellen und in Filialen liefern zu lassen?

Wenn die Frage ist, ob das Paket zum Kunden kommen soll oder der Kunde zum Paket, arbeiten wir daran, dass Ersteres eintritt. Das Ziel von Amazon ist es, die Ware so schnell wie möglich und ohne Umwege zu bringen. In Berlin liefert Amazon mittlerweile innerhalb von ein oder zwei Stunden, in vielen anderen Ballungsräumen aus einem Sortiment von Hunderttausenden Artikeln immerhin am selben Tag. Wir setzen unseren ganzen Aufwand in die Verbesserung der Zustellung. Wir beliefern Packstationen, Büros, Nachbarn, ganz wie der Kunde es will. Dabei arbeitet Amazon mit allen Paketdienstleistern zusammen, die es in Deutschland gibt und darüber hinaus mit einer eigenen Truppe, um das noch zu ergänzen.

Amazon bietet zunehmend Waren an, die physisch gar nicht ausgeliefert werden, ist vor Netflix zum Beispiel Marktführer für das Streaming von Filmen. Welche Zukunft geben Sie dem herkömmlichen Fernsehen?

Man schreibt schnell Dinge tot, die dann doch überleben. Heute wird auf Amazon.de mehr Vinyl verkauft als 1999, als ich bei Amazon angefangen habe. Welche Rolle das Fernsehen in der Zukunft spielt, liegt einzig an ihm selbst, konkret daran, wie es sich mit seinem Kunden auseinandersetzt und was es daraus lernt.

Kürzlich haben Sie den Kauf von Bundesligarechten für Audio-Übertragungen für die nächste Saison bekannt gegeben – wann folgt Bewegtbild?

Man sollte nichts ausschließen. Im Moment aber haben wir die Audiorechte für unseren Prime-Musikdienst. Darüber freuen wir uns, weil es ein Genre ist, das unseren Kunden am Herzen liegt, das wir aber bisher noch nicht so gut abgedeckt hatten. Bei Literatur und Musik sind wir einer der Stärksten, jetzt kommt Sport dazu. Damit haben wir drei sehr gute Felder abgedeckt, und dann schauen wir mal weiter. (Weiterlesen: Amazon schielt auf die Fußball-Bundesliga.)

Ein weiteres großes Thema sind frische Lebensmittel – die Branche beobachtet gespannt, ob und wie Sie starten.

Fakt ist, dass wir in Berlin unseren Ein-Stunden-Service bereits gestartet haben. Da bekommen Sie unter anderem auch Bananen, Sushi, was Sie wollen. Das Geschäft läuft sehr gut und macht uns viel Spaß, und wir lernen auch viel. Was die weitere Expansion betrifft: Wir wissen, dass alle unsere Kunden essen, und dass es sich beim Kauf von Nahrungsmitteln um ein für sie im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtiges Thema handelt. Und vergessen Sie nicht, dass wir bereits seit Jahren einen riesigen Lebensmittelladen betreiben. Dem mangelt es nur an Wahrnehmung, weil jeder darin den frischen Leberkäse vermisst. Aber die meisten Lebensmittel, die Sie konsumieren, sind gar nicht frischer Natur und lassen sich problemlos per Online-Handel vertreiben: Auf Amazon.de haben wir allein über 500000 Lebensmittel, sogenannte Trockenware wie Mehl, Nudeln oder Vanillezucker.

Wir haben Sommer, trotzdem die Frage für die, die vorausschauen: Was wird der Renner im Weihnachtsgeschäft?

Das wird so laufen wie immer: Unterhaltungselektronik, Spielwaren, und dann der ein oder andere Renner, den wir aber jetzt noch nicht kennen.


Amazon

Der US-Konzern Amazon begann sein Geschäft in Deutschland 1998 als Online-Händler und verkaufte damals überwiegend Bücher. Heute ist das Unternehmen nach rapidem Wachstum ein globaler Technologiekonzern und beispielsweise auch deutscher Marktführer für Filme und Serien per Internet. Der Umsatz lag in Deutschland, dem weltweit zweitgrößten Markt nach den USA, 2015 bei 11,8 Milliarden Dollar. Ralf Kleber steht seit 1999 an der Spitze des Unternehmens. Die Zentrale befindet sich im Münchner Norden. Immer wieder attackieren Gewerkschaften Amazon, weil es sich als Logistikdienstleister und nicht Handelsunternehmen versteht und seine Mitarbeiter teilweise entsprechend niedriger entlohnt.

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