Mit Hähnchen lässt sich Geld verdienen Warum Geflügelhalter in der Krise so schweigsam sind

Ein Masthähnchen in einem Stall. Foto: dpaEin Masthähnchen in einem Stall. Foto: dpa

Osnabrück. Die Milchkrise ist allgegenwärtig. Kein Tag vergeht, an dem nicht neue Vorschläge und Forderungen laut werden. Ganz Deutschland sorgt sich um seine Milchbauern, möchte man meinen. Aber was ist mit den Geflügelhaltern? Kein Hahn scheint nach ihnen zu krähen.

Es ist gar nicht so leicht, einen von ihnen zu sprechen. Zumindest wollen sie nicht mit Namen in der Zeitung oder im Internet stehen. Sie haben Sorge, dass sie die Missgunst ihrer Schweine- oder Kuhhaltenden Kollegen auf sich ziehen. Denn während die seit Monaten unter teils existenzbedrohend niedrigen Erzeugerpreisen leiden, verdienen die Geflügelhalter – sowohl Mäster als auch Eier-Erzeuger - einigermaßen gut.

Was die Landwirte nur hinter vorgehaltener Hand sagen wollen, bestätigt Lambert Hurink, Hauptgeschäftsführer beim emsländischen Landvolk, gerade heraus. Die wirtschaftliche Lage der Geflügelhalter sei gut. Er muss es wissen: Allein im Landkreis Emsland gibt es nach offiziellen Zahlen an die 40 Millionen Stallplätze für Legehennen, Masthähnchen, Puten oder Enten. Das Emsland ist die deutsche Geflügelhochburg. (Weiterlesen: Geflügelställe: Anträge im Raum Weser-Ems gehen zurück)

Geflügelpreise einigermaßen stabil

Der Blick auf die Erzeugerpreise: Milch lag 2013 noch bei 41 Cent pro Liter, danach ging es bergab, mittlerweile hat sich der Erzeugerpreis halbiert. Im selben Zeitraum sank der Erzeugerpreis für das Kilo Hähnchenfleisch von 1,02 Euro auf rund 90 Cent. Ein Rückgang, ja, aber keinesfalls so heftig wie bei der Milch. Das sei „gutes Geld“, findet Hans-Wilhelm Windhorst, Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) in Vechta.

Er verweist unter anderem auf gesunkene Rohstoffpreise. In der Folge sei Geflügelfutter billiger geworden. „Da es etwa 60 Prozent der Produktionskosten ausmacht, verbesserten sich die Betriebsergebnisse selbst bei weitgehend unveränderten Abgabepreisen an den Handel“, so Windhorst. Diesen Vorteil hätten Milchviehhalter nicht, die das Futter oftmals selbst anbauten. (Weiterlesen: Was der niedrige Milchpreis mit den Bauern macht)

Die Entwicklung der Erzeugerpreise.

Angebot und Nachfrage stabil

Sowohl Hurink als auch Windhorst sehen einen weiteren erheblichen Unterschied zum Milchmarkt: Während hier ein Überangebot die Erzeugerpreise drückt, sind Angebot und Nachfrage im Geflügelsektor in einem gesunden Verhältnis. Professor Windhorst sagt: „Die Branche hat verstanden: Wenn der Markt im Gleichgewicht bleibt und keine zu große Überversorgung vorliegt, dann leben damit alle Beteiligten am besten.“

Im Eierbereich gibt es gar eine Unterversorgung: Deutschland muss Eier importieren, um den eigenen Bedarf zu decken. „Auch das wirkt sich stabilisierend auf den Preis aus“, sagt Windhorst. Hurink verweist zudem auf einen verheerenden Vogelgrippe-Ausbruch in den USA. Millionen Tiere mussten notgeschlachtet werden. Im Ergebnis wurden Eier beziehungsweise Ei-Produkte aus Europa über den Atlantik transportiert.

Die Krise im Milchbereich ist auch deswegen so anhaltend, weil viele Landwirte in der Hochpreisphase den Beschluss fassten, ihre Betriebe zu vergrößern. In einigen Fällen gar zu spiegeln, sprich: zu verdoppeln. Größere Betriebe bedeuten mehr Milch und das wiederum bedeutet derzeit einen niedrigeren Erzeugerpreis, während die Kreditraten für den Stallneubau anfallen.

Im Geflügelbereich ist der Bauboom zumindest in West-Niedersachsen abgeebbt. Etwa 100 Millionen Stallplätze gibt es in der Region Weser-Ems, in der auch das Emsland liegt. „Der Markt würde weitere Ställe verkraften“, sagt Lambert Hurink. Nachdem der Ärger über immer mehr Neubauten lauter wurde, zogen Politik und Behörden aber die Notbremse und erhöhten die Auflagen deutlich. Im Ergebnis wird jetzt weniger gebaut. „Eine deutliche Verlangsamung der Genehmigungen sorgt für eine Angebotsverknappung“, bestätigt Hurink. (Weiterlesen: Geflügelställe: Anträge im Raum Weser-Ems gehen zurück)

Vertikale Integration

Und dann ist speziell die Geflügelmast ganz anders strukturiert. Vertikale Integration heißt das Konzept, das Konzerne wie Rothkötter oder Wiesenhof praktizieren. Vom Futter über die Küken bis hin zum Schlachthof ist der Geflügelhalter an ein Unternehmen vertraglich gebunden. Der Mäster ist ein Glied in der Wirtschaftskette. Das bedeutet im Zweifelsfall zwar weniger Freiheit, bringt aber wirtschaftliche Sicherheit.

Durch die effizientere Planung käme es in der Produktion weder zu Engpässen noch zur Überversorgung, sagt Fachmann Windhorst. „Dies wirkt kostensenkend und trägt damit einmal zu erhöhter Wettbewerbsfähigkeit und zum anderen zu positiven Betriebsergebnissen auf den einzelnen Stufen bei.“ Im Schweinesektor wird beispielsweise Tönnies nachgesagt, das Modell übertragen zu wollen. Im Milchbereich sind solche Bestrebungen bislang nicht zu beobachten. (Weiterlesen: Schmidt stellt neue EU-Millionen für Milchbauern in Aussicht)


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