Hohe Sprachbarriere Kaum ein Flüchtling in der Region schafft es in die Ausbildung

Ein Flüchtling in einer Unterkunft in Wiesbaden schneidet Mitbewohnern die Haare. Bis zu einem Ausbildungsvertrag schaffen es bisher nur wenige. Foto: imago/Michael SchickEin Flüchtling in einer Unterkunft in Wiesbaden schneidet Mitbewohnern die Haare. Bis zu einem Ausbildungsvertrag schaffen es bisher nur wenige. Foto: imago/Michael Schick

Osnabrück. Die Versuche von Behörden, IHK und Unternehmen, junge Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen, fruchten kaum: Nur zwölf Flüchtlinge haben in den ersten vier Monaten des Jahres bei Firmen im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim Ausbildungsverträge abgeschlossen. Und von 50 Plätzen für vorbereitende Kurse der IHK ist kein einziger besetzt.

Dabei sind im vergangenen Jahr nach IHK-Schätzung 3500 Flüchtlingen unter 25 Jahren in den Bezirk gekommen. Diese Zahlen legte die Kammer am Mittwoch bei der Präsentation ihres Geschäftsberichts 2015 in Osnabrück vor.

IHK-Hauptgeschäftsführer Marco Graf sagte, die Vermutung, neu ankommende Flüchtlinge schon nach ein bis zwei Jahren in Ausbildung zu haben, sei trügerisch gewesen: „Wir werden uns auf sehr viel größere Zeiträume einstellen müssen.“ 38 Menschen aus Asyl-Herkunftsländern befinden sich im Bezirk in Ausbildungsverhältnissen. Die meisten sind laut IHK seit mindestens zwei Jahren im Land. Die Hauptbarriere zwischen Flüchtlingen und einer Ausbildung seien nach wie vor die mangelnden Sprachkenntnisse der Flüchtlinge.

Graf übte Kritik daran, dass Flüchtlinge erst nach Anerkennung ihrer Asylanträge von einer Arbeitsagentur zu einem Jobcenter wechseln könnten, wo sie verbindlichere Qualifizierungsmaßnahmen erhielten. „Ein Jahr in Unverbindlichkeit zu warten und Chancen nicht nutzen zu können, das sind eher verlorene Monate“, sagte er „Wir müssen hier zu Systemverbesserungen kommen.“

Den Fachkräftemangel lindern helfen könnten Flüchtlinge auf absehbare Zeit nicht, sagt die IHK voraus. Dabei ist die Personalnachfrage der Unternehmen ungebrochen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Kammerbezirk nahm im vergangenen Jahr zu – wie fast ununterbrochen seit 2006. Im September waren rund 385000 Menschen in sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen – knapp ein Fünftel mehr als zur Jahrtausendewende. Unter den 2015 hinzugekommenen Jobs sind viele Teilzeitstellen. „Wir blicken mittlerweile auf neun Jahre Job-Boom in der Region zurück“, sagte IHK-Präsident Martin Schlichter. Die Stellen kommen vorwiegend im Dienstleistungssektor und in personalintensiven Branchen wie der Lebensmittelindustrie hinzu. Der „Frühindikator Beschäftigung“ der IHK weist auf einen Zuwachs von 2,2 Prozent im Jahr 2016 hin.

Die Industrie der Region musste 2015 Jahr einen leichten Umsatzrückgang von 0,5 Prozent hinnehmen, während Land (+3,3) und Bund (+2,2) zulegten. Der Export stieg mit 4,6 Prozent geringer als im Land (5,6 ) und im Bund (4,9). Das Wirtschaftswachstum der Region lag nach IHK-Einschätzung knapp unter 1,7 Prozent. „Die Unternehmen warten auf Impulse“, sagte Schlichter.

Die Hauptgründe für das Abschmelzen des Industrieumsatzes sieht die Kammer im Einbruch des Russland-Geschäfts und in den niedrigen Rohstoffpreisen, die Niedersachsens Ölförderern und -verarbeitern zusetzen.

Die IHK selbst, die fast 60000 Mitgliedsunternehmen zählt, hat 2015 Erträge aus Mitgliedsbeiträgen in Höhe von 7,49 Millionen Euro verbucht (2014: 6,85 Millionen Euro) und wie geplant den Abbau von Rücklagen fortgesetzt.


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