Keine Zeit für die Toilette USA: Mitarbeiter in Geflügelfirmen müssen Windeln tragen

Von John Dyer

Die amerikanischen Geflügelhersteller sind so sehr auf Profit getrimmt, dass sie ihren Mitarbeitern nicht einmal mehr Zeit lassen, auf die Toilette zu gehen. Tausende Beschäftigte müssen mit Windeln arbeiten, zeigt ein neuer Bericht von Oxfam. Foto: Julian Stratenschulte/dpaDie amerikanischen Geflügelhersteller sind so sehr auf Profit getrimmt, dass sie ihren Mitarbeitern nicht einmal mehr Zeit lassen, auf die Toilette zu gehen. Tausende Beschäftigte müssen mit Windeln arbeiten, zeigt ein neuer Bericht von Oxfam. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Boston. Die amerikanischen Geflügelhersteller sind so sehr auf Profit getrimmt, dass sie ihren Mitarbeitern nicht einmal mehr Zeit lassen, auf die Toilette zu gehen. Tausende Beschäftigte müssen mit Windeln arbeiten, zeigt ein neuer Bericht von Oxfam.

Hühner in winzigen Käfigen, vollgepumpt mit Wachstumshormonen, abgeschnittenen Schnäbeln, damit sie sich nicht gegenseitig verletzten. Das Schreddern neugeborener männlicher Küken, weil sie keine Eier legen werden – all das ist bekannt. Jetzt kommt ein neuer Horrorfaktor in der amerikanischen Geflügelindustrie hinzu: Arbeiter müssen Windeln tragen, damit sie weiter am Band arbeiten können, während sie urinieren.

Nicht trinken soll helfen

Die Enthüllungen sind im jüngsten Bericht von Oxfam America zu lesen, der „No Relief“ überschrieben ist - keine Ablösung, Erleichterung oder Pause. Der Bericht beschreibt eine brutale Arbeitswirklichkeit, wo keine Pausen bei der Arbeit am Fließband erlaubt sind und halsbrecherische Anforderungen gestellt werden. „Wenn Du eine Minute zu spät von der Toilette kommst, dann wirst du bestraft“, berichtet Jean von der Fabrik von Tyson Foods in Virginia. Der Nachname wird nicht genannt. „Der Vorarbeiter lässt dich eine Abmahnung unterschreiben. Ich trinke überhaupt kein Wasser, damit ich nicht raus muss.“

Wie im Jahre 1906

Minor Sinclair, Direktor der Oxfam-Programme in den USA: „Ich war entsetzt, als Arbeiter in Arkansas mit erzählten, dass die Leute ständig Windeln tragen, wenn sie in der Fabrik arbeiten. Sie glauben, sie müssen das tun, um ihre Jobs zu behalten“, sagt Sinclair. „Die Aufseher tun alles, um die Fließbänder in einem halsbrecherischen Tempo am Laufen zu halten. Und die Firmen gucken weg, weil sie Rekordgewinne machen.“ Alles erinnere ihn an das Buch „Der Dschungel“ von Upton Sinclair, der 1906 die Missstände in der Fleischverpackung beschrieben und damit eine Bewegung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen ausgelöst hatte. Oxfam-Direktor Sinclair ist mit dem Autoren Sinclair nicht verwandt.

Laut dem Oxfam-Bericht kann die Verweigerung des Toilettengangs zu Infektionen der Harnwege und zu Nierenschäden führen, im Extremfall bis zum Tod. Schwangere Frauen sind dieser Gefahr besonders ausgesetzt.

Industrie weist Vorwürfe zurück

Der Bericht zeigt die Arbeitsbedingungen in den größten amerikanischen Geflügelfabriken auf, darunter Tyson Foods, Pilgrim’s Pride, Perdue Farms und Sanderson Farms. In einer gemeinsamen Erklärung weisen der National Chicken Council und die U.S. Poultry & Egg Association den Bericht zurück. Die von Oxfam angeführten Beispiele seien isolierte Einzelfälle in einer ansonsten einwandfrei arbeitenden Branche. „Wir sind betroffen von diesen Behauptungen, aber auch von den Bemühungen der Gruppe (Oxfam), die gesamte Industrie mit breitem Pinselstrich aufgrund einiger anonymer Behauptungen anzuschwärzen“, heißt es in der Erklärung. „Wir glauben, dass diese Vorfälle extrem selten sind, und dass die US-Geflügelindustrie hart arbeitet, um so etwas nicht zuzulassen.“

Der größte amerikanische Geflügelproduzent, Tyson Foods in Arkansas, will die Behauptungen des Berichts untersuchen. Oxfam: „So wie es aussieht, werden die Tyson-Regeln in den Fabriken nicht befolgt, wo den Arbeitern regelmäßig die notwendigen Pausen verweigert werden“, erklärt Oxfam.

Minderheiten wehren sich nicht

Oxfam zitiert auch die Bürgerrechtsgruppe Southern Poverty Law Center in Alabama, laut der 90 Prozent der Geflügelfabriken ihren Arbeitern Toilettenpausen verweigern. „Die Arbeiter in Geflügelfabriken sind die schwächsten in unserem Land“, sagt Deborah Berkowitz vom National Employment Law Project, einer Gruppe, die sich besonders für die Rechte der Niedriglöhner einsetzt. „Die meisten gehören einer Minderheit an oder sind Einwanderer.“ Berkowitz: „Die Firmen wissen, dass sie mit unfairen, einschüchternden und rechtlich fragwürdigen Praktiken durchkommen. Denn diese Arbeiter haben zu viel Angst, um sich zu wehren.“


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