„Sauerei!“ und „Vom Land in den Mund“ Wer über Landwirtschaft mitreden will, muss diese Bücher lesen


Osnabrück. Gentechnik, Glyphosat, Massentierhaltung, Antibiotika-Missbrauch: Alle reden darüber, wie unsere Lebensmittel hergestellt werden – doch kaum einer hat Ahnung, wovon er da eigentlich spricht. Zwei Bücher nähern sich dem Thema jetzt auf sehr unterschiedliche Weise. Wer wirklich mitreden will, sollte sie gelesen haben.

Bauer Willi ist so etwas wie der Shooting-Star in seiner Branche. Er gibt dem einzelnen Landwirt ein Gesicht, der ansonsten in der Anonymität des Bauernverbandes mit seinen Zehntausenden Mitgliedern verschwindet. Als dieser Willi, mit bürgerlichem Namen Willi Kremer-Schillings, Doktor der Agrarwissenschaften und Nebenerwerbs-Landwirt im Rheinland, seinen Brandbrief „Lieber Verbraucher“ im Internet veröffentlichte, ging ein Raunen durch die Branche: Endlich hatte mal einer das ausgesprochen, was so viele Landwirte denken. (Weiterlesen: Bauer Willi und Co: Wie bloggende Bauern das Netz erobern)

Brückenschlag vom Bauern zum Verbraucher

Konfrontativ, aber nicht belehrend – so wie seine digitalen Brandbriefe liest sich auch sein Buch: „Sauerei! – Bauer Willi über billiges Essen und unsere Macht als Verbraucher.“ Auf knapp 330 Seiten nimmt Kremer-Schillings seine Leser mit auf eine Reise, die auf einem modernen Bauernhof endet. Er schildert, was es heutzutage heißt, Landwirt zu sein. Dabei hält er nicht nur dem auf billig getrimmten Verbraucher den Spiegel vor, sondern auch seiner Agrarbranche. „Wahrscheinlich sind Sie unzufrieden mit der Situation in und um die Lebensmittelproduktion. Ich auch, das können Sie mir glauben“, schreibt er gegen Ende. Offen und ehrlich. Fernab der ideologischen Grabenkämpfe um moderne Landwirtschaft. Sein Buch ist ein Brückenschlag zwischen Verbrauchern und Landwirten, die viel zu lange nur den Kopf über den jeweils anderen geschüttelt haben.

„Vom Land in den Mund“

Anders, aber nicht weniger wertvoll nähert sich Jan Grossarth in seinem Buch „Vom Land in den Mund – Warum sich die Nahrungsindustrie neu erfinden muss“ den Problemen der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion in all ihren Facetten. Die 160 Seiten heben sich ab von vielem, was bereits zu diesem Thema geschrieben wurde: Der hysterischen Debatte über unsere Ernährung stellt Grossarth ausgeruhte Überlegungen und Betrachtungen gegenüber, die in einem klugen Fazit münden.

Ebenso wie „Sauerei“ wird auch „Vom Land in den Mund“ nicht allen gefallen, die meinen, sich ein Urteil erlauben zu können. „Das Gutgemeinte wirkt nicht immer gut, und niedere Motive können positive Wirkungen entfalten“, schreibt Grossarth, Wirtschaftsredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Es ist zu verstehen als Warnung an Politik und Verbraucher, die die industrielle Lebensmittelproduktion revolutionieren wollen. Grossarth mahnt: „Der Großteil der Menschen ist existenziell abhängig von der Agrarindustrie.“

Der Autor macht sich mit keiner Idee, mit keiner Seite gemein. Er zeigt auf, dass alles Vor- und Nachteile hat. Allein dadurch, dass Grossarth die Ernährungsindustrie nicht von vornherein verteufelt, sondern auch die Fortschritte benennt, hebt er sich ab. Es ist eben nicht alles schlecht, weil es billig ist, aber auch längst nicht alles gut.

Grossarth macht deutlich, dass Produzenten und Konsumenten nicht ohne einander können. Erst wer das akzeptiert, kann an einer Lösung der Probleme arbeiten.

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Die Daten zu den beiden Büchern:

Dr. Willi Kremer-Schillings, „Sauerei! Bauer Willi über billiges Essen und unsere Macht als Verbraucher“, Piper-Verlag, 330 Seiten, 14,99 Euro. ISBN: 9783492060387

Jan Grossarth, „Vom Land in den Mund – Warum sich die Nahrungsindustrie neu erfinden muss“, Nagel & Kimche, 160 Seiten, 17,90 Euro. ISBN: 9783312006922

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