zuletzt aktualisiert vor

Vortrag zur IHK im Dritten Reich Rass: Überzeugte Nationalsozialisten in der IHK



Osnabrück. Überzeugte Nationalsozialisten, konservative Funktionäre und ein breites Mittelfeld, das sich dem Dritten Reich anpasste: So beschreibt der Osnabrücker Historiker Christoph Rass die Situation in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück zwischen 1933 und 1945. Die Kammer sei aktiv an der Enteignung jüdischer Unternehmer beteiligt gewesen.

In einem Vortrag beim „Mittagsgespräch“ der IHK forderte Rass: „Diese Geschichte muss ohne Vorbehalte aufgearbeitet werden.“ Seinen Anteil dazu hat der Historiker bereits geleistet: Federführend ist der Osnabrücker Professor für Neueste Geschichte an einer wissenschaftlichen Festschrift zum 150-jährigen Bestehen der IHK beteiligt. Erscheinen wird das Buch kurz vor der Jubiläumsveranstaltung Ende September. Rass hat dafür einen Aufsatz zur NS-Zeit geschrieben. Seine Erkenntnis: Die Ergebnisse seiner Forschungen widersprechen fundamental der bisherigen Geschichtsschreibung zur IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Darüber sprach er nun in der IHK. „Zwischen Indienstnahme und Anpassung“ lautete der Titel seines Vortrags.

„IHK-Präsident Hagen war ein Mittäter“

Exemplarisch für das Führungspersonal waren nach seinen Worten der Osnabrücker Kaufmann Gustav Hagen, der 1933 IHK-Präsident wurde und Benno Manns, Hauptgeschäftsführer der IHK. Hagen, bis dahin kein NSDAP-Mitglied, aber ein Funktionär der weit rechts stehenden Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), sei ein „Mittäter“ gewesen, der nicht nur Kompromisse mit dem NS-Regime geschlossen, sondern auch seinen eigenen Vorteil genutzt habe. Manns war nach Darstellung von Rass kein Nazi, aber ein Konservativer mit einer undemokratischen Gesinnung.

Nach der Machtergreifung sei die Selbstverwaltung der IHK abgeschafft worden. „Es gibt keine Beschlüsse, keine Abstimmungen mehr.“ Das Führerprinzip habe sich auch in der IHK durchgesetzt, der Präsident sei aufgewertet worden.

„Rücksichtslose Enteignung von Juden“

Hagen und Manns hätten im Rahmen der rücksichtslosen Enteignung jüdischer Unternehmer ihre Unterschriften geleistet. „Man muss nicht ein überzeugter Nazi sein, um dem Dritten Reich gedient zu haben“, stellte Rass fest. Bei der Enteignung von Juden sei die IHK sogar den NS-Gesetzen vorausgeeilt. 1938 habe die Kammer gemeldet, der Bezirk sei weitgehend „entjudet“.

In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs habe die IHK an Unternehmer aus dem Kammerbezirk Dependancen im Warschauer Ghetto vermittelt, damit dort Sklavenarbeiter gemietet werden konnten.

In den 1940er Jahren sei die IHK aufgelöst worden und in der Gauwirtschaftskammer Weser-Ems aufgegangen. Doch die Strukturen seien weitgehend erhalten geblieben, die IHK sei daher nicht Opfer des NS-Systems geworden.

„Jeder konnte an jedem Tag seinen Job hinschmeißen“

In der Diskussion wurde Rass gefragt, ob die Akteure der IHK während der NS-Zeit unter Zwang gehandelt hätten. Die Antwort des Historikers dazu: „Jeder dieser Funktionäre konnte an jedem Tag zwischen 1933 und 1945 seinen Job hinschmeißen.“ Dies sei jedoch nicht geschehen. Dokumente für Widerstand habe er während seiner Forschungen nicht gefunden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN