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Pakete stapeln, Deutsch lernen Wie Flüchtlinge in der Region in Arbeit kommen

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Anpacken und danach in den Sprachkurs: Flüchtlinge kommen beim Paketdienst DPD in Melle in Arbeit. Foto: Alexander KlayAnpacken und danach in den Sprachkurs: Flüchtlinge kommen beim Paketdienst DPD in Melle in Arbeit. Foto: Alexander Klay

Melle. Anpacken, das können und wollen sie. Beim Paketdienst DPD, der in seinem Depot in Melle im Osnabrücker Land 480 Menschen beschäftigt, kommen Pakistaner und Afghanen in Arbeit, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Gemeinsam mit ihren Kollegen sortieren sie täglich bis zu 150.000 Pakete.

Inzwischen sind es sieben Flüchtlinge, die in dem Logistikzentrum Pakete stapeln und danach in hauseigenen Sprachkursen Deutsch lernen. Geht es nach Niederlassungsleiter Volker Scholz, könnten die nächsten gleich morgen anfangen. „Wenn ich 20 gute Leute hätte, würde ich sie sofort einstellen“, sagt er. Konkurrenz zu Einheimischen? Nicht denkbar in Melle, meint er. In der 40.000-Einwohner-Stadt sind nur 3,3 Prozent arbeitslos, Tendenz seit Jahren sinkend. Es herrscht quasi Vollbeschäftigung.

Jeder zweite Betrieb offen für Flüchtlinge

Jeder zweite Unternehmer im Nordwesten kann sich vorstellen, Flüchtlinge einzustellen. So lautet das Ergebnis einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück – Emsland – Grafschaft Bentheim. 45 Prozent der Betriebe seien bereit, junge Flüchtlinge auszubilden. Gut 50 Prozent wollen berufsorientierende Praktika anbieten. Und ein Viertel der Betriebe würde Flüchtlinge mit beruflichen Qualifikationen auch als Fachkräfte einstellen – vorausgesetzt, der Aufenthaltsstatus ist geklärt und das Deutsch ausreichend. Wegen der oftmals mangelnden Ausbildung zeigt sich IHK-Präsident Martin Schlichter jedoch skeptisch, dass die Integration in den Arbeitsmarkt schnell gelingen werde. „Für mich sind diese Menschen deshalb auch weniger die Fachkräfte von morgen als vielmehr die Fachkräfte von übermorgen“, sagte der Unternehmer kürzlich.

Im DPD-Logistikknoten in Melle funktioniere die Integration ins Team sehr gut, sagt Standortchef Scholz. „Die wollen arbeiten, das merkt man.“ Der Paketdienstleister bietet den neuen Mitarbeitern Sprachkurse an, die es am Standort Melle ohnehin gibt. Bislang nahmen daran Zuwanderer aus EU-Ländern wie Rumänien oder Bulgarien teil – künftig eben auch Pakistaner und Afghanen.

15 Monate warten auf Arbeitserlaubnis

Deren Weg zum ersten Arbeitsplatz in Deutschland ist steinig. Zwar dürfen Flüchtlinge nach drei Monaten eine Arbeit aufnehmen. Doch das ist graue Theorie. Tatsächlich mussten sie 15 Monate warten. Für ihre Arbeit bei DPD ist keine Ausbildung nötig – und da ist zunächst einmal jeder EU-Bürger bevorzugt zu behandeln. „Theoretisch finden Sie dann immer jemanden“, klagt Personalmanager Bastian Wessel-Ellermann. Erst nach 15 Monaten entfällt die sogenannte Vorrangprüfung.

Er empfindet die Situation als paradox. Die Gesellschaft fordere Integration ein, der Arbeitsmarkt vor Ort ist leer gefegt, aber vorhandenes Potenzial darf er nicht nutzen. Hinzu kommt die Bürokratie: Bis zur Freigabe durch Arbeitsagentur und Ausländerbehörde vergingen schon mal einige Wochen. „Ein sehr langwieriges Verfahren“, findet Wessel-Ellermann.

Die Ämter prüfen auch, ob Flüchtlinge als Billig-Personal zum Einsatz kommen. Bei DPD sei das nicht der Fall, betont Firmensprecher Peter Rey. Die neuen unter den 480 Mitarbeitern am DPD-Standort Melle erhalten denselben Lohn wie alle anderen auch – mindestens 10,23 Euro pro Stunde. „Vom ersten Tag an gibt es Tariflohn“, sagt er.

Kein Mindestlohn für Flüchtlinge?

Das sehen längst nicht alle so. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fordert, den gesetzlichen Mindestlohn für Flüchtlinge auszusetzen. Das stößt auf Kritik. „Ein neuer Niedriglohnsektor für Flüchtlinge würde dazu führen, dass Langzeitarbeitslose auf dem Arbeitsmarkt gegen Flüchtlinge ausgespielt werden“, warnt Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD). Wer für den Mindestlohn von 8,50 Euro Vollzeit arbeite, komme im Monat auf 1500 Euro. „Warum eine solche Summe die Integration in den Arbeitsmarkt verhindern soll, erschließt sich mir nicht“, sagt er. Zudem gebe es die Möglichkeit, Flüchtlinge bis zu drei Monate als Praktikanten ohne Ministlohn auf Arbeitsplätzen anzulernen.

Beim Paketdienst DPD, der bundesweit 76 Standorte betreibt, könnte das Projekt in Melle zum Vorbild werden. Es gebe einen Personalbedarf im dreistelligen Bereich. „Unsere Erfahrungen tauschen wir jetzt aus“, sagt Personalmanager Wessel-Ellermann.

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