Bundesbank-Vorstand im Interview Thiele: „Nicht sicher, ob SEPA-Umstellung klappt“

Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele sorgt sich um den reibungslosen Ablauf der bevorstehenden endgültigen Umstellung auf SEPA-Überweisungen. Foto: Gert WestdörpBundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele sorgt sich um den reibungslosen Ablauf der bevorstehenden endgültigen Umstellung auf SEPA-Überweisungen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Verschwindet das Bargeld aus unserem Alltag? Die Zahlen belegen eine andere Entwicklung, sagt Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele. Im Interview spricht er zudem über Falschgeld, SEPA-Überweisungen und Bitcoins.

Herr Thiele, in Ländern wie Dänemark wird das Bargeld aus dem Alltag verbannt. Wie sieht es in Deutschland aus?

In Deutschland ist das nicht der Fall. Die Summe des im Umlauf befindlichen Bargelds ist im vergangenen Jahr um sieben Prozent auf 1109 Milliarden Euro gestiegen. Der Anteil des Bargelds im Zahlungsverkehr nimmt jedoch tatsächlich ab, und der Anteil des unbaren Zahlungsverkehrs steigt. Durch neue technische Entwicklungen und neue Wettbewerber verändert sich das Zahlverhalten der Bürger. Diese Veränderung muss von der deutschen Kreditwirtschaft wahrgenommen und mitgestaltet werden. Mit paydirekt und dem kontaktlosen Bezahlen mit der EC-Karte sind erste Schritte in die richtige Richtung erfolgt. Allerdings müssen diese flächendeckend genutzt werden können.

Wieso steigt die Bargeld-Menge trotzdem an?

Wir gehen davon aus, dass sich lediglich 15 bis 20 Prozent des Bargelds im sogenannten Transaktionsumlauf befinden. Etwa 30 bis 40 Prozent werden in der Eurozone gehortet, und weitere 40 Prozent befinden sich im Ausland. Der Euro wird von vielen als sicheres und wertstabiles Geld angesehen. Dahinter steht ein internationaler Sortenhandel.

Sparkassen und Genossenschaftsbanken kämpfen durch die Niedrigzinsphase mit schrumpfenden Erträgen. Geht das an die Struktur dieser Institute?

Die Kreditwirtschaft leidet unter einer außerordentlichen Ertragsschwäche, die auch im letzten Finanzstabilitätsbericht der Bundesbank thematisiert wurde. Durch das Niedrigzinsumfeld sind die Margen geschrumpft. Insofern gibt es viele Überlegungen, wie mit den veränderten Bedingungen umzugehen ist. Wir werden sicherlich eine verstärkte Digitalisierung erleben.

Sind die Deutschen bereit für die endgültige Umstellung der Überweisungen auf das SEPA-System zum 1. Februar?

Noch nicht alle. Von etwa 24 Millionen Überweisungen am Tag sind gut zehn Prozent noch nicht umgestellt. Das betrifft vor allem Privatleute. Sorgen mache ich mir um den Personenkreis, der keine Computer benutzt, wie ältere Menschen. Da bin ich mir nicht sicher, ob die Umstellung reibungslos klappt. Die Banken sollten Sorge dafür tragen, dass die normalen Kunden mitgenommen werden. Wenn man die lange IBAN in vier Blöcke aufteilt, fällt das wesentlich leichter: DE für Deutschland, eine zweistellige Prüfziffer, dann die achtstellige Bankleitzahl und die zehnstellige Kontonummer. Auf den EC-Karten ist es bei fast allen Instituten so auf der Rückseite angegeben, und so sollte es auch auf Rechnungen vermerkt sein.

Warum sehen Sie alternative Zahlungsmittel wie den Bitcoin skeptisch?

Der Bitcoin ist eine Alternative in einer Nische. Sie unterliegen enormen Wertschwankungen. Wer Bitcoins erwirbt, geht also immer das Risiko ein, dass sie nicht so sicher sind wie der Euro. (Weiterlesen: Bargeld? „Das ist doch wie im Mittelalter“)

Ist eine Regulierung durch die Notenbanken nötig?

Geht es allein um Finanzstabilität, ist eine weitgehende Regulierung bei der aktuell geringen Bedeutung von Bitcoin derzeit nicht nötig. Allerdings hat der Rat der EU nach den Terroranschlägen am 13. November 2015 in Paris das Thema wieder aufgenommen: Zur Verhinderung von Terrorismusfinanzierung mithilfe von Bitcoin soll die EU-Kommission Maßnahmen zur Überwachung dieser virtuellen Währung vorschlagen.

Ein Argument für digitale Währungen sind geringe Kosten und hohes Tempo. Hält der Euro da mit?

Die Kosten im Zahlungsverkehr sind durch das SEPA-Verfahren bereits deutlich gesunken. Und die Zeit zwischen Überweisung und Zahlungseingang hat sich von bis zu fünf Tagen auf wenige Stunden verkürzt. Da wird es für Alternativwährungen schwierig, noch eine Marktnische zu finden. Zumal auch im Euroraum eine weitere Verkürzung der Laufzeiten vorbereitet wird, bei der mit einem „Instant-Payment-System“ Geld innerhalb von Sekunden zur Verfügung stehen wird.

In Niedersachsen wurden 2015 sechs Millionen D-Mark in Euro umgetauscht. Wie lange wird der Tausch noch laufen?

Tendenziell wird Jahr für Jahr weniger umgetauscht. Inzwischen überwiegen dabei Münzen, Geldscheine machen weniger als 50 Prozent aus. Gut 13 Milliarden D-Mark sind noch nicht zur Bundesbank zurückgekommen. Es gibt aber keine Bestrebungen, die Möglichkeit zum Umtausch abzuschaffen. In Ländern wie Italien oder Frankreich ist das längst nicht mehr möglich. Dort ist die Umtauschfrist bereits abgelaufen.

Gibt es durch die neuen Euro-Banknoten weniger Fälschungen?

Wir gehen davon aus, dass die Zahlen geringer sein werden. Die Fünf- und Zehn-Euro-Scheine sind jedoch vergleichsweise selten gefälscht worden. Spannend wird es bei der neuen 20-Euro-Note. Im Eurosystem war diese die am meisten gefälschte – in Deutschland ist es aber der Fünfziger. Auch da werden wir es den Fälschern schwerer machen. (Weiterlesen: Fragen und Antworten zu den neuen 20-Euro-Banknoten)


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