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Nach Massenentlassung im Sommer Bis zu 130 neue Arbeitsplätze bei KME Osnabrück?

Der Widerstand der KME-Arbeiter konnte den Stellenabbau nicht verhindern. Foto: Michael GründelDer Widerstand der KME-Arbeiter konnte den Stellenabbau nicht verhindern. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Noch klagen zwei Dutzend Beschäftigte des Kupferverarbeiters KME vor dem Arbeitsgericht gegen ihre Entlassung. Schon bald aber könnte das Osnabrücker Unternehmen gut 130 neue Stellen schaffen. Hintergrund ist eine drohende Werksschließung in Italien. Die Produktion wird zum Teil nach Osnabrück verlagert.

So verkündete KME Italy Ende Oktober eine „Änderung im Geschäftsmodell“. Demnach werde das verlustbringende Stammwerk in der Ortschaft Fornaci di Barga in der Toskana geschlossen. Was dort 600 Menschen den Arbeitsplatz kostet, kommt ausgerechnet Osnabrück zugute. Infolge schlechter Auslastung mussten hier im Sommer 340 Beschäftigte gehen.

Schon jetzt übernimmt Osnabrück die Produktion der Gießerei: Nach zwei schweren Arbeitsunfällen hat die italienische Aufsichtsbehörde diesen Betriebsteil kürzlich über Nacht geschlossen. Für die Osnabrücker bedeutet das zwar Mehrarbeit – doch laut der Geschäftsführung würden bislang nur Minusstunden in den Zeitkonten der Mitarbeiter abgebaut.

130 neue Arbeitsplätze in Osnabrück

Die langfristige Perspektive sei noch unklar. In der Toskana beginnen gerade Verhandlungen über die Zukunft des Standorts. Wird dieser tatsächlich geschlossen, könnten im Frühjahr 2016 nach Informationen unserer Redaktion Produktionsmengen von bis zu 30.000 Tonnen nach Osnabrück verlagert werden. Laut Werkskreisen gebe es dann einen Bedarf von 130 zusätzlichen Arbeitsplätzen: 80 in der Gießerei, 50 im Walzwerk. Laut Sozialplan müssten bei der Vergabe dieser Stellen die entlassenen Mitarbeiter bevorzugt behandelt werden.

Werksdirektor Michael Walter widerspricht diesen Spekulationen: „Wir können keinerlei Zahlen bestätigen.“ Ein Projektteam soll bis Ende März, Anfang April die tatsächlichen Auswirkungen auf Werk und Personalbedarf ermitteln. „Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass alle Mengen 1:1 zu uns kommen werden“, sagt er. Es gebe Produkte, die hier gar nicht herstellbar seien.

Gießerei nicht ausgelastet

Tatsache ist: Die Gießerei in Osnabrück ist auf eine Jahresproduktion von 280.000 Tonnen ausgelegt, aber nur mit 180.000 Tonnen ausgelastet. Walter: „Wir haben Kapazitätsreserven.“

Gerüchten, es seien seit den Stellenstreichungen im Sommer bis zu 50 Betroffene zurückgeholt worden, widerspricht er entschieden: „Das geht rechtlich gar nicht.“

Unter den KME-Mitarbeitern, die derzeit vor Gericht gegen ihre Kündigung kämpfen, sorgen die neuerlichen Entwicklungen für Unmut. „Warum müssen die Leute zum Arbeitsgericht rennen und um ihre Stellen kämpfen, wenn die Arbeit da ist?“, schimpft einer der Betroffenen, der wegen des laufenden Verfahrens nicht namentlich genannt werden will.

Mehr Sicherheit in Transfergesellschaft?

Aktuell klagen 23 Arbeiter gegen ihre Entlassung nach meist mehreren Jahrzehnten bei KME. Sie fechten die nach ihrer Ansicht willkürlich aufgestellten Vergleichsgruppen für die Sozialauswahl an. Als Abfindung sollen sie 0,35 Monatsgehälter je Beschäftigungsjahr erhalten. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für jeden, der nach Hause gehen muss“, sagt einer. Warum letztlich weniger als ein Zehntel der Betroffenen vor Gericht zieht? Viele hätten wegen der Sicherheit dem Wechsel in eine Transfergesellschaft zugestimmt. Das sei erst einmal eine gewisse Perspektive. „So wären die kommenden Jahre erst einmal abgesichert“, sagt ein Arbeiter.

Von den 210 Mitarbeitern, die in die Transfergesellschaft gewechselt sind, seien bislang 30 in neue Jobs vermittelt worden. Weitere 40 absolvierten Werksanagben derzeit eine Weiterbildung.

Vorwürfe gegen Betriebsrat

Zudem erheben Gekündigte Vorwürfe gegen ihren Betriebsrat: Die Arbeitnehmervertreter hätten deutlich gemacht, dass Klagen kaum Aussicht auf Erfolg hätten.

Das will Betriebsratschef André Lücke nicht so stehen lassen: „Das wage ich zu bezweifeln, dass so eine Aussage pauschal gefallen ist.“ Wenn Mitarbeitern von einer Klage abgeraten worden sei, dann lediglich in Einzelfällen, die wegen ihrer schlechten Position auf den Vergleichslisten für die Sozialauswahl tatsächlich kaum Aussicht auf Erfolg hätten.

Tatsächlich ließ sich beim Gütetermin vor dem Arbeitsgericht Ende August, Anfang September nur einer der Mitarbeiter vom gewerkschaftlichen Rechtsschutz vertreten – alle anderen nutzten Rechtsschutzversicherungen oder zahlten aus eigener Tasche, obwohl sie Mitglieder der IG Metall sind.

„Wir wollen unsere Arbeitsplätze zurück“

Bei den Güteterminen vor dem Arbeitsgericht habe es drei Vergleiche gegeben, eine weitere Einigung sei noch möglich, sagt Gerichtssprecher Thomas Schrader. Die verbleibenden 22 oder 23 Fälle gehen ab dem 25. November ins Hauptsacheverfahren. Drei der Klagenden betonen, dass sie für sich keine bessere Abfindung rausholen wollen. „Wir wollen unsere Arbeitsplätze zurück“, sagt einer, „ganz definitiv.“

Für ihre italienischen Kollegen gibt es derweil eine ungewöhnliche Perspektive. In der Toskana wollen Investoren die Kupferproduktion auf einer Fläche von 40 Hektar in eine Tomatenplantage verwandeln. In den Gewächshäusern gebe es eine Zukunft für 400 der 600 Kupferarbeiter, schreibt die Zeitung „La Repubblica“. Von KME bleibe ein Vertriebsstandort mit 50 Beschäftigten übrig.

Alle Hintergründe zur Entlassungswelle bei KME auf unserer Themenseite: www.noz.de/kme


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