Die große Milch-Depression Was der niedrige Milchpreis mit den Bauern macht

Kühe in einem Laufstall. Ihre Milch können Landwirte derzeit kaum gewinnbringend verkaufen. Foto: dpaKühe in einem Laufstall. Ihre Milch können Landwirte derzeit kaum gewinnbringend verkaufen. Foto: dpa

Osnabrück. Der Milchpreis kennt seit Wochen nur eine Richtung: nach unten. Mittlerweile erhalten Bauern nur noch 28 Cent für den Liter. Über die Ursachen wird viel gesprochen, doch was sind die Auswirkungen auf den Bauernhöfen?

In Ostfriesland haben die schwarz-bunten Kühe schon lange vor den Windenergieanlagen das Landschaftsbild geprägt. Gemächlich trotten die Tiere über die saftigen grünen Wiesen, während sich die Rotoren über ihren Köpfen im Wind drehen. Die Krisen dieser Welt scheinen weit weg an diesem Flecken Erde. Doch das Idyll trügt. Auf den Bauernhöfen der Region herrscht Verzweiflung.

„Bauern brauchen einen fairen Preis - 50 Cent“. Das Schild steckt vor vielen Hofeinfahrten in Ostfriesland – neben der Wesermarsch die Milchhochburg des Agrarlandes Niedersachsen. Die Forderung scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Wer dieser Tage im Supermarkt einen Liter H-Milch kauft, zahlt weit weniger als 50 Cent. An der Supermarktkasse wohl gemerkt. Die Bauern bekommen derzeit im Schnitt nicht einmal 30 Cent. Erzeugerpreis nennt sich das. Und der sinkt seit Monaten.

Über die Ursachen wird viel gesprochen: Das Russland-Embargo, die schwache Nachfrage aus China, der Preiskampf der Discounter, der Wegfall der Milchquote, der Geiz der Kunden. Doch was hat dieses Preistief für Auswirkungen auf den Höfen? Biegen wir ab auf eine der Hofeinfahrten in Ostfriesland, vor der eines dieser 50-Cent-Schilder steht. Der Betrieb gehört zu den größeren: Rund 200 Tiere geben hier Milch. Im Schnitt hat jeder der 75.000 Milchviehhalter in Deutschland 56 Kühe. Das sind Werte aus dem Mai 2014. Bevor der Erzeugerpreis also in den Keller ging.

Der Betrieb rechnet sich nicht

„Moin Mädels“, ruft der Landwirt, als er seinen frisch sanierten Laufstall betritt. Die Kühe recken kurz den Hals, bevor sie das satte Grün weiterkauen. Seinen Namen will der Bauer nicht veröffentlicht wissen, denn er wird Dinge sagen, die nicht allen gefallen werden. Einen hohen sechsstelligen Betrag hat er mithilfe der Bank in seinen Hof investiert. In etwa 20 Jahren soll der Kredit abgestottert sein.

Bis zu einem Erzeugerpreis von 28 Cent könne er seinen Hof wirtschaftlich führen, hätten ihm unabhängige Berater im Vorfeld der Kreditverhandlungen mit der Bank vorgerechnet, sagt der Bauer. Das war zu Zeiten, als der Milchpreis noch bei 40 Cent und mehr lag. Jetzt ist er im Keller und für den Landwirt steht fest: Seine Berater haben sich gewaltig verrechnet. Sein Betrieb schreibt rote Zahlen. Tief rote Zahlen. (Weiterlesen: Milchsektor schaukelt sich vom Boykott zum Rekord)

Mittlerweile seien die Finanzreserven aufgebraucht, der Hof bringt kein Geld mehr ein, sondern verschlingt Geld. Immer wieder müsse er den Dispo voll ausgrenzen, um überhaupt die notwendigsten Investitionen zu tätigen. Der Landwirt vergleicht seine Situation mit dem Tauchen. „Nur die Zeit zum Luftholen wird immer knapper.“ Und wenn der Dispo erschöpft ist, was dann? Er weiß es nicht. Sparpotenzial sieht der Ostfriese zumindest kaum noch. „Wir sind bei den Schräubchen angekommen. Die großen Schrauben drehen wir schon lange nicht mehr.“

„Das Schlimmste ist die Ohnmacht“

Über dem Hof liegt tiefe Verzweiflung. „Das Schlimmste ist die Ohnmacht“, sagt der Landwirt. „Wir wissen, dass wir alles richtig machen“, sagt er und kramt eine Betriebsanalyse hervor. Die Zahlen stammen aus einem Computerprogramm, an das zahlreiche Betriebe angeschlossen sind. Die Auswertung belegt, dass er seinen Hof besser führt als manch anderer Landwirt. Wie schlecht mag es denen dann wohl gehen in dieser Krise?

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Preise schon einmal im Keller. Noch viel weiter unten eigentlich als derzeit. 19 Cent betrug 2009 der Erzeugerpreis. Aus Protest kippten vielen Bauern ihre Milch damals einfach weg. Es war von Landwirten die Rede, die den finanziellen Druck nicht mehr aushielten und sich das Leben nahmen.

900 Millionen Euro Strafzahlung europaweit

Die Lage sei heute trotz des höheren Erzeugerpreises ähnlich angespannt, heißt es vom Bauernverband. Grund seien die gestiegenen Kosten – besonders die Futterpreise. Hinzu komme gerade jetzt, dass das Jahr 2014 aus Bauernsicht überwiegend positiv verlaufen sei. Damals lag der Erzeugerpreis noch bei 40 Cent plus. Dementsprechend hoch fallen die Steuerzahlungen aus, die jetzt in Zeiten der Krise anstünden. Und: Im letzten Jahr der im April 2015 abgeschafften Milchquote haben die deutschen Bauern 1,11 Millionen Tonnen Milch zu viel produziert, die Quote also überliefert. Die Landwirte hätten sich verzockt, sagen einige. Und das kommt sie jetzt teuer zu stehen: 900 Millionen Euro Strafzahlungen sind europaweit für das letzte Quotenjahr angefallen, davon allein 309 Millionen in Deutschland. (Weiterlesen: Milchquote: Bauern müssen 309 Millionen Euro Strafe zahlen)

Rechnungen bleiben offen

Unter der finanziellen Durststrecke leiden auch andere: Agrarhändler sitzen auf offenen Rechnungen, oder warten vergeblich auf Nachbestellungen für Maschinen. Und immer wieder kommt der Vorwurf auf, der niedrige Milchpreise gehe auch auf Kosten der Tiere. Dem Landwirt in Ostfriesland ist dieser Punkt unangenehm. „Verkaufe ich meinen Hof, oder verkaufe ich meine Seele“ – diese Frage müssten sich viele seiner Berufskollegen derzeit stellen. Er wisse, dass Tierärzte dieser Tage weniger zu tun hätten. Denn statt den kostspieligeren Veterinär zu rufen, werde ein krankes Tier eher zum Schlachter gebracht. Das gelte auch für schwache Kälber. Andere Landwirte bestätigen das, andere weisen solche Vorwürfe empört von sich.

Eine Nachfrage beim niedersächsischen Landwirtschaftsministerium in Hannover bringt keine Aufklärung: Demnach sank die Kälbersterblichkeit von 2013 auf 2014 sogar. Zahlen aus dem laufenden Jahr – dem Krisenjahr - hat das Ministerium allerdings nicht vorliegen. Auch bei der Tierseuchenkasse ist nicht mehr zu erfahren. So bleibt es vorläufig beim Gerücht.

Das Russland-Problem

War das alles eigentlich nicht vorher zu sehen? Der Verlauf der Milchpreiskurve macht zumindest deutlich, dass auf jedes Hoch auch irgendwann ein Tief folgte. Der Bauernverband bestätigt das. „Doch einen derart starken Preisrückgang hat kein Marktbeteiligter vorhergesehen“, teilt ein Sprecher mit. Besonders der Konflikt mit Russland sei so nicht vorherzusehen gewesen. 1,5 Prozent der europäischen Milch seien hier hin transportiert worden. Zum Vergleich: Das entspreche mengenmäßig der Jahresproduktion in Baden-Württemberg oder Finnland.

Probleme auf dem Weltmarkt also. Doch genau auf den setzt der Verband auch weiter und fordert, neue Absatzmärkte zu erschließen. Ein Widerspruch? Nein, findet der Bauernverband. „In den ersten sieben Monaten sind zum Beispiel die Exporte in Richtung USA, Saudi-Arabien, Südkorea oder Japan stark gestiegen.“ Nur kommt davon offenkundig nicht viel auf den Höfen an.

Verbände sind sich bei Problemlösung nicht einig

Es gibt andere, kleinere Berufsverbände wie die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft oder der Bund Deutscher Milchviehhalter, die das zum Teil anders sehen, zumindest aber andere Lösungsansätze verfolgen. Beispielsweise fordern sie eine bessere Kontrolle des Marktes durch die EU. Droht der Milchpreis abzurutschen, soll ein Frühwarnsystem Alarm schlagen, sodass sich die Bauern auf eine mögliche Krise einstellen können. Im Zweifelsfall soll dann sogar die Milchmenge reduziert werden. Solche Eingriffe wiederum verbittet sich der Deutsche Raiffeisenverband und auch der Bauernverband ist dagegen.

Bauern blockieren Lager von Supermarktkonzernen

Es gibt viele Meinungen zu dieser Krise. Nur keine eindeutige Lösung. Die Proteste der Landwirte werden derweil lauter – verzweifelter. In den vergangenen Wochen legten Bauern Zentrallager von Aldi und Edeka lahm. Kürzlich auch das der Handelsgruppe Bünting, nachdem diese in ihren Combi-Supermärkten die Preise für Milchprodukte erneut gesenkt hatte.

Dabei wirkte es nach außen hin schon fast so, als sei das Ende der Preisspirale erreicht. Discounter Lidl hatte angekündigt , seinen Milchpreis nicht weiter senken zu wollen. Der Landwirt aus Ostfriesland nahm das achselzuckend zur Kenntnis. „Was bringt mir das?“, fragt er. Nicht viel. Nur zehn Prozent der Milch landet auch als Milch im Supermarktregal. Der Rest endet als Joghurt, Quark oder im Käse. Dessen Herstellung verbraucht laut Raiffeisenverband etwa die Hälfte der Milch, die in Deutschland produziert wird. Und in den Werbeprospekten wird regelmäßig mit Rabatten geworben. Der Bauer aus Ostfriesland macht davon Fotos und schickt sie an Berufskollegen. Manchmal ist er wütend, aber meistens nimmt er es nur noch resignierend zur Kenntnis. (Weiterlesen: Lidl hebt Milchpreise an)

Einst waren es 200000 Milchviehhalter

Verzweiflung. Nicht nur hier, sondern auch andernorts. Der Bauernverband geht aber trotzdem nicht davon aus, dass die Milchkrise ein verstärktes Höfesterben zur Folge haben wird. Die Betriebsaufgaben könnten dieses Jahr demnach leicht anziehen. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren gab es noch fast 200.000 Milchviehhalter in Deutschland. Heute sind es noch 75.000.

Die überlegen, wie es weitergeht. In Ostfriesland steht der Bauer in dem frisch sanierten Laufstall, in dem sich die Kühe frei bewegen können. Seit 70 Jahren arbeite seine Familie mit dieser Herde zusammen. So ist das in dieser Region auf den meisten Höfen. Die Tiere waren schon fast immer da. „Meine Kühe können für das alles nichts“, sagt er fast entschuldigend. Er will diese Krise irgendwie durchstehen. Aber eines steht schon jetzt für ihn fest: Seinen Kindern werde er nicht empfehlen, den Hof zu übernehmen.

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Beim Milchpreis wird zwischen dem Verbraucherpreis und dem Erzeugerpreis, den die Molkerei an den Milcherzeuger entrichtet, unterschieden.

Der Erzeugerpreis wird in Euro-Cent pro Kilogramm berechnet und setzt sich aus dem Grundpreis, Zu- oder Abschlägen für höhere oder geringere Fett- und Eiweißgehalte sowie der Mehrwertsteuer zusammen. Der Grundpreis bezieht sich auf einen Fettgehalt von 4,0 Prozent und einen Eiweißgehalt von 3,4 Prozent.

Zusätzliche Qualitätskriterien, die den Preis beeinflussen, sind Keimzahl, Zellzahl und Hemmstoffe sowie der Gefrierpunkt der vom Erzeuger gelieferten Rohmilch. Die Milchviehhalter unterziehen sich etwa alle vier Wochen einer Milchkontrolle. Zudem wird von jeder Milchlieferung an die Molkerei eine Probe gezogen. (juk)

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