„Dreist und diskriminierend“ Zuckersteuer gegen Übergewicht? NGG lehnt Forderung ab

Von Dirk Fisser


Osnabrück. Was hilft im Kampf gegen Übergewicht und andere Krankheiten im Zusammenhang mit ungesunder Ernährung? Eine Fett- und Zuckersteuer, sagen einige. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) lehnt das kategorisch ab.

Gewerkschaftsvorsitzende Michaela Rosenberger bezeichnete eine solche Steuer als „diskriminierend und dreist“. Die NGG-Chefin sagte unserer Redaktion: „So eine Steuer trifft natürlich besonders Geringverdiener und das impliziert, dass sich besonders diese schlecht ernähren.“ Sie sprach sich stattdessen für eine bessere Aufklärung über gesunde Ernährung in Kindergärten und Schulen aus.

Krankenkassen dafür

Zuletzt hatte sich die Deutsche Diabetes Gesellschaft für eine Zucker-Fett-Steuer ausgesprochen. Auch Krankenkassen und Abgeordnete der Großen Koalition im Bundestag hatten sich befürwortend geäußert. Nach der Sommerpause will sich die Bundesregierung mit einem Präventionsgesetz befassen. (Weiterlesen: Persönlichkeit spielt bei Übergewicht große Rolle)

Rosenberger sagte: „Eine Steuer ist das falsche Mittel, um Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung zu nehmen.“ Stattdessen müssten Kinder wieder lernen, mit Lebensmittel umzugehen. „Das bedeutet natürlich auch, dass die Verpflegung in Schulkantinen besser werden müsste. Wer hier nur auf den niedrigen Preis achtet, eignet sich nicht als Vorbild“, sagte Rosenberger.

Lesen Sie im Folgenden das komplette Interview:

Frau Rosenberger, im Kampf gegen das Übergewicht wird immer wieder eine Fett-, Zucker- und Salzsteuer diskutiert. Zuletzt forderte das die Deutsche Diabetes-Gesellschaft. Auch in der Großen Koalition gibt es Unterstützer der Idee …

Das ist diskriminierend und dreist. So eine Steuer trifft natürlich besonders Geringverdiener, und das impliziert, dass sich besonders diese schlecht ernähren. Eine Steuer ist das falsche Mittel, um Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung zu nehmen.

Wie dann die Menschen von gesunderer Ernährung überzeugen?

Was wirklich dringend ist, wäre bessere Aufklärung etwa in Schulen und Kindergärten. Viele Kinder wissen schlichtweg nicht, was gesunde Ernährung bedeutet. Sie müssen wieder lernen, mit Lebensmitteln umzugehen. Das bedeutet natürlich auch, dass die Verpflegung in Schulkantinen besser werden müsste. Wer hier nur auf den niedrigen Preis achtet, eignet sich nicht als Vorbild.

Auch in einem anderen Bereich hat sich die Bundesregierung eingemischt: Seit dem 1. April gibt es den Mindestlohn. Wie wirkt er sich im Zuständigkeitsbereich der NGG aus?

Phänomenal! 54 Prozent der Angestellten im Hotel- und Gaststättengewerbe erhalten jetzt mehr Geld. Der größte Teil davon ist weiblich und arbeitet in einem Minijob. Das ist ein Erfolg.

Quasi als Nebenwirkung des Mindestlohns werden Rufe nach einer Reform des Arbeitszeitengesetzes lauter. Müsste die Bundesregierung die Arbeitszeiten flexibilisieren?

Wir sind flexibel. 48 Arbeitsstunden in der Woche sind bereits jetzt möglich. Zudem ist Deutschland das Land mit den meisten Überstunden. Und wer den Achtstundentag abschaffen will, der sollte sich einmal selbst acht Stunden an ein Fließband in der Lebensmittelproduktion stellen oder im Gaststättengewerbe mitarbeiten. Der sieht: So ein Reformvorhaben ist in zahlreichen Branchen Wahnsinn.

Die NGG hat in den vergangenen Jahren immer wieder die Arbeitsbedingungen in der Fleischwirtschaft angeprangert. Mit Erfolg?

Ja, aber noch nicht durchschlagend. Der Branchenmindestlohn war ein Anfang. Aber es gibt immer noch schwarze Schafe. Die Werkverträge für Schlachter und Zerleger sind das Einfallstor für Missbrauch. Und immer noch setzen Unternehmer auf dubiose Subunternehmer. Wir reden über Schlepperbanden, die Flüchtlinge nach Europa schleusen. Solche kriminellen Strukturen gibt es aber auch beim Einsatz von legalen Arbeitskräften aus Osteuropa. Die Unternehmer in Deutschland nehmen das wohl wissend in Kauf, um an billige Arbeitskräfte zu kommen. Ich möchte Herrn Tönnies an sein Versprechen erinnern, sämtliche Werkvertragler einzustellen. Meines Wissens ist das bislang nicht geschehen.

Einige Fleischwarenproduzenten setzen zunehmend auf vegetarische und vegane Produkte. Ein Vorbild?

Das sichert Arbeitsplätze. Wir werden an den Punkt kommen, wo wir vielleicht nicht mehr jeden Tag Fleisch essen, wo vielleicht immer mehr Menschen nur noch einmal in der Woche Fleisch auf dem Teller haben werden. Nicht aus finanziellen Gründen, sondern aus Überzeugung. Daher wäre es begrüßenswert, wenn noch mehr Unternehmen Alternativen anbieten.