Flüchtlingskrise bei Calais Spediteure: Unhaltbare Zustände am Eurotunnel

Von Christian Schaudwet

Calais: Polizei geht am Eurotunnel gegen Flüchtlinge vor. Foto: dpaCalais: Polizei geht am Eurotunnel gegen Flüchtlinge vor. Foto: dpa

Osnabrück. Die Flüchtlingskrise am Eurotunnel bei Calais setzt deutschen Speditionen zu. Wegen häufiger Sperrungen warten Lkw dort in kilometerlangen Staus. Flüchtlinge versuchen, auf den Fahrzeugen durch den Tunnel nach England zu gelangen. Der Deutsche Speditions- und Logistikverband (DSLV) fordert von der europäischen Politik eine Lösung der Krise.

„Die Verzögerungen führen zu erheblichen Belastungen für die Fahrer, und für die Speditionen wird es immer schwieriger, Fuhrunternehmen zu finden“, sagte DSLV-Sprecher Christoph Sokolowski im Gespräch mit unserer Redaktion. Einige Fuhrunternehmen hätten den Verkehr nach Großbritannien bereits eingestellt. „In der Wartezone herrschen unhaltbare Zustände“, sagte Sokolowski. Einige Firmen sprächen von einer „Katastrophe“.

Die Wartezeiten vor dem Tunnel betrügen inzwischen bis zu 60 Stunden, und im Sicherheitsbereich vor dem Tunnel bei Calais gebe es für die Fahrer keine Möglichkeit zur Toilettenbenutzung. Durchschnittlich dauere jede Fahrt nach Großbritannien 36 Stunden länger als zu normalen Zeiten.

Fahrer werden festgenommen

Die Osnabrücker Gruppe Hellmann Worldwide Logistics berichtet von täglichen Sperrungen am Eurotunnel und von großer Verunsicherung unter den Fahrern: „Grund dafür sind zahlreiche Festnahmen, da Fahrern immer wieder vorgeworfen wird, Flüchtlinge wissentlich auf der Ladefläche nach Großbritannien zu schmuggeln“, sagt Kai Hasenpusch, Deutschland-Geschäftsleiter bei Hellmann. Bei Versuchen von Flüchtlingen, auf die Lkw zu gelangen, würden häufig Fahrzeuge beschädigt, was zu weiteren Verzögerungen führe. Hasenpusch bestätigt, dass die „menschlichen Tragödien“ auf der französischen Seite des Eurotunnels Logistikern und ihren Auftraggebern Umsatzeinbußen verursachen.

Kaum Ausweichmöglichkeiten

Auch beim Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN) melden sich betroffene Unternehmen. Sorge bereiten ihnen neben den finanziellen Belastungen die Strapazen der Fahrer. „Die Versorgung der Fahrer mit Nahrungsmitteln und die Hygiene werden schwieriger. Dazu kommen die hohen Temperaturen“, sagt Christian Richter, der stellvertretende Geschäftsführer der Fachvereinigung Spedition im GVN.

Im französischen Calais werden Lkw für die Tunnelpassage nach England auf Züge verladen. Fähren zwischen Calais und Dover bieten wegen hoher Auslastung keinen Ausweg. Andere Linien nach Großbritannien sind länger und damit für die Speditionen und Fuhrunternehmen unwirtschaftlich.

Hellmann prüfe täglich mögliche Alternativrouten, sagt Geschäftsleiter Hasenpusch, doch Ausweichmöglichkeiten gebe es kaum. Erschwerend kommen Streiks des Hafen- und Fährpersonals hinzu.