Gäste bestimmen den Preis Der Wiener Deewan: Bezahlt, was ihr wollt

Von Sarah Engel


Wien. Wer sich im Wiener Deewan, einem pakistanischen Restaurant im neunten Bezirk, am Buffet bedient, darf am Ende selbst entscheiden, was er für das Essen zahlt. „Pay as you wish“ lautet das seltene Konzept, mit dem ein österreichisch-pakistanisches Ehepaar seit zehn Jahren erfolgreich ist.

Wer den „Wiener Deewan“ im neunten Bezirk der österreichischen Hauptstadt betritt, darf aus vollen Töpfen schöpfen. Fünf Currys – drei vegetarische Varianten und zwei mit Fleisch – dampfen in den Töpfen des pakistanischen Restaurants. Dazu gibt es Reis, Brot und Salat. Beim Buffet gilt „All you can eat“. Unkonventionell wird es jedoch beim Bezahlen. Dann heißt es: „ Pay as you wish“ (Bezahlt, was ihr wollt). An der Kasse verlangt die Kellnerin keinen festen Preis, und der Gast hat die Wahl. Er kann geben, was er will, was ihm das Essen wert war. Das Konzept lockt viele Gäste in die Liechtensteinstraße. Selbst an einem Donnerstagnachmittag, die Mittagszeit ist schon lange vorbei, tummeln sich die Gäste an den Töpfen. Es wird geschöpft und gegessen, die Bänke vor den mit Graffiti besprühten Wänden sind voll besetzt.

Feste Größe

Als die Wienerin Natalie Deewan ihrer Mutter verkündete, dass ihre Gäste den Preis des Essens bestimmen sollten, schlug ihr die pure Verzweiflung entgegen. Was, wenn nicht genug gezahlt werden und Deewan mit ihrem Lokal pleitegehen würde? Das Gegenteil war der Fall: Seit zehn Jahren gehört das Restaurant als feste Größe zur Wiener Gastronomieszene.

Ein lebendiges Haus

„Es ist ein lebendiges Haus. Ein Ort, an den wir auch selbst hingehen würden“, sagt die Wienerin. „Wir“, das sind die 36-Jährige und ihr Ehemann Afzaal. In seinem Heimatland Pakistan hatte der heute 50-Jährige im Widerstand gegen die Militärdiktatur gekämpft. Als sein Einsatz für ihn zu gefährlich wurde, drängte ihn seine Mutter, nach Europa zu fliehen. London war sein Ziel. Doch auf dem Weg nach Großbritannien wurde er in Wien gestoppt und kam in Abschiebehaft. Eine Weiterreise wurde damit unmöglich. So lernten sich die Österreicherin und der Pakistaner 2004 in einem besetzten Haus kennen und lieben.

Selbstständigkeit als Alternative

In Wien beantragte der Flüchtling Asyl. Doch nur auf eine Antwort des Amts zu warten, erschien Afzaal Deewan zu eintönig. In Pakistan hatte der Hobby-Koch und Cricketspieler als Verkäufer gearbeitet. Auch in Wien wollte er etwas tun. Doch die Suche nach einem Job verlief für den Asylbewerber erfolglos. Als einzige Möglichkeit blieb dem Paar, das inzwischen verheiratet war, die Selbstständigkeit. Denn nur wenn der Partner des Asylbewerbers ein Unternehmen gründet und diesen anstellt, ist dessen Arbeit legal. „Mein Mann war sehr überzeugt von seinem Essen, und ich war mitten in meiner Diplomarbeit“, sagt Natalie Deewan und lacht. „Ich war bereit, mich ablenken zu lassen.“ So wurde aus der Studentin eine Gründerin und aus dem alten Gasthaus in Uni-Nähe ein pakistanisches Restaurant mit 75 Sitzplätzen.

Auszeichnung durch Ministerium

Die Rollenverteilung war von Anfang an klar. Ihr Mann brutzelt in der Küche das Essen, Natalie organisiert hinter dem Computer den Betrieb. Egal ob Hühnchen, Lamm oder Rind – das Fleisch des Wiener Deewans ist halal, Muslime können seine Speisen ohne Bedenken essen. Das Gemüse kommt von einem Bauern aus dem niederöstereichischem Weinviertel. „Unsere Idee war sehr selbst gestrickt. Wir wussten nicht, was passiert“, sagt die Geschäftsführerin. „Aber es funktioniert, wenn man Geduld hat.“ Die Idee des Paars kam an und wurde in der Stadt bekannt. Nur ein Jahr später wurde das Lokal beim Jungunternehmerwettbewerb von 1400 Einsendungen auf Platz 30 gewählt und vom österreichischen Wirtschaftsministerium ausgezeichnet.

Illegaler Geschäftsmann

Was das Gründerpaar einerseits freute und bestärkte, erschien ihnen andererseits paradox. Während sich Afzaal mit seinem Restaurant integrierte, war sein Aufenthaltsstatus weiterhin unsicher. Als Mann einer Österreicherin beschloss er bereits 2005, eine Niederlassungsbewilligung als Familienangehöriger zu beantragen. Doch Anfang 2006 ging in Österreich ein neues Fremdenrechtspaket an den Start. Dieses sah für alte Anträge keine Übergangsfristen vor. Mit einem Schlag sollte aus dem gefeierten Unternehmer zum Jahresende ein Illegaler werden. „Seine einzige Möglichkeit wäre gewesen, einen neuen Antrag aus seinem Herkunftsland, also Pakistan, zu stellen“, erzählt Natalie Deewan. Zudem musste ihr Mann vorweisen, über ein monatliches Mindesteinkommen von 1090 Euro zu verfügen. Um aus Pakistan seinen Antrag einzureichen, hätte er sein Restaurant schließen und so ohne Einkommen nach Islamabad reisen müssen. Eine Rückkehr wäre nur schwer möglich gewesen. Das Paar verwarf diese Option.

Doppelbelastung

Die Etablierung ihres Lokals und der unsichere Aufenthaltsstatus von Afzaal kosteten die Unternehmer viele Nerven. „Diese Doppelbelastung war sehr kräftezehrend“, sagt Natalie, die Demonstrationen veranstaltete, um auf die absurden Umstände aufmerksam zu machen. Erst als im November 2007 der Ausnahmezustand in Pakistan durch Präsident Pervez Musharraf ausgerufen und eine Reisewarnung für das Land ausgesprochen wurde, ergab sich eine neue Chance. Nun konnte der Asylsuchende einen Inlandsantrag stellen, der tatsächlich bewilligt wurde. Doch es sollte noch bis 2015 dauern, ehe Afzaals Situation sicherer und aus seinem Aufenthaltstitel ein Daueraufenthaltstitel wurde. „Nicht-EU-Bürger stehen unter Generalverdacht, und die Standesämter melden Ehen mit ihnen automatisch an die Fremdenpolizei“, sagt seine Frau, die sich seit 2006 in der Initiative „Ehe ohne Grenzen“ für binationale Familien und Partnerschaften einsetzt.

Zehnjähriges Bestehen

In Wien erfährt das Paar einen starken Zuspruch. Das zeigt sich auch am Tag ihres zehnjährigen Bestehens. Blumen von gratulierenden Gästen und Freunden säumen den Tresen. Mit einem Geburtstagsständchen bringen die Cafébesitzer von nebenan ein paar Cupcakes vorbei. Am Abend feiert das Paar mit Freunden, Angestellten und ehemaligen Mitarbeitern den runden Geburtstag. Mittlerweile beschäftigen Natalie und Afzaal 18 Festangestellte, darunter vier Köche. Seit fünf Jahren zahlen sie sich selbst ein Gehalt. Aus dem unkonventionellen Experiment ist ein Erfolgsmodell geworden. Lediglich für Getränke verlangen die Deewans reguläre Preise. Doch diese machen nur zehn Prozent des Umsatzes aus, da kostenloses Leitungswasser bereitsteht.

Fünf Euro pro Gast

Doch was zahlen die Menschen für das Buffet? Das sei von Gast zu Gast unterschiedlich. Während die einen nur drei Euro geben, reichen die anderen einen Zehner über die Kasse. „Am Ende pendelt es sich bei fünf Euro pro Gast ein“, sagt die Geschäftsführerin. Die Chance, das Modell auszunutzen, geben sie nicht. Der Verzicht auf fixe Preise für ihr Essen sei ihnen wichtig. Wenn jemand nur Centbeträge geben möchte oder, ohne zu zahlen, türmen will, spricht Deewan die Kunden an.

Erfolgreiches Modell

Denn der Umsatz der Deewans zeigt, dass ihre Gäste das Modell schätzen. Obwohl die Preise für Lebensmittel stiegen, sei das vergangene Jahr sehr erfolgreich gewesen. So erfolgreich, dass das Paar zu Weihnachten seine gesamte Belegschaft mit Jahreskarten für die Wiener Linien beschenken konnte. Auch eine Sommer- und Weihnachtspause können sich die Unternehmer leisten. Sechs Wochen im Jahr macht der Wiener Deewan eine Pause. In dieser Zeit zieht es Afzaal zurück in seine alte Heimat. Sobald dann die Türen seines Ladens verschlossen sind, sitzt er im Flieger nach Pakistan.

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