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Nach Ausbeutungsvorwürfen Gutachter soll Adidas-Verteilzentrum Rieste überprüfen

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Im Adidas-Vertriebszentrum in Rieste sollen externe Gutachter prüfen, ob die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten zumutbar sind., Foto: Gert WestdörpIm Adidas-Vertriebszentrum in Rieste sollen externe Gutachter prüfen, ob die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten zumutbar sind., Foto: Gert Westdörp

Rieste/Herzogenaurach. Der Sportartikelkonzern Adidas will die Arbeitsprozesse in seinem Vertriebszentrum in Rieste im Osnabrücker Land von externen Gutachtern überprüfen lassen. Damit reagiert er auf Ausbeutungsvorwürfe von Mitarbeitern.

„Wir werden einen unabhängigen Auditor beauftragen“, sagte Adidas-Konzernsprecherin Katja Schreiber am Donnerstag. Dieser solle alle Arbeitsprozesse in dem Logistikzentrum untersuchen. Unter anderem sei eine umfassende Mitarbeiterbefragung geplant. Der Prozess könne mehrere Monate dauern. Ergebnisse sollen in diesem Jahr vorliegen, ergänzte die Sprecherin. Welchen Dienstleister Adidas mit der Überprüfung beauftragen werde, stehe noch nicht fest.

In den vergangenen Wochen hatten mehrere Mitarbeiter Adidas und seinen Zeitarbeitsfirmen ausbeuterische Methoden gegenüber Leiharbeitern im weltgrößten Vertriebszentrum des Konzerns vorgeworfen. Unter anderem berichteten sie über eine zermürbende Dauerrufbereitschaft , über psychischen Druck, den Zeitarbeitsfirmen ausgeübt hätten, und Drohungen, Leiharbeiter bei Zuspätkommen durch andere zu ersetzen.

Mehr Personal für Einzelversand

Die Konzernsprecherin wiederholte die bisherigen Aussagen der Geschäftsleitung in Rieste, das Unternehmen halte sich an alle rechtlichen und tariflichen Vorgaben. Um leichter erreichbar zu sein, habe man inzwischen tägliche Mitarbeiter-Sprechstunden beim Management und beim Betriebsrat eingerichtet.

Was hat zu der von mehreren Quellen beschriebenen hohen Unzufriedenheit in Teilen der Leiharbeiterschaft geführt? Ein Grund könnte sein, dass in dem Logistikzentrum, in dem zu Spitzenzeiten über 800 Menschen beschäftigt sind, anders gearbeitet wird, als ursprünglich vom Konzern geplant: Der Anteil des Online-Handels mit Endverbrauchern übersteigt die ursprünglichen Planungen deutlich. Das Packen individueller Pakete ist personalintensiver als die Kommissionierung für die beiden anderen Vertriebskanäle Großhandel und Einzelhandel, die teilweise automatisiert stattfindet. Deshalb musste Adidas in kurzer Zeit mehr Arbeitskräfte für Rieste mobilisieren als erwartet.

Stückpreis über dem Sollwert

Der Personalbedarf kann aber während der Saisonspitzen im Sommer und in der Weihnachtszeit von Tag zu Tag stark schwanken. Mal wird ein Arbeiter gebraucht, mal nicht. Nach Informationen unserer Redaktion erhalten Leiharbeiter in Rieste ein verhältnismäßig niedriges garantiertes Mindestgehalt für eine bestimmte Stundenzahl. Werden sie für zusätzliche Einsätze angefordert, bekommen sie je nach Zahl der geleisteten Stunden mehr. Viele Leiharbeiter kalkulieren dieses Plus ein, wenn sie beispielsweise aus Polen für mehrere Monate nach Rieste ziehen. In Deutschland müssen sie Unterkunft und Lebenshaltung finanzieren. Ziel der meisten Leiharbeiter ist, viel zu arbeiten und durch Überstunden auf eine Summe zu kommen, die den Einsatz fern der Heimat lohnt. Die Rechnung ist gefährdet, wenn sie zu selten angefordert werden.

Die von Adidas beauftragten Zeitarbeitsfirmen Manpower und Olympia Personaldienstleistungen stehen unter Druck, die anfallenden Warenmengen möglichst effizient zu bewältigen. Richtgröße für das Adidas-Management ist dabei der „Stückpreis“ von einigen Cent pro Artikel. Dieser lag nach Recherchen unserer Redaktion Anfang des Jahres deutlich über dem Sollwert.

IHK: Leiharbeit legitimes Instrument

Das „Central Distribution Center“ von Adidas in Rieste ist Mitglied der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Deren Präsident Martin Schlichter wollte nicht konkret auf Adidas eingehen, äußerte sich aber grundsätzlich: Leiharbeit sei eine legitime und notwendige Beschäftigungsform. Allerdings gälten dafür Spieleregeln, an die sich alle Beteiligten halten müssten, so Schlichter.

Weitere Berichte aus dem Wirtschaftszentrum Niedersachsenpark im Osnabrücker Land: noz.de/niedersachsenpark


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