Betriebsversammlung Rieste: Widersprüche im Umgang mit Leiharbeitern bei Adidas

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df/sha Rieste. Arbeiter im Adidas-Logistikzentrum in Rieste im Osnabrücker Land haben Vorwürfe bestätigt, dort würden Leiharbeiter ausgebeutet. Die Geschäftsleitung versicherte erneut, sie habe von Missständen keine Kenntnis, und wies die Vorwürfe zurück. Der Betriebsrat rief dazu auf, Probleme zu melden.

Von Dirk Fisser, Cornelia Klaebe und Christian Schaudwet

Zweihundert, vielleicht dreihundert Mitarbeiter im Adidas-Logistikzentrum Rieste stehen an diesem Freitagnachmittag neben den Hochregallagern. Die Bänder pausieren. Betriebsversammlung am Tag eins nach den schweren Vorwürfen und der hunderttausendfach gedruckten Behauptung, Adidas sei „die Hölle“.

Eigentlich will Standortleiter Roland Weber über die neue Konzernstrategie sprechen, aber zunächst kommentiert er die Ausbeutungsvorwürfe. Weber hat sich mit einem Mikrofon vor der Menschengruppe postiert, die angesichts der Hallengröße winzig wirkt. „Wir halten uns an Recht und Gesetz“, ruft er ihnen entgegen. Es klingt wie eine Selbstbestätigung, nichts falsch gemacht zu haben. Vize-Betriebsratschef Jens Worpenberg wird später wiederholen, was er schon am Vortag gesagt hat: Von Ausbeutung, wie sie in dem Artikel der „Zeit“ beschrieben wird, habe er nichts mitbekommen.

Festanstellungen begehrt

An die Arbeiter appelliert er: „Wenn es Probleme gibt, sprecht uns an, sonst können wir nicht aktiv werden.“ Er richtet seine Worte an eine Belegschaft, die eigentlich keine ist: Ein kleinerer Teil ist fest bei Adidas angestellt. Das wollen die meisten, denn bei Adidas arbeiten bedeutet mehr Geld, Urlaub in den Sommermonaten – und keinen Kontakt mehr zu den Zeitarbeitsfirmen. „Bei Adidas ist alles super, die Probleme gibt es mit Zeitarbeit“, sagt eine Arbeiterin, die vor einigen Monaten den Sprung in die Festanstellung beim Sportartikelhersteller geschafft hat.

Die meisten sind für Zeitarbeitsfirmen tätig. Zwei hat Adidas tags zuvor als Hauptpartner benannt. Ihre Büros befinden sich in den Hallen in Sichtweite der Arbeitsstationen. Kurzzeitig, ist zu erfahren, hätten die Vorgesetzten der Zeitarbeiter ihre Arbeitsplätze hinter Trennwänden in den Pausenräumen eingerichtet.

Dritte Zeitarbeitsfirma

An diesem Freitagnachmittag steigen vor dem Werkstor in Rieste Arbeiter aus einem Bus einer dritten Zeitarbeitsfirma. Ja, bestätigt Sven Künnemann, Leiter des Warenlagers, die Firma aus Osnabrück sei ein Sub-Subunternehmen, das mit einer der beiden anderen Firmen zusammenarbeite. Dass diese Mitarbeiter für die Fahrt zur Arbeit bezahlen müssten, wie unserer Redaktion berichtet wurde, davon wisse er nichts.

Warum so viele Leser die Vorwürfe der „Zeit“ bestätigten? Das können sich Management und Betriebsrat nicht erklären – es habe sich nie jemand beschwert. Adidas hat nichts zu verbergen, lautet die Kernaussage in Rieste und am Konzernsitz Herzogenaurach. Standortleiter Roland Weber ermutigt die Mitarbeiter auf der Betriebsversammlung, Medienvertretern offen zu sagen, was sie denken.

Dauerrufbereitschaft ja oder nein?

„Diese Vorwürfe haben einen wahren Kern“, sagt ein Zeitarbeiter zu den Äußerungen seiner vier Kollegen in der „Zeit“. Es gebe Lösungen, aber als Einzelner komme man nicht durch. An anderer Stelle heißt es, eine nervenzehrende Dauerrufbereitschaft habe es in den vergangenen Monaten tatsächlich gegeben. Und einer Kollegin, die nicht rechtzeitig am Werkstor erschienen sei, sei gesagt worden: „Wenn so etwas noch mal vorkommt, kommen ganz schnell neue Arbeiter aus Holland.“ Es finden sich aber auch Arbeiter, die von einem Bereitschaftsdienst noch nie etwas gehört haben: „Nein, in meinem Bereich gibt es so etwas nicht.“

50 Prozent mehr Umsatz

Die Vorwürfe der Leiharbeiter jedenfalls fallen in eine Zeit, in der Adidas sich aufrafft. 50 Prozent mehr Umsatz in den kommenden fünf Jahren lautet eines der Ziele. Zum Erfolg beitragen soll ein Klima, in dem „alle angenehm und erfolgreich zusammenarbeiten können“, sagt Standortleiter Weber. Adidas will seinen Rückstand auf den Rivalen Nike verkürzen. Bis 2020 will man zumindest in Westeuropa Marktführer sein. Für Rieste bedeutet das Ranklotzen. Wenn im Sommer die Lkw mit den neuen Kollektionen kommen, werden in dem Vertriebszentrum rund 850 Menschen arbeiten – die meisten werden Zeitarbeiter sein.


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