RAG-Bergwerk schließt 2018 Aus für Zeche Ibbenbüren: Hier endet das Kohlezeitalter


Ibbenbüren. Fernab vom Ruhrgebiet schlägt die letzte Stunde für den deutschen Steinkohlenbergbau. Die Zeche Ibbenbüren im nördlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens gehört zu den drei letzten ihrer Art. Ende 2018 ist auch hier Schluss.

Zu Beginn jeder Schicht geht es tief hinab. Bis zu 1550 Meter. Nirgendwo in Europa wird die Steinkohle so tief aus dem Boden geholt, hier ist es dunkel und schmutzig. Ibbenbürener Anthrazit gilt als eine der besten Kohlesorten der Welt. Die weithin sichtbaren Fördertürme stehen als Symbol für mehrere Jahrhunderte Bergbau.

Das Verwaltungsgebäude von RAG Anthrazit Ibbenbüren ist Kontrastprogramm. Blitzblank ist hier der Industriechic der Wirtschaftswunderjahre konserviert. Hohe, weiße Wände, breite Steintreppen, Messinglampen an den Wänden. Im Konferenzsaal sitzt Heinz-Werner Voß, Sprecher der Geschäftsführung, Bergwerksdirektor, Mitglied des Stiftungsbeirats von Schalke 04. „Stellen sie sich einen Bestatter vor, der seine eigene Beerdigung plant“, sagt der 54-Jährige. Bis vor fünf Jahren war er Werksleiter in der Bottroper Zeche Prosper-Haniel. Zusammen mit Ibbenbüren wird sie die letzte sein, in der bis Ende 2018 deutsche Steinkohle abgebaut wird. Schon Ende 2015 steht der Förderturm der Zeche Auguste Victoria im 100 Kilometer entfernten Marl für immer still.

Einst Arbeitgeber für eine halbe Million Menschen

Den Verantwortlichen ist der Stolz, mit dem sie und die Kumpel Untertage in Ibbenbüren die Fahne des Steinkohlenbergbaus hochhalten, anzusehen. „Wir scheinen hier vieles richtig gemacht zu haben“, sagt Voß. „Andererseits kommt Wehmut auf.“ In der Glanzzeit der Steinkohleförderung, den Jahren des Wirtschaftswunders, beschäftigte die Branche allein im Ruhrgebiet eine halbe Million Menschen. In Ibbenbüren sind es heute 2250.

Die Frist für das Ende rückt näher, das wirkt sich auf die Produktion aus. 2014 haben die Kumpel noch 1,951 Millionen Tonnen Steinkohle aus der Tiefe geholt. Zwei Drittel davon wanderten ins benachbarte Kraftwerk des Energiekonzerns RWE. Seit Jahrzehnten liegt die Produktion stabil auf diesem Niveau. In vier Flözen wird gleichzeitig abgebaut. Vier Schichten, rund um die Uhr. Ab diesem Jahr geht es mit der Fördermenge bergab. Planmäßig werden es 2015 noch 1,6 Millionen Tonnen sein, dann 1,2 Millionen. 2018 geht es an den Rest: Aus Flöz 78 in 1550 Metern Tiefe sollen die allerletzten 700.000 Tonnen Steinkohle kommen. Am 31. Dezember ist Schluss.

Branche hängt am Tropf der Subventionen

Das politische Urteil über diese Arbeitsplätze ist 2011 gefallen. Die EU hat Deutschland verdonnert, die milliardenschweren Subventionen für die Steinkohlenförderung bis 2018 zu beenden. Ohne Förderung wird kein einziger Brocken der Ibbenbürener Anthrazitkohle gefördert. Nirgendwo sonst in Europa muss die Steinkohle so tief aus der Erde geholt werden wie hier. Wie das Bergwerk ohne Subventionen auf dem Weltmarkt stünde, wollen die Chefs nicht sagen. Sie verweisen etwa auf die Arbeitssicherheit unter Tage. Um die sei es nirgendwo so gut bestellt wie in Deutschland. Aber das habe seinen Preis.

Resignieren will in Ibbenbüren jedenfalls niemand. „Die Mannschaft in nach wie vor hoch motiviert“, sagt der stämmige Betriebsratsvorsitzende Burkhard Bruns. „Die Kumpel rackern wirklich.“ Die Belegschaft in Ibbenbüren ist bunt zusammengewürfelt. Der harte Kern stammt aus der Region: Rheine, Ibbenbüren, Osnabrück. Aus bereits geschlossenen Zechen im Saarland sind vor ein paar Jahren 350 Bergmänner dazugekommen, andere vom Bergwerk Ost in Hamm. Zum Jahresende, wenn in Marl die drittletzte Zeche Auguste Victoria dicht macht, wird es weitere Pendler geben.

Perspektiven für jüngere Mitarbeiter

Die Belegschaft altert. Schon seit 1995 werden in Ibbenbüren keine Bergmänner mehr ausgebildet. Die meisten Kumpel können, so ist der Plan, nach dem Ende des Bergbaus in den Ruhestand gehen. „Hier verabschiedet sich ein ganzer Berufszweig“, sagt Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann. Andere Berufsbilder der Zeche haben bessere Perspektiven. Anfang 2018 werden hier die letzten Industriemechaniker ihre Ausbildung abschließen. Die jungen Leute sind begehrt: Schon jetzt versuchten Mittelständler der Region, die Fachkräfte abzuwerben. „Die brauche ich hier selber“, sagt er. Noch gibt es im Bergwerk Arbeit genug, wenn auch auf Zeit – und für immer weniger Menschen.

Die Belegschaft schrumpft schon heute. Von 2250 Mitarbeitern bleiben Ende 2018 noch 500 übrig. „Die brauchen wir, um das Bergwerk zu demontieren“, sagt der Arbeitsdirektor. Drei bis vier Jahre werden sie die Zeche ausräumen, Rohre für die Wasserführung verlegen. Bis 2022 soll das Wasser die Grube fluten – und, so hoffen die Planer, nicht an unerwarteten Stellen austreten.

Region ohne Strukturprobleme

Und nach 2022? Kaum ein Beschäftigter müsse die Arbeitslosigkeit fürchten. „Ibbenbüren ist ein sehr guter Wirtschaftsstandort“, sagt Bodo Risch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen. „Für die Betroffenen ist das natürlich nicht schön. Aber vom Arbeitsmarkt her sehe ich da nicht wirklich ein Problem.“ Die Arbeitslosigkeit liegt im Kreis Steinfurt bei fünf Prozent. Strukturprobleme, wie sie in der Zechenstadt Marl drohen, fürchtet er nicht. Dort haben schon heute zweieinhalb mal mehr Menschen keine Stelle.

Dennoch werden das Ende des Steinkohlenbergbaus in Ibbenbüren auch andere zu spüren bekommen. Dutzende Handwerksbetriebe sind heute sofort zur Stelle, wenn in der Zeche eine Maschine ausfällt. Zum Nordschacht, quasi dem Haupteingang, werden jeden Morgen 600 Brötchen geliefert. „Der Bäcker wird es auch spüren“, sagt Buhren-Ortmann. Zudem fällt das Sponsoring für Vereine weg. „Manches, was über Jahrzehnte gepflegt worden ist, geht einfach nicht mehr.“

Stabsstelle Kohlekonversion erarbeitet Perspektiven

Mit den Folgen beschäftigt sich in Ibbenbüren eine eigene Stabsstelle. Kohlekonversion lautet ihre Aufgabe, die ganze Region bereitet sich auf die Nachnutzung des Zechen-Areals vor. Aktuell laufen Potenzialanalysen. Für die brauchbaren Teile haben schon viele Interesse angemeldet: Auf den Halden könnten Mountainbike-Strecken oder Bergbau-Lehrpfade entstehen, anderswo Gewerbeflächen. Bürger sitzen dabei immer mit am Tisch. „Wir befassen uns mit einer Aufgabe, die viel mit der Identität der Region zu tun hat“, sagte Ibbenbürens Stadtplaner Uwe Manteuffel zum Auftakt.

Dass es doch noch Hoffnung für die Zeche gibt, ein Investor auch ohne Subventionen klar kommen könnte, glauben die Manager des Bergwerks unterdessen nicht. Arbeitsdirektor Buhren-Ortmann bleibt Realist. „In Wirtschaft und Politik will keiner mehr das Wort Kohle in den Mund nehmen.“

Gefahr auch für das Kohlerkraftwerk?

In der Tat: Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) droht zurzeit mit einer Strafsteuer auf Kohlestrom. Das würde die Zukunft des RWE-Kohlekraftwerks in direkter Nachbarschaft zur Zeche infrage stellen, lässt der Konzern wissen. Eigentlich soll das Kraftwerk nach 2018 Kohle vom Weltmarkt verbrennen. Doch Gabriels Pläne stellten „eine Gefahr für die Steinkohle und damit für den Standort Ibbenbüren dar“. Dann wären die Investitionen von 250 Millionen Euro, die RWE seit 2009 in das Kraftwerk gesteckt hat, womöglich vergebens.

Fest steht: Die Bergwerk-Gesellschaft RAG wird auch nach Ende aller Arbeiten in Ibbenbüren vertreten bleiben. Es geht etwa um die Regulierung von Bergschäden. Erst 30 Jahre, nachdem das letzte Stück Kohle zu Tage gefördert wird, ist das Unternehmen aus der Haftung. „Das Leben wird hier nicht langweilig“, sagt Buhren-Ortmann. „Der Schock wird erst dann kommen, wenn das Zechentor abgeschlossen ist.“

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