350 Entlassungen bei Kupferverarbeiter KME-Betriebsratschef: „Viele sind den Tränen nahe“

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Osnabrück. Beim Osnabrücker Kupferverarbeiter KME stehen 350 Entlassungen unmittelbar bevor. Vor zwei Wochen ist die Belegschaft über den bevorstehenden Einschnitt informiert worden. Im Interview spricht der Betriebsratsvorsitzende André Lücke über die Stimmung im Betrieb, die Lage bei KME und Perspektiven für die Betroffenen.

Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Die Stimmung ist auf dem Tiefstpunkt. Die gesamte Belegschaft ist geschockt, speziell die Mitarbeiter im Rohrwerk. Viele sind den Tränen nahe, natürlich auch aus Existenzängsten. Die Arbeitsplätze der Rohrwerksmitarbeiter soll es morgen nicht mehr geben. Diese Entscheidung ist inakzeptabel und in keinster Weise nachvollziehbar: Im italienischen, industriell inkompetenten Vorstand ist man nicht in der Lage, sinnvolle Veräußerungen zu tätigen oder sich mit den Produktionsstätten zu beschäftigen, die seit Jahren stark defizitär sind.

Ist KME in Deutschland denn noch profitabel?

KME Germany und insbesondere KME in Osnabrück sind – in Summe – noch profitabel. Der Sonderbereich zum Beispiel sieht immer noch sehr gut aus, der Walzbereich hinkt ein wenig, das Rohrwerk wird wahrscheinlich mit einer schwarzen Null abschließen. Wobei man nicht abstreiten darf, dass wir in manchen Sparten Probleme haben. Alleine über den hohen Kupferpreis und den dadurch bedingten Ersatz durch andere Materialien wie in der Bauwirtschaft.

Jetzt ist genau ein Jahr lang über die Entlassungspläne diskutiert worden. Hat sich das auf den Alltag ausgewirkt?

Das Betriebsklima war belastet, weil keiner wusste, was jetzt endgültig passiert. Angekündigt waren 350 Entlassungen, dann wurden 140 verkündet und jetzt sind wir wieder bei 350 – man kann sich ab und zu vorkommen, wie auf dem Basar, so ist das Empfinden eines Großteils der Belegschaft. In einzelnen Marktsegmenten hat sich seit Mitte des Jahres tatsächlich etwas zum Negativen verändert. Aber ob das bedingt, nun doch auf die Zahl 350 zu kommen, wage ich stark zu bezweifeln.

Wie plötzlich kam diese Entscheidung?

Sehr plötzlich. Dieses Thema ist am Mittwoch durch den Aufsichtsrat gebracht worden, am Donnerstagmittag wurde die Belegschaft informiert. Mit der Entscheidung, das gesamte Rohrwerk zu schließen und zu verlagern, hätte in den kühnsten Träumen keiner, auch ich selbst nicht, gerechnet.

Steht außerhalb des Rohrwerkes ein Schlag durch alle Abteilungen bevor?

Das ist zumindest in der Belegschaftsversammlung aufgezeigt worden. Genaues können wir dazu noch nicht sagen. Da muss man uns erst einmal das Konzept vorlegen.

Was können Sie für Betroffenen tun?

Wir als Betriebsrat kommen erst immer dann ins Spiel, wenn es darum geht, die Scherben aufzuheben – Interessensausgleich, Sozialplanverhandlungen, Abfindungen in Höhe X – aber der Arbeitsplatz, der ist weg. Wir werden natürlich alles versuchen, was rechtlich und tariflich möglich ist. Natürlich werden wir auch versuchen, dass sich die Zahl der 350 noch minimiert. Das werden wir nicht kampflos an uns vorübergehen lassen.

Wie steht es um die Perspektiven der 350 Betroffenen?

Wahrscheinlich haben wir ein Problem, weil viele Mitarbeiter mehr als 20 Jahre bei KME beschäftigt sind und nicht alle gelernte Facharbeiter sind. Alle die, die keine Facharbeiter sind, bekommen Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Wir werden uns deshalb für eine Transfergesellschaft einsetzen.

Glauben Sie der Geschäftsführung, dass nach diesem Stellenabbau keine weiteren Einschnitte drohen?

Ich will das jedenfalls schwer hoffen. Wenn sich jedoch die Marktverhältnisse gravierend ändern sollten, führt das natürlich zu weiteren Problemen, das ist nicht auszuschließen.

Immer wieder ist kritisiert worden, es werde zu wenig für neue Produkte getan...

Man hat zu sicherlich lange versäumt, innovativ zu sein, in neue Geschäftsfelder zu gehen. Die Frage ist jedoch immer: Was ist genug? Was ist innovativ? Es ist nicht so, dass hier nichts passiert ist. Aber in Bereichen, die von einer starken Substitution durch andere Materialien betroffen sind, ist absolut zu wenig getan worden.

Steht es tatsächlich so schlecht um die deutsche Kupferbranche?

Die deutsche Kupferbranche hat massive Überkapazitäten. Nicht nur KME selbst, sondern der gesamte Kupferbereich. Auch die Märkte schrumpfen. Außerdem hat sich der Kupferpreis über die vergangenen Jahre bis zu verdreifacht. Das ist ein ganz großes Problem. Kupfer lässt sich hier und da ersetzen – wo das einmal geschehen ist, gibt es kein zurück mehr.

Nicht nur bei KME stehen in Osnabrück harte Einschnitte bevor. Wie kann die Stadt dem Industriestandort helfen?

Ich glaube, der Fokus, liegt nicht nur bei der Stadt, sondern bei der großen Politik. KME in Osnabrück ist bis zum heutigen Tage nicht von der EEG-Umlage befreit, weil das Werk die Hürde dazu nicht schafft. Hier geht es um sechs bis sieben Millionen Euro im Jahr. Das schwächt unsere Position im europäischen Wettbewerb.

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