Start-up Paprcuts aus Berlin Tyvek – Der Stoff, aus dem die Gründer-Träume sind

Von Sarah Engel


Berlin. Eigentlich wird Tyvek in der Industrie oder Landschaftsarchitektur verwendet. Aus dem Vliesstoff, der sich aus feinsten Fasern zusammensetzt, werden Labor- und Malerkittel oder Gartenabtrennungen gefertigt. Doch Jungunternehmer Nils Wagner hatte mir dem papierähnlichen Stoff einen anderen Plan. Heute lässt er mit seinem Start-up Paprcuts aus Tyvek witzige Accessoires fertigen.

Es sieht aus wie Papier, es fühlt sich an wie Papier, es knickt ein wie Papier. Doch wer Wasser darauf gießt, merkt schnell: Es wird nicht nass. Wer versucht, es zu zerreißen, entdeckt prompt: Es geht nicht kaputt. Die Rede ist von Tyvek. Ein Stoff, der aus Vliesfasern besteht. Ein Stoff, der Nils Wagners Leben veränderte.

Eigentlich wird Tyvek in der Industrie oder Landschaftsarchitektur verwendet. Aus dem Vliesstoff, der sich aus feinsten Fasern zusammensetzt, werden Labor- und Malerkittel oder Gartenabtrennungen gefertigt. Als Wagner, gebürtiger Schwabe und eigentlich angestellt in einer Berliner Werbeagentur, das Material entdeckte, kam er jedoch auf eine andere Idee und entschloss sich, damit den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „Mein Marketingjob hat mir nicht viel gegeben. Das ist eine brotlose Kunst“, sagt er. Heute lässt er mit seinem Start-up Paprcuts aus Tyvek witzige Accessoires fertigen. Geldbeutel, Handyhüllen, Terminkalender oder Kosmetiktaschen in Brief-, Gameboy- und Kassettenoptik oder mit futuristischen Katzen, Schnurrbärten oder Ankern versehen. Bunt bedruckt und nach dem Knicken zusammengenäht, wird aus Tyvek ein echtes Designstück. Doch mit seiner Idee eckte Nils Wagner vor drei Jahren zunächst an. Seine Eltern erschraken und rieten ihm ab, seinen sicheren Job zu kündigen.

Doch ihr Sohn ließ sich nicht beirren, arbeitete fortan nur noch als freier Mitarbeiter für die Werbeagentur, und investierte in sein Projekt. Dabei jonglierte er mit keiner kleinen Summe. „Einen größeren Kleinwagen mit Sonderausstattung hätte ich mir von dem Geld schon kaufen können“, sagt der 32 Jahre alte Stuttgarter. Denn Tyvek ist teuer. 100 x 70 Zentimeter kosten zwei Euro.

Die Hauptstadt ist Hauptproduktionsort

Mit dem Material sollten Produzenten also vorsichtig umgehen. Umso schlimmer für Wagner, als er seine erste Marge in den Sand setzte. „Der Großteil des Materials war total verschrumpelt und mit viel zu viel Farbe bedruckt“, sagt er. Rund 2000 Euro kostete ihn diese Produktion ins Leere, nur einen Bruchteil konnte er für seine Accessoires verwenden. Aber aufgeben kam für den Gründer nicht infrage. Mit Prototypen klapperte er kleine Läden ab und präsentierte diese auf Berliner Märkten. Seine Accessoires kamen gut an, und erste Bestellungen trudelten ein. Doch im günstigen Asien wollte Wagner nicht produzieren. Alles sollte in Berlin bleiben. Vom Druck über das Falten bis hin zum Kleben und Nähen – die Hauptstadt ist Hauptproduktionsort. Neben professionellen Handwerksbetrieben wie Druckereien und Schneidereien lässt der Gründer auch in sozialen Einrichtungen seine Stücke anfertigen.

Dazu gehörte von Anfang an die Faktura Berlin. Die Werkstatt bietet Menschen mit psychischen, körperlichen oder geistigen Behinderungen Arbeitsmöglichkeiten an. Während einer beruflichen Reha können sie in sieben Werkstattbereichen wieder ins Arbeitsleben integriert werden. Judith Schoenholtz leitet den Bereich Textiles Gestalten der Faktura. Neben hauseigenen Produkten näht ihr Team auch für kleine Labels, Designer und Start-ups.

Viele der 23 Beschäftigten konnten zu Beginn nicht nähen. In der Schneiderwerkstatt lernen sie, mit Nadel, Faden und der Nähmaschine umzugehen. Für Paprcuts werden hier vor allem die dünnen Klappportemonnaies und Handyhüllen genäht. Die Anzahl der Stücke variiert dabei von Monat zu Monat. „Manchmal produzieren wir 250 Stück in vier Wochen“, sagt Schoenholtz. „Und manchmal hören wir einen Monat gar nichts von Paprcuts.“ Dies sei aber kein Problem, denn beide Unternehmen haben eine individuelle Vereinbarung getroffen, und es wird nach Bedarf angefragt. Ein weitaus höheres Volumen stemmt die Justizvollzugsanstalt Reinickendorf. Knicken, kleben, löten oder stanzen: Die Frauen im offenen Vollzug fertigen das Handwerkliche für Paprcuts.

Nach dem Druck falten sie das Papier in die passende Form, bevor es weiter in die Schneiderei wandert. Danach landen die genähten Stücke erneut in der JVA und werden mit Nieten oder Ösen versehen. Auch um die Verpackung kümmern sich die Inhaftierten, anschließend gehen die Produkte in den Handel. Eine Vollzugsbeamtin vom Werksaufsichtsdienst leitet die Frauen an. Am Anfang sei es sehr kniffelig gewesen, das Material richtig zu falten, erinnert sie sich. Inzwischen kümmern sich vier bis fünf Frauen allein um die Paprcuts-Produkte.„Für unsere Frauen im offenen Vollzug ist diese Arbeit sehr wichtig“, sagt die Werksaufsicht.

Denn von dem Geld könnten sie sich persönliche Dinge leisten oder kleine Geschenke für ihre Kinder kaufen. Und in vielen Berliner Geschäften begegnen ihnen dann ihre gefertigten Produkte.

Erfolgreich rund um den Globus

Denn allein in der Hauptstadt vertreiben rund vierzig Läden die bunten Accessoires von Paprcuts. Zudem liefert Nils Wagner nach Spanien, Frankreich, Finnland, Österreich, die Schweiz und sogar nach Japan. Zwischen dreihundert und vierhundert Händler gehören zu seinen Kunden. Allein im September versandte das Unternehmen 10 000 Artikel, schätzt der 32-Jährige. Ein Erfolg, für den er hart arbeiten und viel sparen musste. „Ich habe auf sehr kleiner Flamme gelebt und alle Einnahmen gleich wieder in Paprcuts gesteckt“, sagt er. Erst seit einem Jahr kann er voll und ganz von seinem Start-up leben und hat vor drei Monaten Maria Persson, eine Produktdesignerin, eingestellt. Dennoch muss er weiterhin auf seine Finanzen achten und langfristig planen. Seine Kunden müssen die Rechnung erst Monate später begleichen, und die Standmiete auf Messen ist teuer. Mit einer Crowdfunding-Kampagne konnte Wagner im September so eine neue Produktion schmaler Geldbörsen sichern.

Aber auch nach drei Jahren Erfahrung machen Pleiten, Pech und Pannen vor Paprcuts nicht halt. Auf einer Pariser Messe wartete Wagner im September tagelang auf die Lieferung seiner Produkte. Erst eine Stunde vor Messebeginn tauchte der Spediteur samt Palette auf.

Doch damit nicht genug: Nach dem Wochenende fand die Palette ihren Weg nicht zurück nach Berlin. Bis heute sind die Schauprodukte verschwunden. Ein herber Verlust für Paprcuts. „Heute verstehe ich Geschäftsführer, die am Telefon herumschreien, weil nichts funktioniert“, sagt Nils Wagner und lacht. Er habe sich die Selbstständigkeit leichter vorgestellt. Cholerisch wird er deswegen aber nicht: „Ich könnte niemals einen Job machen, der mich nicht fordert.“

Mit Paprcuts wird ein Kindheitstraum wahr

Sein Vater habe ihm bis vor eineinhalb Jahre nicht geglaubt, dass Paprcuts Erfolge einfahre. Als er während einer Stuttgarter Messe seinem Sohn beim Verkauf half, überraschte ihn das Interesse der Menschen. „Nun hat er Blut geleckt und hilft, sooft er kann“, sagt Wagner. Und nicht nur die Unterstützung seiner Eltern freut ihn. „Seit ich denken kann, bin ich Fan des VfB Stuttgart“, sagt er. Für den Verein zu arbeiten habe ihn schon immer gereizt. Mit Paprcuts konnte er sich nun diesen Kindheitswunsch erfüllen. Für den Merchandise-Shop des VfB kreierte er eine Uhr und eine Handyhülle. Trotz des Erfolges bleibt Nils Wagner auf dem Boden. Er will einen Schritt vor den anderen setzen, Paprcuts langfristig aufbauen. „Man darf nicht zu viel wollen“, sagt er. Ziele hat er aber dennoch: Für 2015 plant er die Produktion eines Turnbeutels. Zudem hält er an dem Traum von einem eigenen Flagshipstore und dem Versand in die ganze Welt fest. Berlin will er aber nicht verlassen. „Die Hauptstadt ist ein Schmelztiegel der Ideen“, sagt er. Dies ist wohl neben der Produktion mit ein Grund, warum alle Accessoires folgender Spruch ziert: „Made in Germany. Not in 广东省“.