Innovationen in der Region In Quakenbrück wird Essen für morgen entwickelt

Von Christian Schaudwet


Quakenbrück/Papenburg. Wer wissen will, was ihm in den nächsten Jahren in den Regalen der Supermärkte geboten wird, sollte sich mit dem Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik beschäftigen. Dort und in vielen Unternehmen der Region wird das Essen von morgen entwickelt.

„Essen ist einfach kühl gelagertes Sonnenlicht.“ Das schwärmerische Zitat auf den weißen Pappbechern des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik (DIL) stammt von dem amerikanischen Arzt und Tüftler John Harvey Kellogg. Der Mann nahm den Mund ziemlich voll, aber er wusste, wovon er sprach. Ende des 19. Jahrhunderts erfand er die Erdnussbutter und – gemeinsam mit seinem Bruder Will Keith Kellogg – die Cornflakes.

Aus Agrarprodukten wie Getreide, Kartoffeln, Fleisch und Milch neue Nahrungsmittel zu schaffen, wie es die Kellogg-Brüder taten, ist heute die Mission des DIL, eines europaweit wohl einzigartigen Instituts in Quakenbrück im Osnabrücker Land. Nicht nur neu und verlockend sollen die Kreationen sein, sondern auch industriell herstellbar, in rauen Mengen und gewinnträchtig. Denn die Forscher und Entwickler am 1983 gegründeten DIL ersinnen ihre Viktualien nicht etwa für die Menüs von Drei-Sterne-Restaurants. Ihr Auftraggeber ist die Lebensmittelindustrie, die im Raum Osnabrück/Emsland zu den wichtigsten Arbeitgebern zählt. Das DIL ist ihr Kind, ein Verein, getragen von mehr als 140 Unternehmen, darunter weltweit agierende Nahrungsmittelriesen wie Pepsico, Unilever und Dr. Oetker. Auf der Mitgliederliste finden sich aber auch in der Region verwurzelte Mittelständler – der Osnabrücker Wurstfabrikant Bedford ist so einer, Kemper Fleischwaren in Nortrup, ebenso der Hersteller von Back- und Dessertmischungen Ruf in Quakenbrück und viele mehr.

Zeitgeist-Wandel

Ideen für neue Produkte gibt es reichlich, aber eines ist für Achim Knoch klar wie Kloßbrühe: „Was nicht schmeckt, das wird nichts auf dem Markt.“ Der für Produktinnovation zuständige Manager am DIL geht im weißen Kittel und mit behaubtem Haupt durch die Versuchsräume voller mattstählerner Apparaturen im „Technikum-Neubau des DIL. Seit 23 Jahren ist er jetzt am Institut, und dass ihm die Arbeit Spaß macht wie am ersten Tag, nimmt man ihm tatsächlich ab: „Es ist eine ungeheuer spannende Tätigkeit, sagt der aus Minden stammende Knoch, der gleich nach seinem Maschinenbau- und Verfahrenstechnik-Studium in Hannover nach Quakenbrück kam.

Denn was am DIL geschieht, spiegelt den Wandel des Zeitgeistes. Derzeit durchdringen die Bedürfnisse einer einst belächelten, inzwischen aber starken Klientel die Industrie: Vegetarier, Veganer und „Flexitarier“ (lehnen Fleischkonsum nicht völlig ab, aber sind gegen industrielle Tierhaltung) sind zu einer Nachfragemacht geworden. Der Handel meldet Konsumgewohnheiten und daraus erwachsende Marktpotenziale an die Industrie. Und die Herstellerunternehmen wenden sich mit konkreten Aufträgen ans DIL. Die Quakenbrücker entwickeln etwas und stellen kleine Mengen davon her. Die Produzenten lassen es dann von Testgruppen kosten und bewerten.

Das Eis wurde cremiger

Nahrungsmittel, die kein Fleisch sind, aber wie Fleisch schmecken, sind so ein Wachstumsfeld. Das vegetarische und vegane Segment sei „ein Riesenschwerpunkt geworden“, sagt Knoch. „Dazu erhalten wir so viele Aufträge, dass wir sie gar nicht abarbeiten können.“ In den Niederlanden, aus denen das DIL auch viele Entwicklungsjobs bekommt, sei der Trend noch ausgeprägter, dort würden die Regale mit Variationen auf Pflanzenbasis immer länger.

Auch ein florierendes Segment sind die sogenannten Convenience-Produkte: An der Tankstelle kaufen, auf dem Weg zum Auto aufreißen, beim Starten des Motors reinbeißen und möglichst krümelfrei verzehren. „Herzhafte Snacks, ungekühlt im Laden, gern etwas mit Gemüse“. Innovationen in dieser Produktgruppe stünden bei zahlreichen Herstellern auf der Wunschliste, sagt Knoch. „Da sind viele dran, aber bisher hat es noch keiner wirklich hingekriegt.“

So manche Produktionsmethode aus dem DIL, an dem derzeit 154 Menschen beschäftigt sind, hat Karriere gemacht. Dass handelsübliches Eis heute viel cremiger ist als noch vor einigen Jahren und in der Tiefkühltruhe nicht kristallisiert, geht auf eine Innovation aus Quakenbrück zurück.

Die Ingenieure entwickelten eine Tieftemperatur-Extrusion, bei der Eiskristalle während des Produktionsprozesses zerschlagen werden. Dank dieses Verfahrens erlebte die Branche mit Premium-Eissorten wie der „Mövenpick“-Linie von Schöller einen zweiten Frühling.

Branche unter Innovationsdruck

Innovationen seien gerade jetzt dringend geboten, um die für Niedersachsen so wichtige Branche wettbewerbsfähig zu halten, sagt Hans-Jürgen Buß, Experte für Ernährungswirtschaft, Gesundheitswirtschaft und Biotechnologie beim Innovationszentrum Niedersachsen in Hannover. „Die Agrar- und Tierproduktion kann kaum noch wachsen. Die Gretchenfrage ist: Was machen wir statt des Wachstums?“ Für Buß ist die Richtung klar: Premium-Produkte und „Green Label Tech“ – Technologie, mit der sich künstliche Produktbestandteile wie etwa Emulgatoren und Backtriebmittel durch natürliche ersetzen lassen. Auch das sogenannte „Functional Food“ mit besonderen Gesundheitseigenschaften biete Chancen. Und die Ressourcen müssen besser genutzt werden – die proteinreichen Kartoffelschalen etwa seien viel zu wertvoll, um sie als Biomasse zu verheizen.

Auch außerhalb des DIL streben Unternehmen in der Region nach essbaren Innovationen – Apetito in Rheine etwa widmet sich unter anderem Nahrungsmitteln für Senioren. Die Emsland-Gruppe in Emlichheim hat ein neues Mahlverfahren für die sogenannte Beta-Gerste entwickelt, die den Cholesterinspiegel senken soll. Verglichen mit anderen Branchen aber, bemängelt Buß, innoviere die Nahrungsmittelindustrie ziemlich zaghaft. Das DIL sei deshalb „ein Pfund, mit dem wir wuchern können“. Und müssen, denn: „Wenn die Branche sich nicht weiterentwickelt, haben wir in der Region ein Strukturproblem.“

An Frank Silze soll es nicht liegen. Der Gartenbau- und Zuchtunternehmer in Weener (Silze Jungpflanzen) setzt auf den Trend zum gesunden Selbermachen – „Lebensmittelanbau im eigenen Garten oder auf dem eigenen Balkon ist im Kommen“. Das Unternehmen beginnt derzeit mit der Zucht neuer Kräutervarianten. Es ist eine langfristige Investition: Bis Silze die ersten neuen Sorten an große Gartenbaubetriebe vermarkten kann, werden rund zehn Jahre vergehen. So lange dauert das akribische Auswählen und immer wieder neue Kreuzen der Pflanzen. Am Ende des Prozesses sollen Varianten der gängigen Küchenkräuter mit Aroma-, Wuchs- und optischen Eigenschaften stehen, die sonst kein Jungpflanzenproduzent im Repertoire hat.

Kartoffeln unter Strom

Nick Speakman, Geschäftsführer der DIL-Ausgründung Elea Technology in Quakenbrück, ist schon weiter. Vier Fruchtsafthersteller in Europa und mehrere Kartoffelverarbeiter über den Kontinent hinaus setzen bereits PEF-Anlagen von Elea ein. PEF steht für „Pulsed Electric Field“ und bedeutet, dass Nahrungsmittel wie Fruchtsaft oder Kartoffeln von Stromstößen durchzuckt werden, die ihre Zellmembrane öffnen. Der Effekt: Frische Säfte und Smoothies bleiben länger haltbar, lassen sich somit weiter transportieren und länger im Kühlregal anbieten. Rohe Kartoffeln werden weicher und sind deshalb leichter zu schneiden. Das senkt Elea zufolge bei der Pommes-frites- und Chipsproduktion den Energieaufwand (kein Erhitzen vor dem Schnitt) und verringert den Ausschuss (die Pommes brechen nicht so leicht).

Dass Elea es von Beginn an auf den Weltmarkt abgesehen hatte, verrät auch die Herkunft der Mitarbeiter. Neben dem britischen Chef und vier Deutschen arbeiten in Quakenbrück zwei Iren, ein Spanier und ein Niederländer. Speakman, der elf Jahre lang in Afrika Lebensmittelfabriken aufbaute, stammt aus der Grafschaft Essex, wo seine Familie eine Farm betreibt.

Gegenwärtig knüpft er die Maschen eines internationalen Vertriebsnetzes. Menschen von der neuen, unkonventionellen PEF-Technologie überzeugen, das ist sein Geschäft. Glücklicherweise sei das nicht so schwer, sagt Speakman: „Man kann die Methode sehr leicht erklären, und sie hat weder etwas mit Chemie zu tun noch mit Genmanipulation, noch mit Bestrahlung.“ Deshalb glaubt er auch, dass deutsche Verbraucher keine Probleme damit haben werden. Und überhaupt: „Deutschland ist in dieser Hinsicht gar nicht so schwierig, wie viele sagen.“ Auch in England und den USA gebe es eine intensive „Frankenfood“-Debatte. Speakman glaubt, dass die Menschheit gar nicht umhinkomme, sich neuen Lebensmitteltechnologien zu öffnen, wenn immer mehr Menschen aus den begrenzten Ressourcen ernährt werden müssen.

Die PEF-Technologie wurde am DIL entwickelt. Elea ist der erste kommerzielle Ableger des Instituts. Der Anwendungsmöglichkeiten für PEF sieht Stefan Toepfl, Eleas technischer Direktor, noch viele – von klarem Tomatensaft über Kassava-Chips und Kürbis-Pommes über die Verarbeitung von Algen zur Farbstoffgewinnung für Lebensmittel bis hin zu Biosprit. Und vielleicht sind ja auch für Erdnussbutter und Cornflakes noch ein paar Innovationssprünge drin.