Mangel an Mietwohnraum Wohnungsknappheit bedroht emsländische Wirtschaft

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Die Karte zeigt, wo der Wohnungsleerstand besonders hoch und niedrig ist. Karte: Google/yjsDie Karte zeigt, wo der Wohnungsleerstand besonders hoch und niedrig ist. Karte: Google/yjs

Osnabrück. Dem Wirtschaftsboom im Emsland droht Gefahr vom Wohnungsmarkt. Für die Wohnungsnachfrage junger Fach- und Führungskräfte hält er das falsche Angebot bereit: Eigenheime. Gebraucht werden dagegen Mietwohnungen, und davon gibt es zu wenige. Der Ökonom Matthias Günther vom ISP Eduard Pestel Institut für Systemforschung in Hannover sieht in darin einen ernsten Standortnachteil.

Das Emsland , einst moorreich, dünn besiedelt und unwirtlich, gilt heute deutschlandweit als Erfolgsstory wirtschaftlicher Entwicklung im ländlichen Raum. Große Industrieunternehmen wie die Meyer Werft, aber auch eine Vielzahl hoch spezialisierter kleiner und mittlerer Betriebe sind herangewachsen. Die Region boomt, die Arbeitslosenquote im Bereich der zuständigen Arbeitsagentur Nordhorn ist im Oktober auf 3,2 Prozent gesunken – das ist nahezu Vollbeschäftigung. Viele Unternehmen klagen längst über einen Mangel an Nachwuchskräften aus der Region, aber auch über wachsende Probleme, qualifiziertes Fach- und Führungspersonal von außerhalb für eine Tätigkeit im Emsland zu gewinnen.

„Sonderstellung in Deutschland“

Im Wettbewerb mit attraktionsreichen Großstädten wie München, Hamburg und Berlin, aber auch mit infrastrukturell starken Ballungsräumen wie dem Großraum Stuttgart oder dem Rhein-Main-Gebiet zieht die Region an der westlichen Peripherie Deutschlands häufig den Kürzeren. Schuld daran ist nach Einschätzung von Pestel-Forscher Günther zu einem guten Teil der Wohnungsmarkt: „Es fehlen Mietwohnungen.“ Das Immobilienangebot des Emslandes bestehe vor allem aus Eigenheimen, Mietwohnraum hingegen sei knapp. „Ein junger Ingenieur am Beginn seiner Berufslaufbahn wird kaum nach Papenburg kommen, wenn er dort gleich ein Einfamilienhaus im Umland erwerben muss, um gut wohnen zu können.“ Da viele Unternehmen dazu übergingen, lediglich Zeitverträge zu vereinbaren, werde ein Mangel an Mietwohnungen wie im Emsland zu einem gravierenden Standortnachteil. Gefragt sei Flexibilität, das Emsland aber biete die Alles- oder Nichts-Lösung des Eigenheims.

„Mit seiner Knappheit an Mietwohnraum in einem wirtschaftlich expandierenden ländlichen Raum nimmt das Emsland in Deutschland eine Sonderstellung ein“, sagt Günther. Statistisch fehlten auf dem Wohnungsmarkt im Landkreis Ende vergangenen Jahres 902 Wohnungen – so viele wie nirgendwo sonst im Weser-Ems-Gebiet. Und angesichts einer hohen Eigenheimquote – hier zählt das Emsland mit einer Quote von mehr als 64 Prozent zur Spitzengruppe im Weser-Ems-Gebiet - schlage sich der Mangel vor allem im Angebot an Mietwohnungen nieder.

Niedrige Leerstandsquote

Ein weiterer statistischer Indikator für die angespannte Lage ist dem Ökonomen zufolge der Wohnungsleerstand (siehe Karte). Bei dieser Messgröße liegt das Emsland laut Günther bundesweit „mit an der Spitze“. Mit niedrigen Leerstandsquoten führen das Emsland, die Landkreise Cloppenburg, Oldenburg, Ammerland, Leer und die Grafschaft Bentheim (weniger als 2,5 Prozent). Und das, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten im Weser-Ems-Gebiet relativ viel neu gebaut wurde. Der Landkreis Vechta weist im Niedersachsen-Vergleich nach Zahlen des Pestel-Instituts die geringste Leerstandsquote (unter 1,5 Prozent) auf. „Niedrige Leerstände signalisieren eindeutig Bedarf“, sagt Günther.

Auf die Schnelle wird sich die offene Flanke der emsländischen Wirtschaft wohl nicht schließen lassen. Günther zufolge haben ländliche Räume trotz des akuten Bedarfs „extreme Probleme, Investoren für Mietwohnungsbau zu finden“. Das Problem: Wegen des demografischen Wandels, also der besonders auf dem Land stark steigenden Anteils von Alten und der folglich absehbaren Ausdünnung der Bevölkerung fürchten Bauherren auf lange Sicht, ihre Wohnungen nicht mehr vermieten oder verkaufen zu können. Dies gilt vor allem für den Fall, dass es etwa bei der Meyer Werft in Papenburg, beim Windanlagenhersteller Enercon in Aurich und Haren oder anderen wichtigen Arbeitgebern in der Region einmal nicht mehr so gut läuft wie im Moment.

Das Emsland im wirtschaftlichen Niedergang? Angesichts des gegenwärtigen Booms ein kaum vorstellbares Szenario. Für Günther aber kein undenkbares.

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Quelle: ISP Eduard Pestel Institut für Systemforschung; Karte: yjs


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