Wie Menschen in die Miesen geraten Kleinkredite locken ins Risiko

Von Christian Schaudwet

Wenn ein neuer Fernseher her soll, greifen immer mehr Konsumenten zum Kredit. Foto: dpaWenn ein neuer Fernseher her soll, greifen immer mehr Konsumenten zum Kredit. Foto: dpa

Osnabrück/Düsseldorf. Nach dem Konsumrausch der vergangenen Jahre drückt die deutschen Verbraucher eine milliardenschwere Schuldenlast. Nach Beobachtung Osnabrücker Schuldnerberater spielen günstige Kleinkredite dabei eine entscheidende Rolle.

Fast jeder Zehnte Verbraucher in Deutschland ist überschuldet - und das mit steigender Tendenz. Damit sei der Rot-Ton der Überschuldungsampel in Deutschland noch dunkler geworden, beklagt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Düsseldorf, die am Donnerstag ihren neuen „Schuldneratlas 2014“ vorgelegt hat.

Die Creditreform-Beobachtung, dass der Frauenanteil im Heer der Schuldner wachse, bestätigt auch Manfred Poscher, Koordinator der Schuldnerberatung beim Diakonischen Werk in der Stadt und im Landkreis Osnabrück. „Mit zunehmender Berufstätigkeit von Frauen, sind es immer öfter nicht mehr nur die Männer, die Kredite aufnehmen“, sagt Poscher. Unter den Betroffenen seien viele alleinerziehende Mütter, die ihren Job aufgäben und trotz des Risikos einer Privatinsolvenz Kreditverträge eingingen. Gezielt auf Frauen zugeschnittene Angebote der Banken täten ihr Übriges.

„Es ist so einfach geworden, Kredite zu bekommen“, sagt Poscher. Zu den diakonischen Schuldnerberatern kommen seit einigen Jahren immer häufiger Menschen, die sich mit Kleinkrediten für Konsumgüter wie Fernseher, Küchengeräte oder Möbel verhoben haben. „Diese Tendenz ist neu.“

Zunehmend Arbeitnehmer betroffen

Aber die Schuldnerberater bemerken noch einen beunruhigenden Trend: Zunehmend sind nicht nur Arbeitslosengeldempfänger betroffen, sondern auch Menschen in stabilen Beschäftigungsverhältnissen. Ihr Anteil unter den Hilfesuchenden sei binnen eines Jahres von unter 40 Prozent auf 46 Prozent gestiegen, sagt Poscher.

Unterschwellig registriert der Schuldnerberater bei vielen Betroffenen eine Neigung, ihre Finanzen nicht langfristig zu planen, sondern sich schnell Wünsche zu erfüllen. Was ihn unter anderem aus diesem Grund nicht überrascht: „Es ist politisch gewollt, dass wir konsumieren, dass wir die Binnennachfrage ankurbeln.“

Die Schuldnerquote in Deutschland erreicht inzwischen den höchsten Stand seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008, wie die Creditreform-Experten feststellen. Besonders deutlich zugenommen habe dabei die Zahl der besonders schweren Fälle.

„Erosion der Sparkultur“

Angesichts der sich wieder eintrübenden Konjunkturlage und weiterer globaler Risiken sei derzeit eine Entspannung der Überschuldungslage der deutschen Verbraucher in weite Ferne gerückt, hieß es. Die Creditreform-Experten sehen eine „Erosion der Sparkultur“ und einen zunehmenden Bedeutungsverlust der Altersvorsorge. Damit steige das Überschuldungsrisiko vieler Verbraucher deutlich, warnen sie.

Stattdessen hätten viele Verbraucher den vergleichsweise positiven Wirtschaftsverlauf der vergangenen Jahre genutzt, um vorhandene Anschaffungswünsche zu verwirklichen oder entgangenen Konsum nachzuholen.

2013 hatten die deutschen Verbraucher mit knapp 1,6 Billionen Euro so viel konsumiert wie noch nie, wie aus der Studie hervorgeht. Damit sei der oft kreditfinanzierte private Konsum zu einer wichtigen Stütze der Binnenkonjunktur geworden. „Viele haben sich zu viel zugemutet“, sagte Creditreform-Sprecher Michael Bretz.Und die Überschuldung verhärte sich, der Trend dazu sei bedenklich stabil. Mindestens eine Million Menschen sei von dem Phänomen der im familiären Umfeld verankerten Verschuldung betroffen. „Offensichtlich bleiben immer mehr Menschen auch generationsübergreifend im Griff der Überschuldung oder lernen nie, sich daraus zu befreien“, hieß es. (mit dpa)

Eine interaktive Karte mit Schuldnerquoten in den Städten und Landkreisen des Weser-Ems-Gebiets finden Sie hier:

http://www.noz.de/deutschland-welt/wirtschaft/artikel/520237/verschuldung-in-unserer-region-steigt#gallery&0&0&520237

Weitere Berichte aus der regionalen Wirtschaft: http://www.noz.de/deutschland-welt/wirtschaft/regionale-wirtschaft