Tonträger 20 Jahre vor Amazon verschickt Versandhändler jpc: Ein Pionier des Plattenhandels

Von Constantin Binder


Die Firma aus Georgsmarienhütte ist ein Pionier des Plattenhandels. Mehr als 20 Jahre vor Amazon verschickte sie Tonträger per Post. Ein Blick hinter die Kulissen:

Georgsmarienhütte. An Tapeziertischen vor den Unis in Göttingen und Köln verkauften Gerhard Georg Ortmann und ein Freund 1970 die ersten Schallplatten, 1976 stiegen sie in den Versandhandel ein – gut 20 Jahre vor Amazon. Was Kundenzahl und Umsatz angeht, kann Ortmanns Firma jpc heute zwar nicht mit dem US-Giganten mithalten – doch es scheint, als habe sich das Unternehmen in einer durchaus profitablen Nische profiliert.

„Wir sind die Spezialisten im Bereich Jazz und Klassik“, sagt Ortmann; hier bestehe die stärkste Kundenbindung. Der Geschäftsführer führt das auch darauf zurück, dass jpc „ein Vielfaches an Informationen“ über seine Produkte zur Verfügung stelle. Die 15 Mitarbeiter im Einkauf betreuen auch die Internetseite und das Kundenmagazin „jpc courier“. Sie prüfen, überarbeiten und ergänzen Produktbeschreibungen, vervollständigen Titelangaben, gleichen Cover-Abbildungen ab. „Ich glaube nicht, dass Amazon sich diese Mühe macht“, sagt Ortmann.

Kein Preiskampf

Auf einen Preiskampf mit den Wettbewerbern will sich Ortmann nicht einlassen. „Wer möchte, kann eine Neuerscheinung ja für 9,99 Euro bei Mediamarkt oder Saturn kaufen“, sagt er – und scheint um seine Kunden nicht zu fürchten: „Ich nehme an, dass sich sehr, sehr viele Leute bei uns wohler fühlen, und das ist der Sinn der Sache.“ Ohnehin sei jpc „über alle Produkte hinweg“ günstiger als etwa Amazon.

Insgesamt hat jpc 90 feste Mitarbeiter. Neben den Einkäufern sind hier Kundenbetreuer, Buchführer und inzwischen auch Grafiker und Programmierer beschäftigt, zudem die Kollegen im Vertrieb. Der Großteil der Waren wird direkt aus dem 1990 bezogenen Firmensitz in Georgsmarienhütte versandt. 77000 Produkte sind Ortmann zufolge ständig am Lager, über Zulieferer und Partner seien insgesamt 480000 Produkte lieferbar.

Der Firmenname ist dabei zwar weiterhin Programm, zum Teil aber auch überholt: jpc steht für Jazz, Pop und Classic – doch längst schon verkauft der Versandhändler auch Filme und Bücher. Selbst Plattenspieler und Lautsprecher finden Musikliebhaber hier – wenngleich die Abnahme in nicht nennenswerten Mengen erfolgt, wie Ortmann zugibt.

38 Millionen Euro Umsatz erzielte jpc seinen Angaben zufolge im Jahr 2013, indem es 1017556 Lieferungen an rund 285000 Kunden verschickte. Allein 131000 davon seien Neukunden gewesen, sagt Ortmann – wohl wissend, dass viele von ihnen möglicherweise nur ein einziges Mal bestellt haben.

Comeback der Schallplatte

Die Hälfte der Bestellungen entfällt Ortmann zufolge auf den Bereich Pop und Jazz, knapp ein Viertel auf klassische Musik. Der Rest verteilt sich auf Filme, Bücher und Noten. Ein Comeback erlebt die Schallplatte, die mehr als ein Viertel des Geschäfts im Bereich Popmusik ausmacht – Tendenz steigend. „Dabei waren wir froh, als wir die Schallplatten endlich los waren“, sagt Ortmann – im Lager brauchen sie nun mal deutlich mehr Platz als die handlichen CDs.

Jede zehnte Lieferung im vergangenen Jahr ging ins Ausland – den Slogan „your global music player“ hat jpc offenbar nicht grundlos gewählt. „Gerade klassische Musik exportieren wir sehr viel, vor allem in die USA, nach China, Südkorea und in die europäischen Nachbarstaaten“, sagt Ortmann. Heute sei jpc der größte Klassik-Anbieter Europas.

Eigenes Klassiklabel

Die Expertise im Bereich Klassik drückt sich auch in der Marke cpo – classic production osnabrück – aus. 1986 von Ortmann als Musiklabel gegründet, ist cpo bis heute ein Aushängeschild des Versandhändlers. Zwei Musikwissenschaftler erarbeiten sechs bis sieben Neuerscheinungen pro Monat, 966 cpo-Produktionen sind derzeit verfügbar. Knapp 1,3 Millionen Euro Umsatz bringt die hauseigene Klassikproduktion, die Hälfte davon im Ausland.

Doch auch im Bereich Jazz können die Georgsmarienhütter punkten: Nachdem sie 2008 bereits den renommierten Musikpreis Echo als „Handelspartner des Jahres“ gewonnen hatten, wurden sie im vergangenen Jahr auch als „Händler des Jahres“ mit dem Jazz-Echo geehrt.

Bekanntheitsproblem in der Heimat

Trotzdem hat Ortmann, der 1973 im inzwischen stillgelegten Osnabrücker Neumarkttunnel seinen ersten Plattenladen eröffnete, ausgerechnet in seiner Heimat ein Bekanntheitsproblem: „Immer wieder werde ich ganz erstaunt angesprochen: ‚Wie, jpc gibt’s noch?‘“, sagt er. Fast vier Jahrzehnte lang betrieb jpc Läden im gesamten Nordwesten, 2009 schloss die letzte Filiale – zu unrentabel war der stationäre Handel geworden. „Wir haben glücklicherweise nicht zu spät reagiert“, sagt Ortmann und verweist auf die Weltbild-Insolvenz. Doch mit Schließung der letzten Filiale sei jpc offenbar bei vielen Menschen aus dem Bewusstsein geraten, sagt Ortmann. „Dabei gibt es uns noch, und es geht uns besser denn je. “

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