Wesjohann rechnet mit steigenden Preisen Wiesenhof-Chef: Skandale nie auszuschließen

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Rechterfeld. Fußball-WM und schöne Sommertage haben das Grillgeschäft beim Geflügelfleischproduzenten Nummer eins Wiesenhof angekurbelt, sagt Firmenchef Peter Wesjohann. Er prognostiziert im Interview aber auch: Fleisch wird künftig teurer. Und: Skandale in der Lebensmittelbranche ließen sich nie ganz ausschließen.

Herr Wesjohann, die Bundesregierung hat eine Offensive in Sachen Tierschutz gestartet. Wird Ihnen angst und bange?

Im Gegenteil: Wir begrüßen alle Initiativen in diesem Bereich. Unser Unternehmen ist seit Jahrzehnten an diesem Thema dran. Da sind wir Experten. Der Standard unserer Hähnchenhaltung ist extrem hoch. Und wir arbeiten an einer weiteren Verbesserung. Das gilt auch für alternative Haltungsformen.

Sie meinen vermutlich die Wiesenhof-Marke Privathof-Geflügel , die mit höheren Haltungsstandards wirbt. Lohnt sich das für Ihr Unternehmen?

Daran haben wir zwei Jahre mit Millionenaufwand geforscht. Das Ergebnis ist ein Hähnchen, das mehr Tierwohl im Stall genießt, dafür an der Ladentheke aber auch etwa 40 Prozent teurer ist. Wir sind hier im Austausch mit dem Deutschen Tierschutzbund . Derzeit liegt der Anteil an der Wiesenhof-Produktion bei zwei bis drei Prozent. Erstes Ziel ist ein Anteil von fünf Prozent am Gesamtverbrauch.

Es heißt immer, der Kunde wolle Billigfleisch…

Viele Deutsche setzen andere Prioritäten als Lebensmittel. Es wird lieber in einen Urlaub oder Autos investiert als in Lebensmittel . Andere können sich teure Produkte schlichtweg nicht leisten. Der Preis ist der limitierende Faktor beim Thema Tierwohl. Es gilt aber: Auch die normale Haltungsform in Deutschland hat einen viel höheren Standard als in anderen europäischen Ländern.

Beispiel?

Die Besatzdichte in deutschen Ställen liegt bei rund 39 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter. In anderen Ländern sind es etwa 42 Kilo. Und derzeit laufen hierzulande Gespräche zwischen den Beteiligten, die Besatzdichte in Deutschland noch weiter - um etwa zehn Prozent – zu reduzieren. Ich bin zuversichtlich, dass das gelingt.

Aldi hat die Fleischpreise Anfang des Jahres gesenkt. Torpediert das nicht Bestrebungen nach mehr Tierschutz?

Preisschwankungen gehören zum Geschäft und kommen auch in anderen Branchen vor. Ebenso gut können Preise auch steigen. Aber fest steht auch: Tierwohl-Produkte kann es auf Dauer am Markt nur geben, wenn der Mehraufwand finanziert wird.

Wo sehen Sie denn die Geflügelfleischpreise in Deutschland in Zukunft? Noch tiefer im Keller?

Ich bin kein Hellseher. Sicherlich: Angebot und Nachfrage werden zu einer Konsolidierung auf dem Markt führen. Nicht alle Anbieter werden in fünf Jahren noch am Markt sein. Auch deswegen erwarte ich künftig höhere Preise.

Ihr Unternehmen hat Anteile an einem der größten Hähnchenfleischproduzenten der Niederlande erworben. Wozu?

Wir beteiligen uns an dem Familienunternehmen, um künftig bestimmte Märkte außerhalb von Deutschland besser erschließen zu können: der gesamte Benelux-Raum, aber auch Groß-Britannien.

Wo sehen Sie Wachstumsmärkte?

Zunächst einmal gehe ich davon aus, dass der Geflügelfleischverbrauch pro Kopf auch in Deutschland weiter zunehmen wird. Das Kerngeschäft werden wir auch künftig in Deutschland machen. Außerhalb der EU erwarte ich besonders in Asien einen Boom des Geflügelfleisches. Ob davon aber Produzenten aus Deutschland profitieren können, halte ich für fraglich, da in Deutschland teurer produziert wird als in Asien selbst.

Sie wollen in Wietzen einen neuen Schlachthof bauen. Wollen Sie ihre Marktführerposition in Deutschland ausbauen?

Da muss ich korrigieren: Der Standort Wietzen muss über kurz oder lang modernisiert werden. Es könnte günstiger sein, gleich einen neuen Schlachthof zu bauen. Es geht nicht um eine Ausweitung der Schlachtmengen, sondern um eine Modernisierung. Wir haben den Bauantrag jetzt erst einmal gestellt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist aber noch nicht klar, wann wir tatsächlich bauen.

Sommerzeit ist Grillzeit. Zudem auch noch Fußballweltmeisterschaft. Wie liefen die letzten Monate?

Das gute Wetter in Teilen von Deutschland und die WM haben sich sehr positiv ausgewirkt: Wir haben etwa sechs Prozent mehr Geflügelfleisch abgesetzt als im vergangenen Sommer.

Sie werben auf den Trikots von Fußball-Bundesligist Werder Bremen. Wie wirkt sich das auf Ihr Unternehmen aus, anfangs standen Sie sehr in der Kritik.

Wir haben gewusst, was uns erwartet. Wir wollen mit diesem Sponsoring eine Versachlichung der Tierhaltungsdebatte erreichen. Das geht nur, wenn uns die Leute auch zu hören. Unser Sponsoring macht das möglich, die Diskussion ist angestoßen: Wir kommunizieren offen und transparent. Das kommt gut an.

Schockbilder aus Ställen, wie sie in den vergangenen Jahren immer mal wieder Wiesenhof in die Bredouille gebracht haben, gehören also der Vergangenheit an?

Das kann ich nicht zusichern. Die allermeisten Bauern sind Spitze in Sachen Tierhaltung. Trotz aller Kontrollen wird es aber auch immer Ausnahmen geben. Das gibt es in jeder Branche. Einzelfälle sind nie ganz auszuschließen. Wichtig ist, dass wir sofort handeln, wenn gegen den Tierschutz verstoßen wird.

Geht es Wiesenhof-Hähnchen zu Lebzeiten denn besser als ihren Vorfahren vor zehn Jahren?

Ja, weil wir ständig an Verbesserungen arbeiten. Vor 50 Jahren sind etwa die Hälfte der Hähnchen im Stall während der Mast gestorben. Heute liegt die Quote durchschnittlich bei zwei bis drei Prozent. Das heißt: Die gute, heile Welt aus alten Zeiten, hat es nie so gegeben, wie sie heute gemalt wird.

Ihre Kollegen von der Rügenwalder-Mühle wollen künftig 30 Prozent des Umsatzes mit vegetarischen Produkten erzielen. Haben Sie ähnliche Ziele?

Vegetarier und Veganer sind eine Zielgruppe, mit der man sich befassen muss. Das gilt auch für uns, auch wenn der Anteil am Gesamtmarkt noch sehr gering ist.

Ihre Unternehmensgruppe war Teil des sogenannten Wurstkartells. Haben Sie das Bußgeld schon geschluckt?

Wir haben Einspruch gegen den Bescheid des Kartellamtes eingelegt, weil wir nicht zu dem Kartell gehört haben. Jetzt warten wir ab, was dabei weiter herauskommt.


Die Marke Wiesenhof gehört zu der PHW-Gruppe mit Sitz in Rechterfeld im Landkreis Vechta. Vorstandsvorsitzender der Gruppe mit mehr als 5700 Mitarbeitern verteilt auf 40 angeschlossene Unternehmen ist in dritter Generation Peter Wesjohann. Der Gesamtumsatz betrug im Geschäftsjahr 2012/2013 rund 2,45 Milliarden Euro, davon entfielen 1,4 Milliarden Euro auf die Marke Wiesenhof. Der Absatz von Hähnchen-, Puten- und Entenfleisch liegt bei mehr als 500000 Tonnen im Jahr.

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