Städte leiden unter Kaufhaus-Krise Ehemalige Hertie-Häuser stehen seit Jahren leer

Von Joachim Göres

Meine Nachrichten

Um das Thema Wirtschaft Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Welche Karstadt-Filialen können sich halten? Das ist derzeit noch offen. Frühere Hertie-Kaufhäuser stehen seit Jahren leer. Foto: Wolfgang KummWelche Karstadt-Filialen können sich halten? Das ist derzeit noch offen. Frühere Hertie-Kaufhäuser stehen seit Jahren leer. Foto: Wolfgang Kumm

Essen. Karstadt wird österreichisch. Wegen des Verkaufs des Warenhaus-Konzerns durch den bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen an den Immobilieninvestor Wiener René Benko hat die Bundesregierung den Erwerber aufgefordert, die Interessen der 17000 Beschäftigten bei der Sanierung angemessen zu berücksichtigen. Denn die Belegschaft blickt verunsichert in die Zukunft. Laut „Focus“ sind 29 Warenhäuser gefährdet, darunter solche in Bremerhaven, Gütersloh und Goslar.

Auch Kommunalpolitiker gerade an den kleineren Karstadt-Standorten sind beunruhigt. Nach Meinung von Experten haben von den derzeit bundesweit 83 Karstadt - und 105 Kaufhaus-Warenhäusern nur rund 75 eine Perspektive, und zwar in Städten mit mindestens 200000 Einwohnern. Doch was machen Kommunen, wenn das einzige Kaufhaus am Ort dichtmacht?

Im 20000 Einwohner zählenden Eschwege in Nordhessen schloss Hertie 2008 sein Haus mit 4500 Quadratmetern Verkaufsfläche. „Für andere Orte ist das nicht viel, aber bei uns machte das ein Viertel der Verkaufsfläche aus. Dadurch kamen 50 Prozent weniger Kunden in die Stadt“, sagt Eschweges Wirtschaftsförderer Wolfgang Conrad. Die Folge: Der Leerstand der übrigen Geschäfte nahm dramatisch zu. Eine landeseigene Projektentwicklungsgesellschaft kaufte die Liegenschaft und ließ sie in Zusammenarbeit mit der Stadt Eschwege umbauen. Heute gibt es auf drei Etagen acht Geschäfte wie zum Beispiel ein Modegeschäft, eine Buchhandlung oder ein Café, zwei Läden stehen leer. Monatlich kommen in etwa wieder so viele Besucher in die Ende 2010 eingeweihte Schlossgalerie wie früher zu Hertie, auch das Ladensterben konnte gestoppt werden.

Doch immer noch stehen bundesweit mehr als ein Dutzend ehemaliger Hertie-Kaufhäuser in zentraler Innenstadtlage inzwischen seit Jahren leer, so auch in Delmenhorst, Gladbeck und Herne. Private Investoren werden meist nur aktiv, wenn sie sicher sind, genügend Mieter zu finden.

In Wolfenbüttel hat der Stadt das Warten auf einen Investor zu lange gedauert – sie hat rund fünf Millionen Euro gezahlt, um Hertie zum Teil abzureißen. 2015 sollen dort nach einem Umbau sechs Ladengeschäfte öffnen. In Hamm wurde das Ex-Kaufhaus Horten, das sieben Jahre leerstand, abgerissen und als fünfstöckiger Neubau mit Bibliothek, Volkshochschule und privater Hochschule wiedereröffnet. In Cuxhaven wird das fünfgeschossige ehemalige Hertie von einem privaten Investor abgerissen und als eingeschossiges Shopping-Center mit verschiedenen Läden wiedereröffnet.„Meist haben ungenutzte Kaufhäuser nur nach einem Umbau eine Chance. Ein einziger Eingang und eine Betonfassade, die nicht transparent ist, schrecken Kunden ab“, sagt Edgar Neufeld, Inhaber einer Immobilienberatungsfirma in Bochum und verweist auf die aus heutiger Sicht abschreckende Waschbeton-Architektur vieler Häuser. Zudem seien zu viele Stockwerke unbeliebt. Zwei gingen gerade noch, darüber nehme die Kundenfrequenz deutlich ab.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN