Bundesweiter Handel mit Quoten Milchproduktion verlagert sich nach Niedersachsen

Kühe in einer niedersächsischen Melkanlage: Die Milchproduktion in den nördlichen Bundesländern steigt, in den südlichen sinkt sieFoto: dpaKühe in einer niedersächsischen Melkanlage: Die Milchproduktion in den nördlichen Bundesländern steigt, in den südlichen sinkt sieFoto: dpa

Osnabrück. Es geht stets um Hunderttausende Tonnen Milch im Marktwert von Dutzenden Millionen Euro, und am Dienstag war es wieder so weit: Tausende Viehhalter in Deutschland haben auf der sogenannten Quotenbörse Milchlieferrechte gekauft und verkauft. Seit 1984 begrenzt die Europäische Union zwar die Milchmengen, die ihre Mitgliedsländer produzieren dürfen. Aber unter diesem Deckel lässt sie zu, dass Bauern mit ihren Milchquoten handeln.

Das tun sie in Deutschland eifrig, und zwar vor allem vom Süden in den Norden: Immer mehr Landwirte in Bayern und Baden-Württemberg geben die Milchproduktion auf und veräußern ihre Quoten an Landwirte in den an Grünland reichen Gegenden Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Nordrhein-Westfalens. Im Süden satteln viele um auf Tourismus, machen ihre Betriebe zu Ferienhöfen.und geben die Milcherzeugung auf. Ihre Kollegen im Norden erwerben die Milchlieferrechte und vergrößern ihre Herden. Das sei nur logisch, sagt Gabi von der Brelie, die Sprecherin des Bauernverbands Landvolk Niedersachsen: „Kleine Betriebe, wie sie im Süden häufig sind, mögen politisch gewollt sein, sie sind aber nicht wirtschaftlich.“Die Bauern im Norden hätten in den vergangenen Jahren viel Geld investiert, um an die Quoten aus dem Süden zu kommen.

Der Süden kleckert, der Norden klotzt: Bauern in Baden-Württemberg und Bayern betreiben häufig kleine Höfe, während ihre Kollegen im Norden die Milchviehhaltung in großen Betrieben intensivieren. In bayerischen Milchviehbetrieben stehen durchschnittlich 34 Kühe, in niedersächsischen 76.

Der Süd-Nord-Fluss der Milchrechte lässt sich auf den dreimal jährlich stattfindenden Quotenbörsen messen: Baden-Württemberg gab zwischen April 2012 und April 2014 Quoten für 23,5 Millionen Kilo Milch ab. Landwirte in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg dagegen erwarben in dieser Zeit die Lieferrechte für 170, 1 Millionen Kilo, ihre Kollegen in Nordrhein-Westfalen für 68,3 Millionen Kilo..

Und die Nachfrage übersteigt das Angebot: Auf der von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mitveranstalteten Quotenbörse am Dienstag gingen 183 Kaufinteressenten leer aus. Experten rechnen damit, dass die Süd-Nord-Wanderung weitergeht: Wir erwarten höhere Mengen dort, wo die Milchmenge auch jetzt schon wächst“, sagt Holger Thiele, Direktor des Informations- und Forschungszentrums für Ernährungswirtschaft in Kiel.

Der Grund für das Quotenhoch im Norden: Mit Milch lässt sich dank gestiegener Weltmarktpreise viel mehr Geld verdienen als noch vor einigen Jahren. Bekamen Landwirte in Deutschland 2006 im Jahresdurchschnitt 27,35 Cent für das Kilo, waren es 2013 bereits 37,69 Cent.

Milchviehhalter blicken nun erwartungsvoll dem 1.April 2015 entgegen. Dann fällt das Milchquotensystem der EU. Nord-Landwirte setzen darauf, dass sie auf einem quotenbefreiten Markt mit ihren großen Herden am besten vom internationalen, vor allem vom Milchdurst Chinas getriebenen Milchboom profitieren können.

Die Ballung der Milcherzeugung bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Vielerorts belastet Gülle die Böden. Umweltschützer gehen seit Langem gegen die massive Gülleausbringu ng auf die Barrikaden.

Auch dem niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Die Grünen) bereiten die Auswirkungen der immer intensiveren Milchviehhaltung Sorge. Er will mit einem „Weidemilchprogramm“ dafür sorgen, dass Milchkühe nicht nur in Ställen gehalten werden, sondern weiterhin auch auf Weiden grasen können. Dies diene auch dem Erhalt des Grünlandes.


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