Tiefe Einblicke in die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt Bundesratspräsident Weil unterwegs in Brasilien


São Paulo. Kaum hatte der Airbus 310 auf dem Rollfeld aufgesetzt, zwang eine plötzliche Anweisung des Towers den Piloten zu einem abrupten Bremsmanöver. Die niedersächsische Reisedelegation um Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) wurde mächtig durcheinandergeschüttelt.

Hier geht‘s zur Bildergalerie

Diese kleine Episode eignet sich gut als Symbolbild für die deutsch-brasilianischen Wirtschaftsbeziehungen: Die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt steht deutschen Unternehmen offen. Gespielt aber wird nach brasilianischen Regeln. Und die sind weder eindeutig noch kalkulierbar.

Sondieren, vorfühlen, bestehende Kontakte zu pflegen und auszubauen – so lautete gleichwohl ein Ziel der fast 25-köpfigen Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegation, die den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil auf seiner einwöchigen Reise begleitete.

„Der Karneval kam in diesem Jahr zu spät, die Fußballweltmeisterschaft zu früh und dann noch die Wahlen im Oktober, die vieles lähmen.“ Thomas Timm, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-brasilianischen Handelskammer (AHK), benannte die Faktoren, die 2014 zu wirtschaftlichen Dellen in dem Land führen würden. Gleichwohl appellierte er an die deutschen Delegationsmitglieder: „Damit Brasilien weiter wachsen kann, braucht das Land deutsche Spitzentechnologie.“

Mit einem Business-Center, angesiedelt bei der AHK in São Paulo, unterstützt das Land Niedersachsen seit 2011 ansiedlungswillige Unternehmen. Das gigantische Umfeld: 11,3 Millionen Menschen leben allein in São Paulo. Mit weiteren 20 Millionen Menschen existiert hier die drittgrößte Metropolregion der Welt. Die 250000 deutschen Industriearbeitsplätze machen São Paulo zum größten deutschen Industriestandort außerhalb Deutschlands.

Etwa 100 niedersächsische Unternehmen besitzen heute Niederlassungen in Brasilien. Landesweit sind es 1400 deutsche Unternehmen. Laut Wirtschaftsministerium behaupten sich neben den großen Playern wie Volkswagen oder Continental auch Firmen aus dem hiesigen Raum. Krone (Landtechnik, Spelle), Hellmann (Logistik, Osnabrück), Felix Schoeller (Papier, Osnabrück) und Fuchs (Gewürze, Dissen) sind ebenso wie der Windkraftanlagenbauer Enercon aus Aurich hier tätig.

In Brasilien stehen viele Zeichen auf Sturm. Die innenpolitischen Herausforderungen sind gewaltig. Viele Fußballfans aus aller Welt werden es während der Fußball-WM leidvoll spüren. Denn trotz hoher Steuern und Abgaben klagen die Brasilianer beispielsweise über eine katastrophale Infrastruktur. Metropolen wie São Paulo erleiden an manchen Tagen den Verkehrsinfarkt. Die Delegationsteilnehmer machten den unfreiwilligen Selbstversuch: zwei Kilometer Busfahrt in 60 Minuten. Aussteigen und Laufen bei Dunkelheit ist – je nach Bezirk – angesichts der hohen Kriminalität auch keine Alternative. Ein Ausweichen auf ein funktionierendes U-Bahn- bzw. Metronetz bleibt fast ein Ding der Unmöglichkeit – das gesamte Streckennetz beträgt gerade mal 70 Kilometer. Zum Vergleich: 3,5 Millionen Berlinern stehen 146 Kilometer Streckennetz zur Verfügung.

Das Krebsgeschwür Korruption lässt nach Aussagen von Insidern die Kosten für öffentliche Bauvorhaben explodieren. Termine werden nicht eingehalten, wie etwa die für die beiden Zugverbindungen mit den zwei Flughäfen in São Paulo.

Die Bevölkerung leidet – etwa unter einer ineffektiven Verwaltung und einem chaotischen Gesundheitssystem. Nicht von ungefähr entluden sich Zorn und Wut bei den Protesten während des Confed-Cups im vergangenen Jahr. „Der Staat liefert nicht, sondern investiert lieber in Prestigeprojekte“, bestätigen hochrangige deutsche Diplomaten.

Geld für Prestigeobjekte

Gemischte Gefühle bei manchen Delegationsmitgliedern hinterließ der Besuch des VW-Werks in Anchieta in der Nähe von São Paulo. VW als größter Automobilhersteller in Brasilien trägt auch heute noch maßgeblich zum nach wie vor positiven Image der deutschen Industrie bei. Vor 60 Jahren folgte dem Werben der brasilianischen Regierung nur der deutsche Autobauer VW. Es folgte eine Erfolgsgeschichte. Wie früher der Käfer läuft heute mit dem VW-Modell Golf das meistverkaufte Auto in Brasilien vom Band.

Volkswagen setzt in Brasilien Maßstäbe bei Aus- und Weiterbildung, fördert soziale Projekte und investiert bis 2018 rund 3,6 Milliarden Euro in moderne Produkte und Technologien. Der Rekordabsatz von 850000 Fahrzeugen im Jahr 2012 gilt als Messlatte. „Immer mehr Fahrzeuge für die jetzt schon verstopften Städte?“, stöhnte der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius, der Stephan Weil begleitete. „Ein ,Weiter wie bisher‘ kann es doch nicht geben!“

Protokollarisch hat die Reise, die Weil als amtierender Bundesratspräsident unternahm, Spuren hinterlassen: Es war der erste Besuch des Bundesrats seit 60 Jahren. Bei seinen politischen Gesprächen, etwa mit Vizepräsident Michel Temer oder Senatspräsident Renan Calheiros, lobte Weil die Erfolge im Kampf gegen die Armut und bei der Bildung.

Wie Brasilien funktioniert, erlebte Weil hautnah. Obwohl nicht geplant (und protokollarisch etwa in Deutschland undenkbar), nahm Senatspräsident Calheiros seinen deutschen „Amtskollegen“ mit in eine laufende Sitzung und räumte Weil kurzerhand Rederecht ein.

Das war historisch.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN